Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4. 3aJV<nna, Hr. 1 6. Januar 19s Am-Mchzä HdxhrkMehUdi %^€r 0etneiMdeverwd>lt &*iäF,, ^*<«\ssj6.y Ätj^ig U PH Q«SBfin<!«bUtt Ticheint wMiontlich »m Freitag C-p Mi,s"ni'crn der Rclisionsnemeinde wird rj unnMHKB <unh die Post zugestellt. Eezugjfrali " Kt Wiciitmltglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigen annähme: W TUektfi OIockenatiaBf 11, Telephon 14+49. f<chrift!cilunq: Gemeinderehb. Oustav Cohn, Leipziq, Lohrstr, 10, Telephon 29641. :: Dreck und Verleg; W. Teicher, Leipzig, Olockenstr. II, Telephon 14449. An- «eigenprelre; Die 4 geapaltena mm-Ztiie 20 Pfg. Famiiier.- und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umauhlagsciten und Textinserate nach bcaond. Tarif. - Für den Inueratenteil: J. Kühne, Bauhofs!:. 9 (Telephon 14449). Die Schrililcitung übernimmt für die unter d'm Nhm dee Verfasseis eracheintnden Beitrüge und die Vei einsnachrichten nur die prefgesetzliche Versrtwortur,- Nachdp:ck nur mit Quellenangabe und Cenehmim» , des Verfassers gestiftet. Franziska Marrn Von Doris Wittner. Im ersten Drittel vorigen Monats verlor Deutschland, insbesondere aber das deutsche Judentum, eine seiner klügsten und gütigsten Frauen. Franziska Mann, der es nicht beschieden sein sollte, die Grenze des biblischen Alters zu erreichen, ist, nach einem werktätigen und segensreichen Leben, geräuschlos eingegangen in das grosse Schweinen, dem ihre zarte Seele von je verwandt gewesen, Franziska Mann war eine von den Stillen im Lande. Von den Stillen, sucht Stummen. Auf leisen Sohlen schritt ihre Dichtung wie ihre Menschlichkeit durchs Leben. Aber in ihren Fußspuren erblühten allzeit Glück und Gnade für andere. Es ist eigentlich merkwürdig, daß Franziska Manns Name in unserer mit vieltausend Pferdekräften dahinrasenden Zeit, noch dazu in der rauhen Welt der harten Ellenbogen und der noch härteren Fauste, gewissermassen wider ihren eigenen Wille bekannt und viel genannt wurde. Denn Franziska Manns ganzes Wesen drängte zu einer Selbstbescheidung, die an Selbstentäullerung gren/te. Man kann ist diesem seltenen Falle, wo die Kontinuität zwischen Künstlerschaft und Persönlichkeit in einem nahezu rührenden Grade gewahrt wurde, sricht ■mhiu, von dem Menschen Franziska Mann Kunde ZU tun, selbst wenn man vielleicht „nur" der Dichterin und Denkerin Franziska Mann gerecht werden wollte. Daten für den „Kürschner" oder für die neueste Literaturgeschichte — Meilensteine des Nachrühme« — mochten gut st in (ob/war Franziska Mann selbst darüber gelächelt hatte), aber eingezeichnet Stehen in der Heiligen Schrift jener Menschlichkeit, die man mit Fug Gottesnähe heißen könnte, ist besser. Und hl diesem Buche des Lebens, das man Nächstenliebe nennt, gebühren Franziska Mann zwei große leuchtende Sterne. Franziska Mann wurde im Jahre 1859 in Kolberg als Tochter des dortigen sehr angesehenen Arztes Dr. Hermann Hirschfeld geboren. Dr. Hirschfeld — auch er schon ein Helfer von Beruf und Neigung — hat sich große Verdienste um die Gründung des Bades Kolberg erworben und war wegen seiner Menschenfreundlichkeit s» geschätzt, daß ihm von der dankbaren Bevölkerung seiner Heimat «aal Denkmal gesetzt wurde. Der einzige Bruder von Franziska Mann asl der bekannte Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld, der •eia Leben dem Dienste wissenschaftlicher Aufklärung und uner- ■sdhrockeaer Barmherzigkeit, geübt an den Aermsten und Elendesten •einer Mitbürger, weiht und widmet. Es scheint demnach, daß die Liefcei» Menschheit sich Wer im Blute vererbt hat. Franziska Mann bt> fJM fllrc schriftstellerische Laufbahn erst auf der Höhe des Lebens, ssfe olne vollgereifte Frau von etwa 40 Jahren. Sie trat oivörderst mit epischen Arbeiten kleineren Maßstabes, die jedoch, gleich allen Schöpfungen Franziska Manns, lyrischen Charakter verrieten, an die Öffentlichkeit. Ihr erstes größerei Buch nannte sich „Könige ohne Land", ihr nächstes, Autsehen erregendes Werk, in dem Wissende oder Fühlende ein unbewußtes Selbstportrait erspürten, hieß „Das Mädchen mit dem singenden Herzen". Auch in Franziska Manns Brust schlug solch ein ewi^ (ringendes, klingendes, schwingendes Her* Und von diesem Herzen strömte ein großer Bhitstrom zum Hirn und von dort hinwieder ZU den schaffenden Händen, die immer neue zarte und zärtliche Geschichten wie „Frau Sophie und ihre Kinder". .;Alte Mädchen", „Kinder", ,,Von Kindern" oder das kleine Heft der Lebensweisheit „Wege hinauf" in die Welt schickten. Und immer waren eben der vornehmen Anmut eines gepflegten Stiles die tiefe Innigkeit und Innerlichkeit eines -- trotz aller tiefschürfenden Lchenskennt» nis — gläubigen und vertrauenden Menschen charakteft stisch für jedes künstlerische Erlebnis, das Franziska Manns Bücher ihren Lesern vermittelte. Etwas Lauteres, Queilfrisches und dabei doch Springlebendiges ging von diesen Büchern aus. Die Werke der Franziska Mann waren wie ihre Briefe und ihre Sprache: vollkommen ungekünstelt, aber rein und erquickend, wie ein guter und klarer Trunk. Sicher hat sie Werke geschrieben, die es verdienen, noch in Vieles] Auflagen des Kitrschnerschen I iterattirkalendeis Erwähnung ru finden. Ihre eigentlichen Werke aber, die sie fürwahr unsterblich machen, waren immer ihre Taten am lebenden Menschen. Es mochte wohl daran liegen, daß der Kopf dieser Frau in ihrem .Herzen wohnte, und daß dieses Herz immer andere Herzen suchte und — fand. Franziska Mann war keine jener sogenannten Wohltätigkeitshyänen, keine jener Philantropinnen, deren Taschen ständig vollgespickt sind mit Billeten für irgendwelche charitativen und sozial kleidsamen Zwecke. Man begegnete Franziska Mann niemals auf jenen Festen, wo man in tiefdekolletierter Abendrobe den Sektkelch und das Tanzbein schwingt zum Besten darbender Hererofrauen oder hungernder Aztekenkinder. Dort, wo Hummern, Kaviar und Austern in Massen vertilgt wurden — vielleicht als Symbol und Sympton lür die knurrenden Magen derer, zu deren Ehren solchergestalt getafelt und geschmaust ward, war Franziska Mann nicht zu erblicken. Sie war auch nicht von jenen, deren Namen, geschweige denn deren Spenden für und für in der Oeffentlichkeit erwähnt werden mussten. Aber sie war mehr als das. Sie war Charitas in Person. Sie vermochte;ea, aus dem Nichts ein Etwas zu schaffen, vermochte, die härtesten Gemüter au erweichen, wenn es zugunsten verschämter Armer oder heimlicher Schützlinge ging. Und eigentlich war auch ihre Dichtung nichts ah) gestaltete Menschenliebe. Das Pfauenrad persönlicher Eitelkeit kannte sie nicht. Sie hielt sich nur für das bescheidene OUed einer {groBen Gemeinschaft .Für diese Gemeinschaft aber warb und wirkte sie, stand sie als tapferer Soldat in Reih* und Oned.