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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-12-30 · 52 (30.12.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
52 (30.12.1927)
Date
1927-12-30
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seit« 2 GEXEINDEBLATT OER ISRAELITISCHEN RKLIGlüNSÜEMblN'JH, LEIPZIG 3. lahrr die deutsche Musik von der Italienischen infiziert und umgekehrt V'iut dennoch isl Brahms ein deutscher Meister und Verdi ein italienischer. Und so 1-1 die lynagogale Musik vorerst: die jüdische Musik. Und alle weltliche Musik und alle Kunstmusik ist nur dort jütüsch. wo sie den Atem der synagogalen Musik einsaugt, d. h. wo sie Motive dei Svnagoge verwendet. \t.m wird im Januar in Leipzig bei Qelegenheit der Darbietung neuer jüdischer Kunstmusik dies* Behauptungen nachprüfen Können. Ucber die wissenschaftlichen Merkmale jüdischer Musik werde ich in meinem einleitenden Vortrug zum genannten Abend mich näher auslassen. Vielleicht ist es mir auch hie und da gestattet, In diesen Blättern noch manches Wichtige auf diesem ungemein reichen und neuen Qebiete zu erörtern. «» Köterrasse it Von Dr. Felix Ooldmann Yor etwa vierzehn Tagen war es, da klingelte bei mir fortwährend das relephon, und eine große Anzahl von Qemeindemitgliedem fragte je nach dun Temperament zornig, ängstlich, ironisch oder energisch an. was ..man" denn dagegen zu tun gedenke, dafl die Nationalsozialisten in der Ankündigung einer Versammlung, die überall au den Plakatsäulen prangte, die Juden in geradezu widerlicher Weis« beschimpften. Sie hatten au sich Recht! Auch für jeni dt« mitten im politischen Leben »teilen und die den Ausbrüchen polii tischer Leidenschaft gegenüber ein dickes Fell haben, ging der Text der Ankündigung viel zu weit, denn abgesehen davon, daB er die luden in ihrer Gesamtheit schwerer Verbrechen bezichtigte, nannte er sie kur/ eine ..Kölcrrassc" 1 Von verschiedenen Seiten wurde die Polizeibehörde um ihr Einschreiten ersucht. Im Endergebnis hieb auch den Bemühungen der Erfolg nicht versagt. Hie Plakate verschwanden! Die Umstände aber Unter denen dies geschah, Sind derart deprimierend für die Rcclltsste'lung der Jmlen in Deutschland, dail sie /u einer sehr ernsten Betrachtung zwingen. Denn für die Beseitigung der anstößigen Plakate gab es keine gesetzliche II and habe Weg« n Beleidigung der deutschen Judenheil konnten du Verfasset des Anschlags nicht zur Verantwortung gezogen «erden, weil die Rechtsprechung des Reichsgerichts entschieden hat. da!' eine Kollektivbeleidigung der Juden nicht strafbar '«! Aufreizung zum Klassenhaß lag aber auch nicht vor, weil das Reichsgericht eine solche nur dort als vorliegend erachtet, wo direkt zu Gewalttätigkeiten aufgefordert wird. Nur wenn das Plakat miaute' bitte. dafl man die „Köterrasse" totschlagen solle, hätte die Behörde einen Grund /um Einschreiten gehabt. Und wer weiß, oh nicht dujuristische Weisheit irgend einer Instanz ein solches Verhalten der Polizei gemißbilligl hätte, weil ja doch eine Kasse ein abstrakter Begriff ist. gegen den man /ur Gewalttätigkeit nicht hetzen kann. Man lache nicht übet diese Konstruktion! AehnÜchcs ist einst zur Zeit des „berühmten" Großen Puckler des öfteren in Gerichtsurteilen cur Begründung seiner Freisprechung vorgebracht worden, und in der Rechtssprechung der letzten Zeit findet sich ohne daß ruh darum den guten Glauben der Richter anzweifeln darf vieles, das noch gewagter erscheint. Die Lektüre eines Buches, wie des von der deutschen Liga für Menschenrechte herausgegebenen ..Acht Jahre politische Justiz"*) ist geradezu erschütternd, und das Material, das j:.nj>st in Berlin einer vom Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufenen Juristenkonferenz**) vorgelegt wurde, beleuchtet selmri die Folgen der hellte nun einmal bestellenden Rechtskrisis im das Judentum, lud so lnm> es m Wahrheit Keine »Möglichkeit, au! gesetzlichem Wege gegen jene Oesinnungsroheil anzukämpfen, die das Entsetzen eines jeden gebildeten und anständigen Menschen erregte. Nur dem Entgegenkommen der Behörde, die ein ihr rivilrcchtlkh zustehendes Recht in diesem l alle in Anspruch nahm, war es zu danken, daß Abhilfe geschaffen wurde. Ein Recht, sich gegen so widerliche Verunglimpfung zu wehren, halt e n die J u d e n nicht' Du-er ganz« traurige Vorgang rückt wieder einmal die Notwendigkeit ih s intensiven Kampfes gegen den Antisemitismus in den Vordergrund, ei erinnert freilich auch an die geradezu trostlose Qlekhgtttigkeit der großen Mehrzahl unserer Glaubensgenossen in diesem Punkte. W enn ibs Geschrei der < lasse erklingt, w enn Schmutzkübcl von Ver- "» fterzel u Co. Verlag, Berlin W 10, Nolkndorfstr. 21a, 1»'2T. "*) Deutsches Judentum und Rechtskrisis (Aufsätze von Jacques ■stern. Erich Eyck und Bruno Weil), Beilin S. W. <>s. l9Z7;iPttUo-Verlag und Buchhandlung. , leumdungen und Beschimpfungen gegen die Juden ausgeschüttet werden, dann bekommt es auch der brave jüdische Spießbürger mit der An^st /u tun, und er schreit um Beistand und .'. lilfe. Wichtiger aber, als daß man nach dem Aufflammen des Brandes die Feuerwehr holt, ist die bedachte und vorsichtige Verhütung seines Ausbruchs. W er den Kampf gegen den Judenhaß dann beginnt, wenn die Fülle des Masses und der Zurücksetzung ihn ZU erschrecken beginnt, der bandelt kurzsichtig und töricht. Arbeit auf lange Sicht ist erforderlich! Das ganze deutsche Volk muß immer wieder w issen, daß Gerechtigkeit einer jeden Gemeinschaft Krone ist, in der Oeffentlichkeil unl bei den Trägern der Verwaltung und der Gesetzgebung, hei den Regierungen und den Parlamente l, muß immer wieder die mahnende un l warnende Stimme der Juden ertöneil. die die Verderblichkeit jeder Ausnahmegesetzgebung und unter einer solchen leben wir trotz des Wortlauts der Gesetze darum, weil sie zu unseren Ungunsten ausgelegt werden für das Ansehen und die innere Macht eines Lindes betont. Ts hilft nichts, wenn man sich über den antisemitischen Angriff und das Versagen der Staatsverwaltung empört! Man muß durch intensive Mitarbeit in der Politik, durch stete Kritik der Ucbel. durch unermüdliches Pochen auf das Recht dafür Sorgen, (lall die alte traditionelle judenfeindliche Reaktion weicht, und daß Gleichberechtigung und wirkliche Freiheit die (irundlajje des modernen Staates werden. Hätte man seit Jahrzehnten in diesem Sinne gewirkt, s.» wäre vielleicht heute ein wirksamer Schilt/ der jüdischen Fhr« vorbanden, und die nationalsozialistischen Helden, die an sich unsagbar feige sind und sich nur darum so unverfroren benehmen, weil sie wissen, dall das Oesetz sie schützt, wurden es gamichl w a^en, die Juden eine ,,Köterrasse" ZU nennen. Der beste Wille aber, hier eine Besserung ZU schaffest, scheitert leider an der skandalösen Qleichgiltigkeit unserer Glaubensgenossen selber. Die Forderung, ihre Kraft un l ihre Mittel in den Dienst der Abwehrorganisationen zu stellen, betrachten viele von ihnen als eine persönliche Beleidigung. Dall politische Arbeit von dem Willen von Menschen und von der Opfcrwiliigkcit d.-r Gesamtheit getragen sein muH, leuchtet ihnen nicht ein, und die wenigen, die den;<ampl igegeu den Antisemitismus zu ihrer Lebensaufgabe machen, werden als l armlose Narren oder als böswillige Schädiger des Vermögens der anderen betrachtet. Viele unserer Glaubensgenossen bandeln im Kampf gegen den Judenhali ungefähr so geistreich, wie wenn ein hoher Magistrat aus l rsparnisgründen die Feuerwehr oder der Staat den Seucbenschutz abschaffen wollte. Und der Antisemitismus ist wirkliches zerstörendes Feuer und fressende Seuche! Diese Gesinnung, die den Antisemitismus immer erst dann spurt, wenn Steine in die jüdischen l'enster fliegen, ist die Macht, mit der seihst t löttcr vergebens kämpfen, und solange sie regiert, herrscht in (iesetzgebung und Verwaltung finsterste Reaktion, eine großzügige und gründliche Bekämpfung des Judenhasses ist undenkbar, und ungestraft wird man uns immei wieder als „Köterrasse*' beschimpfen dürfen. Wir gehen Neuwahlen im Reiche und in den I ändern entgegen! Auch an uns Juden stellen sie hohe Forderungen. Wir sjnd keinerHnheitkcbf Partei, und doch haben wir eine Aufgabe. Denn überallhin nutssen wir Aufklärung streuen, überall müssen wir den Anklagen gegen Julien und Judentum entgegentreten, überall müssen wir den Sinn für Unbedingte Gerechtigkeit, die auch den Juden erwiesen wird, wecken. Da/u ist viel Arbeit nötig, da/u bedarf es jirollcr materieller Mittel. Vielleicht haben so traurig an sich die I eststeUtUg auch ist die llineii Nationalsozialisten uns durch ihre Beschimpfungen insofern einen Dienst erwiesen, als sie manchem die Augen für die Größe der Gefahi und die Notwendigkeit dei Abwehi ge5ffnet haben. Zeil wäre es, daß dein SO ist! /eil wäre es, dall die Juden ihre Pflicht hui. damit jede Ausnahmestellung jüdischer Bürger endlich beseitigt werde. Inn wir alle unsere sclbstverständßche Pflicht,; damit der dir den deutschen KuNUTStaal beschämende und ernied-- rigendc Zustand schwinde, dall man eine ganze Klasse sduet Börgci ungestraft als „Köterrasse" beschimpfen darf!

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