Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 49 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 3. |ahrf»ang keiner von ihnen übrig geblieben, alt das 1 \il zu Ende Kmu. ""»I tie wären den Weg der zehn Stimme gegangen. Aus demselben Orunde i>i es wenig wahrscheinlich, dafl der Ursprung der Synagoge ersl in die Zeil nach der Rückkehr aus Babylon MUH, da doch der Verlusl des rempcls schließlich durch seinen Wiederaufbau gutgemacht wurde, \uch weist die Art der Zusammenkünfte und die Form des Gottesdienstes in der Synagoge, wir sie nachher bekannt wurde, aul einen vom l*empel unabhängigen und auf einen von ganz anderer Linie sich herleitenden Ursprung Iii" Der Versuch, den Tempel von Jerusalem in Babylon nachzubilden, \\;ir undenkbar, und sclbsl die symbolische Darstellung seines Gottesdienstes in Form von Qe> beten höchst unwahrscheinlich. \\ nn die Verhältnisse, in denen die l silierten sich befanden, Oberhaupt mit meinei Vermutung übereinstimmen, dann hätte das Qebct durch das bloße Bedürfnis zu beten, schon Ausdruck gefunden. Für Besprechung heiliger Themen, Belehrung über den gottgefälligen swandel dürfte sich \\"iii bei |eder Zusammenkunft Oelegenteil geboten haben. Unter solchen Umständen konnten die Qebräuct» - rempels keine Richtschnui -i-in. und so wurde zum ersten Mali' mit einer neuen Art der Qottesverehrung, nämlkh mit dem Typus des Gemeindegottesdienstes ohne Priester und Ritual begonnen. Dieser Typus überdauerte Jen Tempel und währt bis zum heutigen Tage fort; er hat sich in seiner ursprünglichen form wesentlich in den modernen Synagogen erhalten und auch noch in den Formen des christlichen Gottesdienstes, wenn auch dort durch viele nichtjüdische Elemente verdeckt und verzerrt Das jüdische Volk hat in seiner ganzen langen Geschichte kaum etwas Wunderbareres zustande gebracht, rdii Synagoge. Keine menschliche Institution hat eine längere ununterbrochene Oeschichtc und keine hat mehr für den Aufschwung <!c. Menschheit geleistet. Ich glaube also, dar] in die Zeil der Gefangenschaft die ersten knfänge dei Synagoge [allen, in Form von einlachen Versammlungen mm /wecke des Gottesdienstes und der Belehrung. Wie diese sich entwickelt haben, kann nicht nachgewiesen werden. Aber es ist wieder ganz einleuchtend, anzunehmen, dafl sie nach und nach ganz regelmäßig abgehalten winden und mit dem Sabbat in Vcrbinlung traten, teils deshalb weil er der heilige Tag von jeher war Und teils, weil es der Tag der Ruhe von der werktäglichen Arbeit war. Wenn, wie ich es für wahrscheinlich gehalten habe, die ersten Zusammenkünfte in der Zeit der Gefangenschaft begannen, so mußte dieser Brauch so weit feststehend geworden sein, daß er bei der Rückkehr nach Palästina dorthin verpflanzt werden konnte, da tonsl der Prozeß noch einmal von vorne hatte beginnen müssen, nur ohne seine ursprünglich entscheidende Ursache. Keinesfalls will ich damit sagen, dafl sofort die zurückgekehrten Exilierten nach ihrer Ankunft regelrechte, Synagogen errichteten, sondern ich glaube nur, dal', die Qeohnwheit, sich /um Zwecke von (iebet und Beiehrung zu versammeln, wie sie sieh im Exil herausgebildet hatte, in der wiedererlangten Heimat nicht völlig vergessen war und genügend Lebenskraft besaß, um dort Wurzel zu schlagen und sich weiter zu entwickeln. Solche Versammlungen setzen nicht notwendig ein besonderes Gebäude voraus, das ausdrucklich für ihre Zwecke bestimmt War, SO wie es in spaterer Zeit ubhch wurde. Synagogen als Versammlungen können weit älter gewesen sein als „das Haus der Versammlun ". rc:an n wie es dann genannt wurde. Diese werden erst lange nach der Rückkehr ans der Gefangenschaft ausdrücklich erwähnt; aber da l sra angeordnet hatte, dafl die Thon nicht nur am Sabbath, sondern auch am 2. und 5. Tag der Woche verlesen werden sollt,, ist kaum anders an/imehmen, als daß er ■ich für diesen Zweck da bereits bestehenden Versammlungen religiösen Charakters bediente, die sieh schon in einem gewisse.» Maße uber das ganZC Land verbreitet hatten. Es muß freilich zugegeben werden, daß die ersten Stufen der Entwicklung der Synagoge unbekannt sind, und dafl mehrere sehr wichtige Fragen mangels hinreichender Beweise, auf die mau sich stützen könnte, unbeantwortet bleiben müssen. Die Synagoge tritt erst in der Zeit des Neuen Testaments und Josephus in ein klareres Licht, aber auf welche Art und Weise sie sich entwickelte, kann nicht mehr bestimmt weiden.!s würde reiner Zeitverlust sein, sich auf bloße Vermutungen /ii stützen, denn wo nichts bekannt ist, ist ja alles möglich. Dennoch läßt sich aus dem Studium der Synagoge, wie sie ZU Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung zuerst in I rscheinung trat, manches lernen, natürlich nichts über ihre Geschichte, aber doch über ihren Zweck und Charakter. Alles, was in bezug auf ihre Entwicklung gesagt w leiden kann, ist dies, daß sie in der in Betracht kommenden Zeit bereits als alt angesehen wurde. „Denn Moses hat von I,innen Zeiten hei in allen Städten I eilte, die ihn predigen, und wird alle Sabbattage in den Schulen gelesen". Bezüglich ihres Wesens und ihres Zwecket läßt sich sagen, dafl sie eine lokale Versammlung war, die durch ihre zwei Hauptfunktionen der Belehrung und des Gottesdienstes die Religion fordern wollte. Dieser zweifache Zweck ist das Charakteristische der Synagoge in allen Zeiten ihrer uns bekannten Geschieht« gewesen und sollte nie übersehen werden. Sie stellt das früheste Beispiel für die Tatsache einfachen Qemeindegottesdienstes dar. und in dieser Eigenschaft wurde sie die Mutter der christlichen Kirche. Aber sie war auch dii Stätte, von der aus die Thora gelehrt wurde, und WO ihre I i hren über Religion und Pflicht entfaltet und /um Seyen des Volkes angewandt wurden. Die christliche Kirche übernahm auch diese- | unktion der Belehrung, w enn! auch nicht in demselben Umfange. Zweifellos hat die Kirche stets l ihren Mitgliedern Belehrungen zuteil werden lassen, aber das Hauptziel der christlichen Versammlung in dem geheiligten Bau war stets | der Gottesdienst gewesen, sei es i obpreisung, Gebet oder sakramentaler , Ritus. Das Hauptziel der indischen Versammlung in der Synagoge ist stets das gewesen, die Segnungen, deren Offenbarungen die von Gott gegebene Thora darstellte, in die unmittelbare Wirklichkeil umzusetzen. Das (iebet war ein Weg, dm eh den dieser Segen empfunden wurde, denn das (iebet brachte den Betenden in < lemeiiischaft mit (lott. Das Nachsinnen über die Thora w ar ein anderer Weg da/ii, und so war auch die Belehrung, die dem einfachen Volke gegeben w urde, das, was (lott in seiner Thora offenbart hatte. Und /Ii diesen geoffenbarten Dingen gehörte die Lehre vollkommener Pflichterfüllung^ die zeigte, wie der Wille (iottes in dem tagtäglichen Leben erfüllt werden mußte. Ich habe einen zweifachen Zweck in der Synagoge unterschieden, denn so erscheint es dein nichtjüdischen Beobachter. Aber ich kann i mir vorstellen, daß für den Juden diese zweifache Funktion eine einzige ist, und dafl für ihn die Synagoge der >rt war und ist, wo die göttliche Offenbarung am Stärksten ihren Ruf an die höhere I Natur des Menschen lichtet, /war ein vielseitiger Ruf, der aber zu ihm von dem einen Qott durch die eine Thora kam. Was immer dem Juden da/u verhalf, diesen Ruf ZU fühlen und ihm ZU entsprechen, hat seinen eigentlichen Platz in der Synagoge. Da die frühere Geschichte dieser Institution unbekannt ist. läßt sich unmöglich feststellen, ob zu irgend einer Zeit das eben beschriebene grundlegende Ziel der Synagoge Veränderungen gegenüber einem früheren Typ erfahren hat. Daß ihre wahre Funktion im Laufe der Zeit immer klarer erfalit werden konnte, ist ganz verständlich, und mit einem klareren Verständnis verband sich natürlich auch eine hinreichendere Vorsorge für ilie Erfüllung jener Funktion. Aber vorausgesetzt, daß Lsra für die Religion der Thora das tat, was in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt worden ist, dann dürfte wohl die Synagoge, zu welchem Zeitpunkt auch immer sie zuerst eine endgültige Institution wurde, einen solchen Charakter angenommen und sich die Durchführung etwa solcher Funktionen, wie oben angedeutet, zum Ziel gesetzt haben. Nailidcm sie c nmal diesen Charakter angenommen hatte, verlor sie ihn nie wieder und hat ihn bis zum heutigen Tage behalten.