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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-01-06 · 1 (6.1.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
1 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 QEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REL1GIONSGEMEINDE, LEIPZIG Nr. 1 Franziska Mann oder „die Frau mit dem singenden Herzen". So hatte man die Verstorbene am treffendsten kennzeichnen können. Denn eben dieses singende, klingende, schwingende Herz, das nur die eine Melodie von der großen, erbarmenden, hilfafreudlgen Menschengüte kennt, aber diese Melodie in unzähligen Varianten ertöne« Mßt: Das war Franziska Mann - „Die ein/ige und ihr Eigentum" Jedes gefallige, feinsinnige Won der Poesie, das ihr gelang, keß sieh ersetzen durch eine gute Tat, die sie in der Nüchternheit prOMischen Alltags vollbrachte. Bei ihr gab es kein Mißverhältnis »wischen künstlerischem Schatten und menschlichen Wirken. Fran- ■iska Mann war erfüllt von Nietzsches „schenkender Tugend', die das I eben (das Leben anderer, aber such das eigene) reicher, wärmer, froher macht. Unablässig und unermüdlich hat sie das Licht ihrer Seele hineingetragen in jede noch so schwer eu erhellende Finsternis Entrechteter und Geknechteter. Jede Hilflosigkeit und Verlassenheit, jedes Verlorensein im I eben übte auf Franziska Mann eine magische Anziehungskraft aus. Kinder, alternde Mädchen, Proletarier: Ihnes silcn brachte sie Herz und Hirn und Hand entgegen. Franziska Man/1 war niemals Frauenrechtlerin, vermutlich auch weder vor oder nach de« 0. November 1013 Sozialdemokratin. Ihre selbstverständliche, •her auch selbstherrliche Menschlichkeit brauchte, ja vertrug wahrscheinlich i;ar keine Organisation. Ihr war die Botschaft von der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit eine eingeborene und darum Unveriu- 0er1iche Heilswahrheit. Und sie hätte sieh selbst verraten müssen, wenn sie hätte Verrat üben sollen aii eben diesem Odtte der I lebe der Verzeihung und Duldsamkeit. Wer die herbe, strengzflgige Frau mit dem klugen, hartgemeißelten, aahrzu männhehen Antlitz und der ebenso minnlichen Struktur des Korpers sah, der war fürbaß überrascht, fust hinter dieser strengen, nahezu harten Hülle <o viel riihrendcr Weichheit und Wärme zu begegnen. Aber puritanische Schlichtheit und Selbftbescheldung sind wohl untrennbar von dem ständigen Opferdienst für — Nlchtte und Ernste. An der Bahre von Franziska Mann haben viel verhutzelte •Ite Weihlcin und viele in d-r ersten Jugend begriffene Menschenkinder getrauert, d.nen sie m it riell und ideell zu ^che ke.i un 1 immer wieder zu schenken gewußt hatte. Franziska Mann hatte niemals •ppiger Hilfsfonds bedurft, um Menschen körperlich und geistig zu speisen, zu nähren, zu kleiden und zu erfreuen. Und sie. die l"ür sich setbst bar jeglichen Anspruchs gewesen und du-rh ein I eben voller Prüft:!, m geschritten wir: sie hatte ke ne no h so weiten Wege, keine ■och so hohen Treppen, k-i::e noch so häufigen Briefe gescheut, um besitzende Menschen aus der Trägheit des Herzens — die ihr verah- ■cbeuungswQrdigstes Laster dünkte — aufzuscheuchen und ihnen ihre höchste Pflicht, die Pflicht der werk titigen Nächstenliebe, in die Seelen hämmern. Um den minnlichen Kopf dieser unscheinbaren, von der Natur ein wenig stiefmütterlich behandelten Frau, deren ganzes Wesen die Bestimmung auszudrucken schien; „Und Dulden ist das Erbteil ihres Stamm es''; um diesen Kopf wob eigentlich immer ein unsichtbarer Heiligenschein. Und wer mit ihr sprach oder wer auch nur ihre Briefe — wiederum in einer charaktervoll männlichen Handschrift — las, der konnte allzeit ihr großes gütiges Herz singen hören. Seit Ausbruch des Krieges trat die Schriftstellerin hinter der sozialen Arbeiterin und der Helferin Franziska Mann zurück. Die willenskräftige und entschlossene Frau rief ohne großen Apparat, uhn' die Werbetrommel einer geräuschvollen Reklame, ohne besondere, von außen zuströmende Mittel und vor allen Dingen ohne die Motoren der Eitelkeit und des Ehrgeizes, lediglich dank persönlicher Initiative und nie versagender Energie eine Hillsstelle für Bekleidung ins ins Leben, wo drei Kriegsjahre hin lurch Tausende Bedürftiger kostenlos Kleidung und Schuhwerk erhielten. Aber auch außerhalb dieses Bezirkes sozialer Hilfeleistung setzte sie sich uneigennützig und un- \ verwüstlich mit Wort und Tat für Schwache, Kranke und Notleidend' | ein. Sie strebte — noch unter der Wilhelminischen Aera — weder! nach dem Luisenorden, noch nach einer Besichtigung ihrer Gründnn' I durch hohe und allerhöchste Personen, aber sie trocknete in "aller ■ Heimlichkeit manche Träne, sah manches Mutter- und Kinderange \ von frischem Mute und frischer Hoffnung glä.izen. Sie kannte nur eine Freude, und die hieß: (leben. Und während die apokalyptischen Reiter des Krieges über die arme zermarterte Erde Europas brauste«, . beschäftigte sich Franziska Mann damit, Mit tcr zu frosten und Kiuder zu streicheln .Wir wollen hoffen, daß weder die Mütter noch die Kinder ihr das vergessen werden. Und nach dem Kriege, als wirt- I schaftliche Not dem k. '.turtragenden Mittelstand zu ckrasicren drohte war wiederum Franziska Mann zur Stelle, um jenen, die plötzlich Theater, Musik und andere Kunstgenüsse entbehren musüen, einen Ersatz zu schenken in der Institution der von Franziska Mann ins Leben gerufenen „Lichten Sonntage". Auf den immer wieder an sie gerichteten Ruf Franziska Manns hin fanden sich Künst'er von Rang und Namen bereit, an diesen „Lichten Sonntagen'- den geistig und seelisch Darbenden uneigennützig das Mann großer und eiler Kunsf zu spenden. Der Wirkungskreis der „Lich.e.i Sonntage" ist, dank I ran/iska Manns rastloser Propaganda, von Jahr zu Jahr expansiver geworden. Die beinahe 70-jährige Frau mit dem jungen Herzen, durch das „ein brennendes Recht floß", wie Oerhart Hauptmann von seinem „Florian Geyer" sagt, hätte dem Leiien und der Kunst Wohl noch vieles zu geben gehabt. Das vorzeitig vollendete Dasein d« Franziska Mann aber, für das ihre Freunde, ihre Leser und die Schützlinge ihres „singenden Herzens" ihr Dank schulden, läßt sich wom am ehesten kennzeichnen mit dem Grimmschen Wort: „Das Letten,In Reinheit gefaßt und getragen vom Zauber der Sprache". aiadlmott«l Verbätitia -j. .1 i; Jen Die Reidtskonfereni der jüdische i LebrersdhaH U\ .München Am 27. und 28. Dezember wurde der nennte Veibandstag des Reichsverbandes judischer Lehrervereine In München abgehalten. In einer feierlichen Eröffnung der Tagung wurden die zahlreich eis hienenen Delegierten in einer stattlichen Reihe von Ansprachen begrüßt. Aus «Vr reichen Fülle von Gedanken, die in ihnen Ausdruck erhielten, seien einige herausgehoben. Mittelschullehrer Stern»Berlin, der Vorsitzende des Reichsverbandes, eröffnete den Ve bandstag und gab de« frohen (iefühlen Ausdruck, daß nun die jüdische Lehrerschaft Deutschlands in mustergültiger Einheit si< h zusammengeschlossen habe, vielleicht den Oemeindeverbinden zum Vorbild. Ideelle Fragen werden der Tagung das Gepräge geben, Wirtschaftslagen bleiben den Landesverbänden vorbehalten. Die ideellen Fragen si:il: 1. Sein oder Nichtsein der jüdischen Schule; 2. des Lehrer standet; 3. des fBeamten Judentums. Bankier Krämer beschloß den Reigen der edner, indem er als der Präsident der Münchener Loge des.U.O. B. B. zugleich auch für die JesaJa-Loge versicherte, da:i solch" Begrüßungssfieade nicht allein dekorativen Charakter hätten, sondern eine Uul- Slfc»trjtf der Nichtlehrer für die mühevolle und ve antwortungsreiche I Arbeit der jüdischen Lehrerschaft seien.—Chorgesang des jüdischen . Gesangvereins umrahmte die Veranstaltung. Im Mittelpunkt des ersten Verhandlungstages standen die Referate von Obcrstudicndirckior Dr. Driesen-Frankfurt a. M. aad Hauptlehrer Dr. Bamberger -Nürnberg über „Die jüdische Schule in ihrer Bedeutung für das gesamte judische Leben in Deutschland". Dr. Driesen, der der Versammlung seine Leitsitze u«terbreitete, untersuchte die Gründe, warum in der rdchtjüdischen Umwelt seit fast 1WK) Jahren die Idee Wurzel fassen konnte, da» -*: deutschen Juden, die eine religiöse, wirtschaftliche und geschäftliche Kleinschicht bilden, nach dem Grundsatz bewertet werden: „Minderheit bedeutet Minderwertigkeit '. Er sieht die Aulgabe der judischen Schule daiin, die Unwahrheil dieser Formel zu beweisen durch Eintreten für die Ideale der Heimat, des Glaubens und der Menschheit. — Das Referat des Hauptlehrers Dr. J. Bamberger« Nürnberg gipfelte in den folgenden Leitsätzen: 1(1). Die jüdische Schule erzieht jiidische Menschen auf Grund der jüdischen Seile (Bewahrung vor Vergiftung der jüdischen Seele im jugendlichen Aber mit all den häßlichen Folgeerscheinungen für Charakter usw.). (2). Sie pflegt den sozialen Gedanken im Sinne des jüdischen Schrifttums. (3). Sie vermittelt positive lebendige Kenntnisse jüdischen Inhalts und Erlebens. II. (4). Die jüdische Schule pflegt eine harmonische

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