Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4876568-5968788-5969008--1570-4879229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit« i um die Wende des 18. Jahrhunderts war z. B. der königl. preuß. Hofmedailleur Ahraham Abramson, von dem neben den besten Portratmedaillen fast alle Gedenkmünzen auf den 7-jährigen Krieg und die Königen Luise stammen. Die Zahl der jüdischen Künstler in früheren Jahrhunderten war nullt sehr groll. Politische und soziale Einschränkungen machten ihnen die Betätigung als freie Künstler fast unmöglich. Das „zünftige Handwerk" war ihnen bis in das IM. Jahrhundert verboten, d. 'h. isiewurdcn in keine Innung aufgenommen, konnten also weder Lehrlinge noch Meister w erden. Bis in das 18. Jahrhundert hinein war ihnen V-ogar tlas das Betreten der Galerien untersagt, so dall sie im Erlernen wie in der Ausübung irgendeiner Kunst ganz, auf sich angewiesen waren. In einer sozial verelendeten Schicht, die im Kampfe um das Lebens« notwendigste ringt, kann keine Kunst erblühen. Den Juden war ein einziger Lichtstrahl in aller Not geblieben. Ihre lehre. Sie zu erhalten und zu fördern war ihr einziges Bestreben Erst nach langem Harren und Kämpfen öffnet sich ihnen die Welt. Und nun izeigt es sich, dall diese Menschen trotz, ihrer Abgesor.dertheit sich die Kraft eines lebendigen Volkes bewahrt haben, die sich auch dort bewährt, WO sie bisher zu Tatenlosigkeit gezwungen war. Erst das 1»), Jah; hundert brachte das Fallen der Ghttlomauein und gestattete den Juden freie Kunstbetitigung. Die Leistungen, die sie seitdem hierin aufzuweisen haben, beweisen, dal! nicht mangelnde Schöpferkraft sie der Kunst ferngehalten hat Es Ist vielmehr erstaunlich, wie schnell sie den Weg in dieses ihnen bislang verschlossene Oebiet gefunden und mit welcher Umsicht sie sich d:iriu heiniisch gemacht haben. Die erste Generation leidet allerdings noch an der mangelnden Erkenntnis intuitiven Schaffens. Es fehlt, trotz allen guten Willens und der besten Veranlagung, die Milieuerziehung. Aber bereits nach wenigen Jahrzehnten sind sie in die neue Sphäre soweit hineingewachsen, dall sie als Führer uii in die ersten Reihen treten. Einige Beispiele mögen das Gesagte erhärten. Die erste Generation der jüdischen Maler des 19. Jahrhunderts wird gekennzeichnet durch Namen Moritz Oppenheim, Isidor Kaufmann und Moritz Qottlieb. Wenn sie auch nicht unsere ältesten Künstler sind, charakterisieren sie doch eine besondere Kunstgattung oberflächlicher Oenremalcrei, die jüdisches Fühlen und Denken noch mit jüdischer Sentimentalität thematisch gleichstellen. Sie schließen sich der geltenden Modeströmung au, ohne Eigenes hinzuzufügen. .Viit dem erblühenden Impressionismus findet der Jude die seinem geistigen Erkennen und seinem Milieu adaequatere Sinnenwelt und nun beginnt ein schneller künstlerischer Aufstieg. Camille Pissaro, Jozcf Israels. Max Liebermann, Lesser Ury sind Wegbahner, werden anerkannte Größen, deren Namen der allgemeinen Kunst angehören. Ihnen folgen bis in die jüngsten Tage viele Meister in Stilen Ländern. In Frankreich, Schweden und Ungarn sind heute jüdische Maler die führenden Künstler der jungen Generation. Wenn Juden bereits in früheren Jahrzehnten, besonders auf dem Oebicte des Porträts, Ausgezeichnetes geleistet haben, so kann man heute mit Lug und Recht behaupten, daß sie hierin wohl das Bedeutendste in psychologischer Hinsieht darzustellen vermögen. Von den graphischen Künsten wäre vielleicht noch in erhöhterem Malle das gleiche zu sagen wie von der Malerei, liier ist cuerst die Wiedererstellung jüdischen Eigenlebens zu konstatieren. Das jüdische Buch kommt zu neuer Geltung. Etwas länger und schwieriger ist der Entwicklungsprozeß in der Plastik. In der ersten Generation des 19. Jahrhunderts erleben wir ein ähnliches Bild wie in der Malerei. Der Ruhm eines Antokolski als des bedeutendsten jüdischen Bildhauers dieser Zeit muß dahin eingeschränkt .verden, dall ihm als Moiuuueutalplastiker noch die absolute Einfachheit fehlt. Das Relief und die Kleinplastik ist seine Domäne. Um ihn gruppieren sich Künstler wie Elias Qünzburg, Leopold Bernstamm, Friedrich Beer und I lenrik Glvcensteiti, die man die Romantiker unter den Bildhauern nennen könnte. Die jüdische (iemeinschaft hat infolge religiöser Hemmnisse wenige oder fast gar keine plastischen Aufgaben zu vergeben. Die einzige Betätigungsmöglichkeit wäre - trotz einiger bildlicher Einschränkungen — die I riedhofskunst, die leider in einen traurigen Zustand fabrikmäßiger Handwerklichkeil geraten ist. In früheren Zeiten wurde auf individuell künstlerischen GrabmalscbmUCk bei aller Bescheidenheit größerer Wert gelegt als heute. Hier bieten sich unsere.i Künstlern Aufgaben, wie es z. B. einige Arbeiten des Münchner 'Bildhauers Arnold Zadikow, der zu unseren bedeutendsten Plastikern zahlt, beweisen. Abel die Werke auch mancher anderer, wie Benno Elkans, K. H. Isensteins, Moise Kogans verlangen nach monumentaler Gestaltung und leiden durch den Mangel allgemeinen Interesses. Auller Benno Elkan ist es von diesen Künstlern noch keinem beschieden gewesen, ein öffentliches Denkmal zu errichten. Er sowohl wie Arnold Zadikow sind Führer der modernen Medaillenkunst geworden, ihre großen Entwürfe aber schlummern, wie die eines Raphael Chamizer, in (iips und harren vergeblich ihrer Auferstehung in Bronze und Marmor. Es wäre Pflicht unserer Gemeinschaften, größere Monumentalaufgaben au unsere judischen Künstler zu vergeben, damit sie endlich Gelegenheit fänden, ihr Können mit dem der anderen Künstler zu messen. Dem jndischeu Architekten erwachsen von Seiten des jüdischen Kultus keine besonderen Aufgaben. Der Synagogenbau hat keine eigenen Formen gefunden und scheint auch keine eigenen Wege zu gehen, sondern in dem seit langem gebräuchlichen Stil weiterhin sich allgemeinen Bauten anzuschließen. Das grolle Problem der letzten Jahrzehnte ist der Profanbau als Stätte werktätiger Arbeit. Wie schnell es hierin Juden zu vorbildlichen Leistungen gebracht haben, beweist allein vehun der Nane Alfie l Messel, der den modernen Warenhausstil geschaffen. Der < ein JtlOi eigen Praktischkeitssinn befähigt ihn, im in« - i nen Bauleben eine bedeutsame Rolle zu spielen. I lier aber stellt sich ihm die in öffentlichen, besonders staatlichen Angelegenheiten starke Judentcindlichkcii entgegen, die ihn von vornherein bei Konkurrenzen fast regelmäßig ausschließt. Wir besitzen die Kräfte, um mit den anderen zu wetteifern, wir haben die Städtebaumeister und weitschauenden Konstrukteure, aber man läßt uns nicht an; Werk. Neue (Ghetto mauern drohen uns zu umschließe.i, wir aber wollen uns in unserem Tun nicht beeinflussen lassen, sondern mit dem Rechte der geististigen Freiheit unsere Kräfte auch weiterhin den bildenden Künsten widmen und unseren Ehrgeiz und Stolz dareinsetzen, Führet und Wegbahner in der Kunst zu sein. ©TÄGLICH ÜBEK 100 000 AUFLA61 e? «j u- X» CT> r~ o ZT. C CD fleueJteip^iger 5 Jeitis ncr BglUüSPP-IS 1.X) HOVATUCH PQSTBEZUü iv^oXi/L. BESTELLGtLD C3 C5 O er o CD C3 täglich Ober 100000 aufla6e<