Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 49 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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3. 3abraaita, Dr. 49 9. Dezember 1927 mtfoieWaf dzr J$r&eliti$chen Am-Hichzs H^chrichienbldt ^ätr QzmzmizvzrwtXiun kz l iqhngqz mzindz &ntytg V.KIAHJL %i \ Du Gemeinde itt r r.eint wöchentlich am PrtlUg, Dan IHtgll«d«r) et RfliglOB «gemeinde witd rs un »tgoltlicV d die V o&t ugeatellt. Bezucapreis für Nie tTPtt^hcder monatlich £0 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Ttich r, QlocktnftrtB« 11, Te'ephon 14449. SchriMeitung: Gcreinderabb- 'lustav Cohn, U Löhrstr, 10. Telephon 29641. :: Druck und Verlag; W. Teicher. Leipzig, Glockenstr. II, Telephon 1449 AnittatspraiM; Die 4 geapahen« mm 7.r 20 Pfg. Fi miliar und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umajnlagaeiten und T^ttinaerate nach beiond. Tarif, Für den inse ■atenteil: J. Kühne, Bauhöfs*:. 9 (Telephon 14«49). Die Pchnflle t .mg übernimmt fü» a e u \\%J dem Namet dea Verfassers 'erscheinenden Bc.:rÄ:e und die Veremsnachr chten mir d e prrßces^rhcre Vermietung Nachdruck nur mit Quellenangabe und Cenev.rmgung h-s Verfassers jestafet. Der Ursprung der Synagoge Von R. Travers Herford. Es war eine Tat wissenschaftlicher Gerechtigkeit, als im Jahn- 1913 der Englindei Iv. Travers Herford eine Arbeit über die Pharisäer veröffentlichte, die grundlegend von der sonst allgemein herrschenden Beurteilung abwich. In den Quellschriften des Christentums wird bekanntlich über «.las Pharisäertum mit wegwerfender Verachtung gesprochen. Diese abschätzige Wertung besaß und, man muß tagen, besitz! bis auf wenige Ausnahmen, noch heute in der Christ- Beben Forschung unverminderte Qeltung. Im Verlaufe seiner Studien erkannte Herford, was bei den christlichen Qelehrten erst in jüngster Zeit ganz langsam sich Bahn zu brechen beginnt, dafl man die Erscheinungen »Ks Judentums im Zeitalter dos entstehenden Christentums nicht da Wirklichkeit entsprechend erfassen Kann, ohne die talmudische und rabbinische Literatur genau zu durchforschen. Und als einer der wenigen nichtjüdischen Kenner dieses reichen Quellenmateriala gelangte er zu einer, wie Martin Buber sagt, „menschheitsgeschichtlich bedeutsamen Berichtigung" des [asl zweitausend- (Ihrigen, folgenschweren Irrtums über die Pharisäer. In seinem neuesten Werke; Die Pharisäer (dessen von Dr. Walter Fischel, Jerusalem ausgezeichnet durchgeführte Uebersetzung soeben im Verlage von <mi-\„ •. i ngcl, Leipzig erschienen ist) hat er die Ergebnisse dieser Untersuchungen niedergelegt. In ungemein fesselnder Darstellung behandelt ei die Geschichte des Pharisaismus, seine gedanklichen Grundlagen, -eine lehren und seine Auswirkungen. Die Kenntnis des Pharisaismus ist für Juden wie für Nichtjuden gleich wichtig, da das Judentum unserer Tage im wesentlichen in ihm wurzelt. Mit aufrichtiger Genugtuung begrüßen wir deshalb dieses tiefschürfende Werk, in dem ein <Christ, der keineswegs den Boden des Christentums verläßt, dem Pharisaismus und damit dem Judentum volle Oerechtigkeil widerfahren lallt. Leidenschaftlich wende! sieh Herford gegen die in der christlichen rheologie so weit verbreitete Anschauung, als sei das Judentum durch die jüngere Religion überwunden, überflüssig . .Mil len. „Die Kirche betrachtete ein lebendiges Judentum als eine ständige Gefahr. Doch ein totes Judentum wäre ein verhängnisvolles Unheil geworden.4' Beide Religionen haben ihre „Lebensberechtigimg, und wenn auch die Anhinger jeder der beiden Religionen die Befriedigung ihrer geistigen licdüiinisse, wie ganz natürlich ist. in ihrer eigenen Religonsfonn fnden, so ist keiner berechtigt, die Gültigkeit der anderen zu leugnen." Diese Ergebnisse der Untersuchung stehen auf streng wissenschaftlichem Unterbau, und es verdient besondere Betonung, daß Herford mit außerordentlicher Vorsieht vorgeht, unsichere Annahmen nicht als feststehende ratsacheu hinstellt. - Mit freundlicher Zustimmung *les Uebersetzers veröffentlichen wir nachstehendes Stück aus dem wichtigen Werke, das gerade nach der Richtung kennzeichnend ist, wie sehr sich der Verfasser von gewagten, weil nicht sicher begründeten Aufstellungen fernhält Mochte dem Werke in jüdischen wie in nicht jüdischen Kreisen die Beachtung werden, die es verdient O. <-. Der eigentliche Ursprung der Synagoge is1 unbekannt und ihre erste bestimmte Erwähnung erfolgt zu einem Zeitpunkt, der weit spater sein durfte als die i ntstehung der Istitulion selbst. Aber es wird allgemein zugegeben, daß die Periode der Gefangenschaft die Bedingungen liefert, unter denen das Aufkommen der Synagogen am ehesten erklärt wird. Von den Bedrückungen und Entbehrungen, unlcr denen die durch Nchukadtic/ar nach Hain hm Weggeführten /Ii leiden halten, durfte der Verlust de- Tempels und die Unmöglichkeit, sich dort zu einem Gottesdienst /u vereinigen, wahrlich nicht als die geringste empfunden worden sein, Zwai war den einzelnen Oliedem der Nation nur wenige Male im Jahre Gelegenheit gegeben, dem Gottesdienst beizuwohnen, und wir wissen nicht, ob irgend eine genaue Maßregel für einen Gottesdienst an anderen Orten null /u anderer Zeit getroffen war. Aber jedenfalls wußte dei Jude, solange der Tempel stand, daß, wo immer er auch lebte, die Verehrung seines (iottes in dein alten I empel für und im Namen de« ganzen Volkes erfolgte. Mit dem Beginn des Exils horte diese Gewißheil auf. Es gab keinen Tempel mehr. Die Gefangenen wurden gerade dessen beraubt, was die hauptsächlichste äußere Stütze ihrer Religion gewesen w ar. I s konnte nicht anders sein, als daß die Frage, was aus ihrer Religion weiden solle, bei den Frommen unter ihnen aufgeworfen winde. Wir haben keim Berichte darüber was -je taten, noch lallt sieh mit irgend einer Wahrscheinlichkeit sagen, daß die Gefangenen als Gemeinschaft irgend welche Schritte unternehmen konnten, um die Frage, die sich ihnen aufdrängte, zu beantworten. Aber es scheint sehr einleuchtend, anzunehmen, daß von /.eil ZU Zeit und hie und da Nachbarn und Freunde zusammenkamen, die sieh aus der alten Heimat her kannten, und die nun 1.1 ihrem Elend einander trösteten und ermutigten. Das erklärt zur Genüge« was der Keim der Synagoge genannt werden kann: das gelegentliche Zusammentreffen von Gruppen von Menschen tu religiösen /.wecken Aber selbst das ist reine Vermutung, denn es gibt keine zeitgenössische Urkunde irgendwelcher Art. die zeigen könnte, dali solche Versammlungen auch tatsächlich stattgefunden haben. Aber für diese Vermutung spricht wenigstens, daß die periodischen Zusammenkünfte, aus denen sich dann die Synagoge entwickelte, zu irgend einer Zeit begonnen haben müssen, und dali die Periode der Gefangenschaft eine weit entscheidendere Veranlassung dazu liefert als irgend eine andere Epoche. Denn das Volk war des Tempels und jeder anderen rcli^iosen Anstalt, wenn es überhaupt noch eine andere gegeben haue, beraubt und war gan/iieh auf eigene Mittel angewiesen, dazu noch im heidnischen l ande. Es ist klar, daß die Exilierten irgend etwas zur Erhaltung ihrer Religion ersonnen haben müssen, denn so:i»i wäre