Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 2 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite QEMEINDEBLATT DLR ISRAELITISCHEN REUOIONSQEMEINDE, LLIPZIG eine solche Lehranstalt für freie Wissenschaft des Judentum! EU besitzen, die erst vor kurzem das 20-jährige Jubiläum ihres Bestehens feiern konnte, Gegründet wurde die Anstalt im Jahre 1003 und eröffnet wurde sie Im Jahre 1907. Her Qründer war ein einfacher Privatmann) ein hervorragender Bürger von Philadelphia! der Rechttanwall Moses Aharon Dropsie. Qetrleben, wie er sagt, von dem in den Vereinigten Staaten sich immer mehr geltend Machenden Bedürfnis nach einer gründlicheren und systematischeren Ausbildung in der Wissenschaft des Judentums, einen Bedürfnis, welches die ernste Sorge jedes treuen, die Religion seiner Vorfahren ehrfürchtig liebenden Israeliten bildete, vermachte er der Anstalt sein ganzes Vermögen von mehreren hunderttausend Dollars und ordnete an. dali die Zulassung zum Studiuni ohne Unterschied des Olaubens, der Hautfarbe und des Qeschlechti /u erfolgen habe. Der Staat verlieh der Hochschule das Recht, den Titel ein - Doktors der Philosophie ZU verleihen. Sie verfolgt das Zic\ graduierten Studierenden eine höhere wissenschaftliche Ausbili; g in diesen Fiebern ZU gewähren, als sie an der Universität erworben werden kann. Die Verwaltung ruht in den I landen eines Coaritees, dem einige der besten Männer unter den Juden der Vereinigten Staaten angehören, als Präsident steht an der Spitze Prof. Dr. CyrUS Adler, einer der vielseitigsten und energischsten Organisatoren des geistigen und sozialen Lebens in Amerika. Ihm ist die Leitung einiger weiterer Institutionen von gleichem Rang und Bedeutung anvertraut. Lr-t vor wenigen Tagen bezeichnete ein hervorragender Amerikaner Prof. Cyrill Adler als „The Trustee of the Jewish people of America" (den Treuhänder des jüdischen Volkes von Amerika). Die degenstände de- Studiums sind folgende: hebräische Sprache und Grammatik, biblische I iteratur. die hebräische Bibel und ihre Uebersetzungen, besonders die aramäischen und die griechischen, biblische Geschichte und Archäologie, rabbinische Literatur, namentlich die beiden Talmude und die Midraschim, die dem Hebräischen verwandten Sprachen und Literaturen, namentlich Babylonisch, Assyrisch, Arabiscl Syrisch. Aethiopisch, Saroaritanisch und Pböuiziscli, semitische PaliOgraphle und Archäologie, ägyptische Sprache und l iteratur, Pädagogik, Kulturgeschichte, jüdische Geschichte und Literaturgeschichte alter und moderner Zeit. Alliier den Vorträgen der Professoren werden Seminarübungen abgehalten, auf denen das Hauptgewicht ruht. Die Professoren halten auch populäre Vorlesungen, die dem breiten Publikum zugänglich sind. Kollcgieilgelder werden nicht erhoben. Studenten, die gute Seminararbeiteii liefern, erhalten Stipendien von je 5(H) Dollar jährlich. (Die Anstalt bat eine Bibliothek ovn 29000 Bänden). Aus dem soeben erschienenen Rechenschaftsbericht für 1926-27 geht hervor, daß das College in diesem Jahre von Sechsundsechzig Hörern, darunter neunzehn weiblichen, besucht wurde, wie viele Andersgläubige und Andersfarbige darunter waren, geht natürlich aus den Namen nicht hervor. Unter den seit 1912 graduiertes] 25 Doktoren war mindestens einer ein Christ. Das geht aus dei Angabe hervor, daß er ein christliches theologisches Seminar absolviert hatte. Unter den Professoren begegne l »lr einem < >etcrrcicher, dem rühmlich bekannten Aegyptologen Dr. Nathanad Reich, dem SproB einer hochangeseheiien oetterreichisch-ungarischen Rabbiperfamilia. Trotz des glänzenden Namens als Papyrologe, den ei sich in Oesterreich und Deutschland erworben hatte, konnte er hier keine Professur erhalten. CyniS Adler hat ihn an sich gezogen. Unter den Auspizien des Dropsic College gibt Professor Adler seit 1010 die neue Serie der Jewish Quarteralv Review heraus, w elche bis dahin 20 Jahre lang in London unter 4er Leitung von Claude (i. Montefiore, Israel Abrahams und Salomon Schechter einen ersten Rang innerhalb der jüdisch-wissenschaftlichen Literatur erworben hatte. Aucfa wir in Mitteleuropa waren einmal nahe daran, eine derartige Anstalt zu besitzen. Der Enkel eines der verdienstvollsten .\t.inner der Wissenschaft des Judentums hatte sich einträglicheren Beschäftigungen zegew endet und enorme Reichtümer zusammen gescharrt Am Abdul seines Lebens fing er an, sich für seinen berühmten (irolivater zu interessieren und lasste den Plan, zu dessen Andenken 'eine Art Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Jude n t u m s zu begründen. Er gedachte diesem /.wecke eine bedeutende Summe zuzuwenden. Leider aber starb er bald darauf. Der einzige Sohn und Elbe des grollen Vermögens hell sich alsbald nebst seinen drd Schw estern taufen. Amerika, du tiasj es besser. . . . Das Konzert des Jüd. Frauenbundes als kulturelle Aufgabe Von Barnet Licht. Die folgenden Ausführungen wollen auf die K'ulturaufgabe l"~ weisen, der da- Konzert des Jüdischen Frauenbundes die neu möchte Es soll nicht nochmals auf die Frage eingegangen werden, gibt es jüdische Musik oder nicht; es soll vielmehr die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt werden, dali jetzt viele judische Komponisten in ihrem Schaffen etwas spezifisch Jüdisches zeigen. Spezifisch jüdisch Insofern, als sie alte, dem Judentum vertraute Weisen sowie jüdische Sagen und Dichtungen verwenden, um sie in moderner Auffassung zu indischer musikalischer Ligenart zu prägen. Bisher schöpfte das Judentum seine Musik aus den -ynagogalcn Gesingen. Volkslieder im wahrsten Sinne des Wortes hatte es nicht. Was man, hauptsäi hlich im östlichen Judentum, als jüdische Lieder fccswkhnet, sind eigentlich nur Weisen, die ihren Ursprung wiederum im Verschiedensten überlieferten Motiven haben. Die modernen Komponisten bemühen sich nun, diese Motive in ihren Schalten festzuhalten, indem sie diese rein instrumental bearbeiten oder ihnen jüdische Dichtungen unterlegen. Viele judische Komponisten, die diese 1 igenart in ihrer Musik stark betonen, werden in der OeffentUchkeH oft übergangen. Darum muH Minen um so mehr daran gelegen sein, in ihrer eigenen Gemeinschaft einen Resonanzboden zu finden. Dafiir will das bevorstehende Konzert den Weg bereiten helfen. Dali diese Kunst auch aus rein künstlerischen Gesichtspunkten her- I aus jegliche Förderung verdient, soll der Abend iu jedem seiner Programmpunkte zeigen. Besonders hervorgehoben sei das Quartett Erich Walter Sternbergs, das Instrumental- und Vokal-Musik | iu idealer Weise vereint. Der Musikhistoriker Dr. Hugo Leichteiitritt (Berlin) sagt von ihm: „Der Name Erich W. Sternberg ist iu der musikalischen Welt zum er-ten Mal, und zwar sofort mit außerordentlicher Wertschätzung genannt worden, als vor vier Jahren in Berlin sein Streichquartett aufgeführt wurde. Sternberg stammt aus Berlin und hat seine musikalische Erziehung auch fast ausschließlich in dieser I Metropole der Musik genossen. -- Lr hat, trotz seiner modernen Eini Stellung, den Vorteil einer gründlichen Ausbildung in den technischen Dingen der Komposition. Lr ist nicht einseitig auf die radikale Kunst- Übung eingestellt, wie viele unserer Jüngsten, die der Meinung sind, man könne den natürlichen Entwicklungsprozeß der Kunst ignorieren, über ganze Zeitalter fröhlich hiuwegspringeu, brauche erst mit dem Jahre 1920 zu beginnen und könne sich schenken, das solide I landwerk der Komposition zu erlernen. Sternbergs Quartett zeigt, wie man im (leiste durchaus modern sein und doch einen sauberen logisch (gefügten Satz, schreiben kann, der nicht nötig hat, die < irainniatik der musikalischen Sprache mit Barbareien zu vergewaltigen. Da- Werk schööpfl aus drei Quellen: l.der musikalischen Tradition des Satzes; j 2. der modernen Umwälzung der Ideen und Methoden, die sich vorzugsweise mit dein Namen Arnold Schönberg verknüpft. J. dem 1 mp- Rndungskreis des ostwärts, dem Orient zu gerichteten jüdischen (iiistcs, zumal dieser letztgenannte Ausblick wird sich den Hörern des Quartetts, wie auch der Lieder Sternbergs zuerst aufdrängen. In der Wahl der Dichtungen sowohl wie auch im Pathos und dem elegischen Ton der Sternbergschen Melodik zei^t -ich dieser Drang nach; der Aufstellung eines ausgesprochenen jüdischen Typs