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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-12-23 · 51 (23.12.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
51 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 3. jahrgatg die Figuren und Begebenheiten die jüdische Lokalfarbe mehr oder weniger verlieren und modern europäisches Leben sidi spiegelt: in verschiedenartiger Brechung. Audi Mendele, Scholem Alejchem und Perez waren selbst «europäische", „ weltliche" luden Siehalten al er von den anderen, vom Volk und zum Vo'k meis' gesprochen. Nun beginnt man von sidi selbst und EU sich selbst tu sprechen. Man kann zu n Teil Asch hierher rechnen, Abraham Reisen, dann aber besonders den Arbeiter dichter Pinski, in dessen Werken bereits das entstehende |üdisehe Proletariat o.ier Halbproletariat seine Stirn ne erhebt — und .im ausgesprochensten in die neue Richtung fallt Nomberg, Hauslehrer, Studenten, Künstle-, „Kursistinnen* sind die Helden seiner Novellen. In seinen Schriften spiegelt sich die neue, bodenlose, arme ostjlldische Intelligenz und Halbintelligenz, ihr Individualismus, ihre M ich I isigkeil und ihr Zweilei. Melancholie ist d-r Hiuptton in No.nberg's Erzählungen, aber Jas ist eine .Melancholie ohne Melos: nücherne, graue Verlorenheit. Dieser Pessimismus ist nicht Tendenz, er ist Natur. Win könnteihn v.ich auf N >m wrgsPny siszurück'.ulilhren. Aber er ist vor allem eben Ausdruck dieser vollkamuenen, ,. : i in?slosen Isoliertheit, in der sich derostjudisdie „Intelligent" befand 11 der Widerspie^e ung dieses Z istaidesist N »irnerg klassisch: sein Flügelmann, dieser tatenlose Donq aichotte der Relexion, ist sprichwörtlich geworden v\11 gleicher Kraft hatte bis zu ihm in der jUdisJie.iLiteratur das niemand auszudrücken gewußt Erst nach ihm hat Bergelson einen ähnlich in der Kleinstadl auftretenden Zustand erfaßt ind jenen Klang der Zusammenhangs- und / isigkeil allerdings nun voller Melodie und viel reicher ertönen lassen. N imberg bleibt nümern Audi die Liebe sieht er so. Gmz natürlich: dem fundamentlosen Deklassierten fehlt Möglichkeit, fehlt Mi', fehlt Krau und G aaoe zu mehr. Spiegelte die jü disJie Kussik vor allem das a!te Pamilienvernältnis und die , e >e me St lls d is R »m intischi und oftim tragischen Widerspruch dazu, so wird min bei Nomberg vergablich nach Familie suchen, und die Liebe ist ihm nicht das reiche üoerströ nende Gefühl, (i'ick spendend. Glück empfangend, — woher sollte de n slv p isji \V-e"v.e.'.-ti s i.iei Vertrauen kommen? — auch nicht d'e fortreißende Leiden schalt — woher dem Reflexionsmenschen die Kraft b'inder Selbstvergessenheit? — sondern etwas viel Xachterreres. Bewußteres, mehr Sinnenreiz nur, und so leicht ein Katz- und Miusspie! Se ist ihm, wie so manchem modeinen Europäer, der Kampf der G es hl echter, und natürlich einer, an dem seine schwachen Helden zerschellen. Hinter den Trüben, Nüchternen, tränenlosen vieler seiner Werke steckt jedoch eine tiefe, aber kraftiose Sehnsucht, Vn Knie einer Geschiiite voll oder Hoffnungslosigkeit weckt der Held—ein sch we gsamer, schwerfälliger Kopf, der seinen wenigen Gedanken um so liebevoller nachsinnt - den längst eingesdilafenen le'tgen issen,um ihn zu fragen, was wohl wäre, wenn alle Menschen blind sein worden, und einer streckte seine Hand so ins Finstere aus und träfe plötzlich eine andere Hand: wie würde er sie drücken! — Das ist so ein Zag, der in der h lifnungslosen Einsamkeit zugleich die schüchterne Sehnsacht malt. Aber auch dieses arme Träumen fehlt mintimil. Das enttäuschte alterndeMliehen legi frisch: weitie Wasche ai, streckt sich sorgfältig im frisiien weißen Bett zurechl und greift zun i-iäschchen G ft. Doch wie sie s> kühl sinnend, aul der Grenze zwischen Leben und Tod, daliegt, kommt ihr der Gedanke, daß sie ja so wunschlos, imnerauf der Grenze, auch leben könne; einmal aber wird die Manie aufgestört aus ihrem künstlichst] Erloschensein — und schreitet hinüber. Oft aber bildet geraietu Ekel, in einer grausamen, se!b?tgehässigen, q lalerischen harn mg die Grun istim nuug Der Mitbewohner stellt vor dem sJVMenden Zi nmergciossen, einem ehemaligen Jesdiiwah Zögling, der wegen Mitgifisstreitigkeiten die Krau verließ und scheiden w II, und der ihr «leichzeitig auf ihre Klagen liebesglü'iende Briefe schreibt, die er aber nicht absdvekt, weinend und zugleich wütend über die unnütze Ausgabe; und im Anhlick des zurückgeworfenen, unruhig schlafenden Hauptes, das sinnliche Träume an die verlassene junge Krau bewegen, kommt dem Betrachter der Wunsch, diese Gurgel zusammenzupressen, daß die Zunge herausspringt, und auf die Zunge zu speien. — Diese ohnmächtige Gehässigkeit hat etwas von Selbstgeißelung. Nomberg ist stark in solchen selbsiqjülerisehen, seltsamen und öden Zügen. Graue Verlorenheit, kraftlose Sehnsucht, Quälerei der Liebe, Enttäuschung, ohnmächtiger Selbsthaß — das sind die trüben Karben, mit denen der deklassierte, neue ..Intelligent" seine Welt malt. N cht immer gleidi vollendet. Aber jedenfalls hat Nomberg eigene, starke aesthetische Qualitäten entwickelt. Er is; nich Lyriker, wie gerade so viele ostjüdische Schriftsteller, er w.rf; nicht aus dem ersten Anreiz heraus eine Skizze nach der Eingebung des M »mentes hin. :.r ist Krzähier, er läßt seine Motive langsam und bedächtig in sich reifen, er entwickelt fein und vorsichtig.(Aus Impulsen des Moments mögen eher seine Feuilletons entstanden sein)K.ben d mit aberhängt es Eusamnen.daß seine Produktion nicht reich ist. Kr hat nicht viel gesdl dien. Küuf schmale Bändchen fassen seine gesammelten D chtungen. Und die einzelnen Werke seihst sudien ihre KraL nidit in einer mannigfaltig auftürmenden Fantasie. D >ch ist fast jedes mit viel Einsicht gesehr.cben, und die surg\same Linienführung bemüht sin sowohl um volle plastische Erscheinung, als um gute Motivierung der Kette der Kreignisse, und vor allem ist Nomberg auf die psychologische Durchdringung seiner Figuren bedacht Das, was ihn am meisten interessiert sind die Gianktere. Wo er, wie in der Novelle „h den Bergen", die Landschaft und ihre Stimmung seh Idert, tut er es nicht wie der lyrische Dichter, der seinen eigenen Kindruck gibt und das Motiv der Landsdiattsstimmung selbst zur Wirkung bringt sondern Nomhtrg schildert sachlich und ist vielmehr bemüht, uns den Eindruck auf seine Helden erleben zu lassen. Sein Gesichtswinkel ist die psychologische Motivierung. In dieser rein erzählerischen, planmäßig entwickelnden Art läßt Nomberg auf einigen Seiten ein ganzes Leben sich gel stalten. Seine (wenig umlangreidien) Erzählungen, wie die genannten »Flügelmann* und „In den Bergen", sind in ihrer bedachtsam ausgeführten Art Romane im Diminutiv. Jene viel reicheren jüdischen D.ch er. die sich um den jüdischen R ) nan bemüht haben, hätten darin, in der episdie.i Kntwicklung von ihn lernen können. Krst Bergelson bedeutet eine Erfüllung in dieser Beziehung Und sicher führt lie Linie der Kntwicklung in der jüdischen Literatur erst über Nürnberg zu Bergelson. N rnbergs Werk ist Ausdruck für ein gewisses modernes ostjüdisches Übergangsmilieu In typischer Prägung einseitiger Ausdruck. Nar einen Ton, wenn auch in Variationen, nur einen ganz bestimmten Ton, weiß Nomberg anzuschlagen; nur dieser sch eint sich ihn immer von der Brust ringen zu müssen. Aber es ist eine stille Zihgkeit in di ssem Zwergenton Er saugt sidi durch wie ein Hartnäckiger Sprühregen, er nimmt Besit'. voa uns, er wird Gestalt, und in ihm jene ganze Epoche der Wurzellosigkeit, und Lebensferne der neu aufkämmenden ostjüdischen Intelligenz und Halbintelligenz zu Beginn d eses |ahr iun.lerts. Ja, wenn ich es genauer bestimmen «olle, scheint mir N >mberg auch spe/.iell jene Stimmung des R ick; h'uges nach der Revolution voa 1935 aufzufangen. In einem Schauspiel,dis er 1913 in der Monatsschrift „Die jüdisiie Welt", Wilna, veröffentlichte, geht er .auf jene Zeit zurück. Kr selbst, wie man da sient, hat inzwischen den jüdischen Bürger entdeckt, den Minn, des Kommerzes, und die neue goldene Jugend, und offenbar, wenn nicht den Anschluß zurück zur a'ten Generation, so dach ein gewisses Verständnis für sie gesucht und gefunden, Dis Stack ist stark, wenigstens die ersten drei Akte. Die Aallührung, die wir hier durch die WilnaerTruope erlebten, hinterließ einen tiefen Eindruck Unter all den Stacken von Hirs±oein, K >brin, Ansiti, Sdnlern Alejchem und Pinski, welche die Wilnaer in gleicher Meisterschaft

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