Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 51 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 zur Darstellung brachten, war keines, das so ostjüdische Gegenwart atmete, so scharl und lypisch gesehen, so modern war, wie Nombergs Schauspiel. «Die Familie" heißt es. Und den krassen Gegensatz der Generationen, das tragische Hauptmotiv tatsächlich der ostjüdisden Familie um die Jahrhundertwende, •behandelt es mit all den quälerischen Elfekten der reueren Bühie an einem gewiß nicht gerade idealisierten Musterfalle. Ein Stück Entwicklung ist bis 1907 vor sich gegangen. Die alte Generationen die reuen k< pitalislisden Lettrsbedingungen verpflanzt, wandelt nicht mthr ehrlich auf den Waden du Tradition. Man predigt noch Wasser, trinkt aber schon heimlich Wein. Die junge Generation der „Familie" veradtet ihre Väter, hat aber selbst keinen neuen Inhalt gesd allen. Nur in ihrem ßuhemetum drückt sich die ewig neue Fragestellung jeder noch nicht in die Prax s verknöcherten Jugend — letztlich nach dem Sinn des Lebens — aus. Der „Familie' gegenüber stehn die Überzeugt -Neuen, die revolutioriüen Idealisten. Zu ihnen strebt das bessere Ich der jüngeren Generation der „Familie", aber es lehlt ihr an Mut. Und jene Idealisten selbst sind geschlagen und verzweifelt. So versuch.! Ncmberg im vierten Akt plötzlich eine ganz neue Richtung einzuschlagen, um zu einem Ausweg, einem hollnungsvollen Schluß zu kommen. Es gelingt ihm peinlich vorbei. Besitzen vor allem die ersten zwei Akte (in der erpresserischen Tautdn hung des Sohnes) ein straff zusammenhaltendes Zentrum der Handlung, und ist der dritte Akt (der die idealistische Gegenseite schon viel schwächer darstellt) zumindest durch den wirkungsvollen Schluß ihnen noch angegliedert, so ist dieser vierte Akt nur angeklebt und w rd schließlich unmöglich banal. Die Wilnaer hatten ihn gestrichen. Doch lür die Zeit und für Nomberg ist er charakteristisch. Fs sind einige wahre Beobadtungen in ihm anzutrelfen. Nämlich die „Lösung", die der Bürger der Zeit gefunden hatte. Der Sohn, der sumpfende Student, ist zurückgekehrt ins Geschäft und hat die begeisterte Hochachluig des Vaters erworben: er ist ja ein viel tüchtigerer Unternehmer als der Vater. Dieser selbst, der gelungene, zähe, vom Leben etwas angeschmutzte, aber in allen Widersprüchen nicht unterzukriegende lixe Kleinbürger der ersten Akte (Nombergs stärkste Leistung) hat sich nun, in dem einige Jahre später spielenden vierten Akt, zur Ruhe setzen und seinem einstigen Ideal, dem Talmudsludium und den göttlichen Dingen, widmen könren. Also, die Harmonie ist da in der „Familie" Aber wir sind richtig „in der Famile geblieben". Kein Ausweg aus der Niederung der Widersprüche. Der Dichter konnte mit dieser beobachteten „Lösung" sich nicht zulriedengeben. Und da erscheint nun ganz überraschend und bei den Haaren herbeigezogen der Versuch, in einer Art von Zionismus lür alle Widersprüdte und Gegensätze eine große Versöhnung zu linden, wirklich noch nicht mal mit so viel oder vielmehr wenig Sorgfalt gestaltet, wie die p!özlichen Verlobungen am Schlüsse von Possen, Doppelverlobungen, die übrigens auch hier bei Ncmberg aufmarschieren. flHHnnmVt- In diesem vierten Akt duckt sich wie schließlich im ganzen Stuck, aus, wie Nomberg ins Leben der Gesellschalt aus seiner Isoliertheit zurückgefunhen hatte. Wie so viele andere ostjüdische Schriftsteller der Zeit hatte er zwisden Sozialismus und Zionismus gesdwankt. Wir Irelten ihn hier als Zionisten. Aber da war Nomberg denn doch nicht angelangt. Nomberg, der in steigendem Maße journalistisch tätig war, wurde 1916 eirer der Mitbegründer der Jüdischen Volkspart ei, war später auch Sejm-Abgeordneter. Der deklassierte Intellektuelle, der irrmer nur zweiflerisch verloren gelragt hatte: „L'nd vielleicht doch nidt? Und lohnt es denn überhaupt?", hatte mit ridtigem Instirkt lür seire Zugehörgkeit heimgefunden zum Kleinbürger, wie andere nich ihrer Art zum Proletarier, und wieder andere zum Zionistischen Bürgertum, halte eng realistisch und mit bescheidener Fantasie, wie ihm zukam, sich auf den Boden der Tatsachen gestellt; sagte nun gleichsam einladend: „Warum denn nicht? Bitte sehr, von mir aus..."(Vom Alles-Bezweifeln zum Alles Linräurrtn ist kein so gre ßer Sprurg eine Belonungsversdiedenheit!): und war das kluge, loyale, umgänglidie Männlein geworden, das auf seinen Reisen ourch die Welt rastend im Romanisden Cafe in Berlin an seinem Stammtisch als Arrivierter saß, während an anderen Tisden sdon der oder die Nadifolger saßen und verächtlich fühlten, der Mann hatte sich überlebt. Aber vielleidt flhlen sie heule dech auch, was er ilren gegeben und wieviel auch sie duidi ihn erst sind. Sein Name ist tief eingegraben in die Steintafeln der jüdischen Literatur. Er wird noch large leben, wenn nidt durd unmittelbare, so sider doch sdon durd Nombergs mittelbare Wirkung. Zwi Perez Chajes gestorben Am Dienstag, den l). Dezember, ist der Ober r ab bin er von Wien, Zwi Perez Chajes, im Alter ven öl Jahren einen Herzschlag erlegen. Iiis zu seiner letzten Lebensstundc .stand Dr. Chajes, «ne hervorragende I igur im jüdischen l eben der Degenwart, im Dienst« des Judentums. Noch am Abend vorher Wohnte er einer Tagung des Oesamt Vorstandes der judischen Studentenschaft Oester- «-eich» hei und nah drin in dieser Sitzung beschlossenen Proteste gegen die Verfolgung der jüdischen Studenten in Kumänicu und Ungarn durch seine Qegenwart Oewicht. Die Trauer der Wiener judenheit ist gross und wird wohl von der gesamten Juden heil der Welt mitempfunden werden. Zwi Perez Chajes wurde im Jahre IS7(> in Brody, Qaüzien, gefroren, studierte in Wien und wurde 1901 Sekretär am Wiener Orientalischen Institut. Schon in seiner Jugendzeit galt er als einer der aaervorragendsten Oricntologeii. l*l'2'» wurde er als Professor an -,: Universität Florenz berufen und lehrte auch am dortigen kabhincr- «eminar. 1912 wurde er /um Rabbiner von Triest gewählt IU1S wurde ttr als Nachfolger von (iüdmann zum Oberrabbiner von Wien gewählt •lad setzte so die Reihe der bedeutenden (ielehrten und Kanzelredner, dke in der Wiener Kultusgemeinde gewirkt haben, fort. Eine Keile von Dr. Ctmjeg, sei es auf der Kanzel, sei es im Versa mm hingssaal, war •stets dm Frrignis in der Wiener Judenheit. Dr. QUues gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der zionistische« Bewegung. In den Jahren 1921 bis »1925 war er Präsident des Kooianhcfcea Aktionskomitees. Er hat sich auch sehr viel um die Cll'Bliitntst und Organisation der Hebräischen Universität zu 'Jerusa- und war bis zuletzt Mitglied des Kuratoriums der Univcr- »TÄGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE o fteucJfoipjiger Jeitung BEZUGSPREIS 2.K MONATLICH M POSTBEZUG J.42 fiUVoC/iX. BESTELLGELD O r— cr> ua o •tAglich Ober 100000 aufläge«