Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 48 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 3. Jahr^aig sich bringt, das Kraftgefühl und die Freude, die in wichen Auf- Schmelzungen der beschränkten Gruppen zu gröberer l-mheit kerntlieh wird das allein gibt dem demokratiachen Ideal jene ungeheure Werbekraft. Wärme und Sieghaftigkeit, die ei zur Ueberwindung de« aristokratischen beflügelte. Demokratie, die Erlösung der Gruppen von dem starren Dikiat des Zentralitätswahns, da- Qlflck, sein eigenes Ich zu empfinden und zu bewähren im Dienste an einer größeren Ein« heit, nämlich dem Volke, nämlich Europa, nämlich der Menschheit, das allein befähigte zur Auflösung der Bindungen und Qruppen-Iche der vordemokratischen Zeit, ob das nun historische Stämme, aristokratisch geordnete Clanschaften, Zünfte oder Berufsstände waren. Die Vnerk» mung fremden Seins als Wertträger und Werthaft-Sein hat zur Folge die elementare Zubilligung passiver und aktiver Grundrecht« an wie immer geartete Gruppen jenseits des eigenen Gruppen- Ichs. Das und dergleichen gibt dem Ideal der Demokratie die Stoßkraft, die sich in ihren Täte i, zuletzt in der Ueberwindung der großen, verkappt autokrativ regierten Kaiserreiche östlich vom Rhein kundgab. Ohne die aktive gefühlshafte Demokratie des englischen Volkes wäre unter den großartigen Stoß der Mittemächte das englische Imperium auseinandergefallen, ebenso wie das französische Reich seinen anichen Niederlagen erlegen wäre. In der Demokratie des Gefühls jene; Elemenl der Ueberwindung affekter Gruppenbindungen, das den Völkern das Gefühl der Freiheit gint. Frei sein bedeutet, die zen de - Gruppen-Ichs nicht mehr als starre Abwehrbefestigungen ern als verbrüdernde Berührungen gewahr werden. Was an jener Auti kratie, sie se noch so gut verkappt oder noch so modern begrün i, Italien ode, in Moskau als I lernen! des Ueberwundenwerden- Müssens kenntlich wird, ist die unabänderliche Tatsache, daß jegliche itä getragen wird vom Zcntralitätsaffekt: aus dem Gefühl, Mitte Welt höchste T\p des Menschengeschlechts oder einer Zeitentwicklung zu sein, leite sie das Recht her, zu befehlen oder zu vernichten statt zu überzeugen. Wer aber unterdrückt, der unterdrückt - . selbst. WH nur durch Befehle sich Malt /lichtet, sammelt in sich durch die Verdrängungskräftc den Explosivstoff, der ihn stür/t. 1 - ist den Menschei gesetzt, und durch üen Lauf seiner Entwicklung ivird dies bekräftigt, mit se'.ner Seele sinnvoll umzugehen. Jegliche : üch« Diktatur verdummt, d. h. sie schlägt den Unterjochten mit jene Lähmung, die jede Angst dies ihre Definition . Hemmung d t Lebensgefühls Ober ihn stülpt. Wieder Rekrut innerhalb de; militärischen Systems, das seine menschlichen Vi ■ rt< verheert statt sie /.t -11101101 ( der ZU züchten, zehnmal dümmer ist als derselbe Mensch v >r seiner Einziehung, ist auch der unter Autokratie (Diktatur) gestellte Mensch dazu verurteilt, sein Bestes nie geben ZU Können. Das liegt daran, daß es gar nicht mehr derselbe lockere, leichtgliedrige, tätiggescheite Mensch war, der da, in eine schlechtsitzende Uniform eingepreßt, che Stirn unter der kölnischsten Kopfbedeckung verborgen, die Menschen Uberhaupt ausgesonnen halieu, der I eldmütze oder Pickelhaube, zu unnatürlichen Verrichtungen -eine- Körpers dressiert wurde, ebensowenig wie der legere, witzige und fröhliche Italiener von einst es ist, der heute als Schwarzhemd paradiert. Nur die affektive triebgebundene Ich-Sucht sogenannter führender Klassen oder führender Gruppen kann sich über die verheerende weil hemmende Wirkung ihrer eigenen schrankenlosen Befehlsgelüste im Falle det Diktatur so täuschen, daß sie annehmen kann, durch Diktatur einen Reifezustand herbeizuführen, der sie selbst überflüssig macht. Is hat bisher in der Geschichte der Menschheit nur eine Form de,* Diktaturüberwindung und der Reifung der Völker unter ihr gegeben, das w ar der politische Mord oder »las Revolution*- tribunal, welches aus den Halsen der herrschenden Klasse unterm Fallbeil odei aus ihren Herzen vor den Flintenläufen mit ihrem Blute auch die Reife der Befreiten ans Licht der Welt treten Heß, Wer Diktatur will, muß sich darüber klar sein, daß e." damit den explosiven öffentlichen Mord der Revolution, als ewig eingesetzten Gegenschlag gegen das Autoritätsprinzip de.* Volker, befördert und her» , aufholt. Diktatur erzeugt Affektgeladenheit, Diktatur erhält dumm, | wobei das Wort dumm genau genommen w erde, als den Zustand der unentwickelte.!, noch eingewickelten Verstandeskräfte, nicht etwa als mangelnde Vorhandenheit von Verstandeskräften überhaupt. , Nur dumpfe Menschen werden /u Mördern dumpf auch dann, nämlich als Werkzeuge ihres Gruppen-Ichs, wenn sie wie etwa Friedrich Adler odei die russischen Terroristen, ihre Tat in höchster; intellektuelles Bewußtheit vollzogen haben, Nur Demokratie befreit die Leidenschaften ihr Völker auf 1 friedlichem Wege. Genau der Rausch, der die Stämme eines Volkes crfaßt, w enn sie ihre l inheit, ihr Aufschmelzen im Volke erleben — und sei die Basis de. Erlebnisses noch so künstlich oder irrtumsvofl hergerichtet (lSTti, Echterdingen l'Mis, t'iit) wobei für die Stämme des Volkes ebenso seine sozialen Klassen und Gruppierungen setzen können well diese Dinge eben nichl au blutmäßigen Bindungen, sondern an OruppcnbindungCil überhaupt haften genau dieser Rausch erfaßt die Völker oder auch die Klassen quer durch die Völker, wenn sie ihre Qruppen-Iche in einer erlebten, I reiheit /usammenbrennen lassen können, in einer echten, selbstverständlich auch int Wirtschaftlichen ausgedrückten Demokratie. „Ai'beü" Von Lugen Caspary,' Berlin. Schluß. i's bleibt noch eine Frage zu untersuchen: Ist die Wirtschaft imsl inde, beliebig viele Menschen auch wenn sie arbeitsfähig sind — aufzunehmen, oder ist die Erwerbslosigkeit die natürliche Grenze der Aufnahmefähigkeit der Wirtschaft iur Arbeltskräfte? Obgleich Malthusianismus von einem großen Teil der Theoretiker, ganz, und gar aber in der internationalen Praxis der Sozialpolitik aufge- 1 worden ist, bleibt doch die von Matthus dekretierte Unmöglichkeit einer sozialen Fürsorge eine ständige Warnung und Mahnui g füt dii Bestrebungen der Arbeksfürsorgc. Denn wenn auch sicherlich nir jeden Arbeitswilligen \rbci1 und Nahrung vorhanden sind, so sind doch die Schwierigkeiten einer rationellen Arbeitspolitik, die jeden auf den Platz -teilt, auf dem er gebraucht wird und v.<> er Nahrung findet, tatsächlich so ungeheuer groll, daß ein fast heroischer Optimismus und der zäheste Arbeitswille und die geschmeidigste und anpassungsfähigste Organisation dazu gehören, hier auch nui langsam vorwärts zu kommen. Wenn ich bedenke, welche Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche und Versprechungen im Herbst l'ili aul der Genter internationalen „Konferenz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" geäußert wurden, wenn ich bedenke, wie einmütig, arbeitswilüg und arbeitsfreudig damals alles war, so muß i<h doch zugestehen, daß wir heute, II Jahre danach, auch noch nicht sehr viel weiter gekommen sind. Oewiß, der Kricj; hat alle Internationalen Besprechungen, welcher Art auch immer, /erstört, und eben derselbe Krieg hat dafür die internationale W.gelung de.- Arbid in seinem i ricdensvertrage gebracht. Zur Zeit, da dies;.- Ze.len geschrieben werden, I i Jahre nach der Genter Konferenz, tagt, mit einem ehemaligen französischen Minister an der Spitze, in Berlin der Verwaltungsrat deinternationalen Arbeitsamtes. Aber werden nicht gleichzeitig, eben hur in Berlin, Arbeitskämpfe, Lohn- und Tarifl impfe ausgefochten, von deren I rbitterung der Außenstehende nur deshalb nichts ahnt, weil sie sich zumeist hinter \erschlossenen Türen abspielen; Straßenbahner, Hochbahner, Bauarbeiter, Bcrgwerkaarbeiter sie alle kämpfen um I ohn, Urlaub, Krankheitscn,tschädigung, Arbeitsbedingungen. Und wieder müssen wir sagen: gerade die Stellung der jüdischen Arbeitsfürsorge i-t auf dem allgemeineil Kampfplätze die ungünstigste. Als ich auf d< 1 erwähnten Genter Konferenz (a!- Delegierter der Großloge für Deu schland) dem deutschen Reichskommissar Dr. Richard Freund einem Juden die Lag< der judischen Arbeitsfähigen und Arbeitswilligen Deutschlands vorstellte, denen man um ihres Judentums willen »las allgemein proklamierte Recht auf Arbeit nicht gewähren wolle, da antwortete dieser jüdische I uhrer der deutschen Sozialpolitik: „Helft Euch selbst!" l;nd diese Antwort g.lt immer noch. Wir Juden müssen Ulis selbst helfen. Reiseziel die Verhältnisse noch schlechter sind. Aber es hört auf, eine Unmöglichkeit zu sein, auch eine noch gröbere Zahl I rwerbsloser Unterzubringen, wenn die Organisation der Arbeilsfürsorge uan/ Deutschland erfaßt und jede Fürsorgestelle über die örtlichen und Konjunkturverhättnisac jeder anderen vollständig informiert ist. I s ist also zusammenfassend ZU sagen: das Problem der Arbcitsfürsorge kann ungeachtet aller noch so grollen Schwierigkeiten gelöst Wullen. Der Weg zu dieser Lösung liegt in der zähen Verfolgung und praktischen Auswertung der in unserer ersten Mitgiicilcivcr- Abcr wie helfen wir UM? Daß im Oroßen das Problem der Arbeitspohtik nur international gelost werden kann, diese I rkenntnis beginnt nichl zum wenigsten «tank der zähen Tätigkeit des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes, Albert fnomas, sich immer iiulir durchzusetzen. Unsere Arbeitsfürsorge mm i-t ja auf einen erheblieh kleineren Umfang eingestellt; sie i-t auf die jüdische I5evölkcrung und im wesentlichen doch auf die judische Bevölkerung Deutschlands beschränkt Aber sie ist darauf angewiesen, sich in ihrem verhältnismäßig kleinen Umkreise der größeren Organisation, des Reiches und der noch grölleren internationalen Organisation — die ja vorerst freilich noch mehr Idee als Realität ist eUUUlügCJB.