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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-11-25 · 47 (25.11.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
47 (25.11.1927)
Date
1927-11-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang rangen des Wirtschaftslebens anzupassen, und ferner: ist die Wirtichafl selbst in der i age, beliebig viele produktive Kräfte aufzunehmen, bedeutet nicht vielmehr die Tatsache der Erwerbslosigkeit, daß die W imm hui rin n nicht alle Arbeitskräfte, die vorhanden sind, produktiv zu verwerten vermag? w .in die erst« Frage, die rauglichkeil der unterstützungsbedürftigen Personen, angeht, so i>t vom Standpunkt der Wohlfahrtspflege tunächst einmal grundsätzlich zuzugestehen, daß nicht im entfernte stiii alle Objekte der reinen Wohlfahrtspflege zu Objekten einer produktiven I iirsorge gemacht werden können. Es kann nicht die ganze Wohlfahrtspflege in eine produktive soziale Fürsorge umgewandelt n Di« Kranken, die Alten, die fast noch im Kindesalter stehenden Jugendlichen, ilic Unsozialen das ganze grolle Heer der wirk- ,i h l rwerbsunfähigen ist und bleibt aul die reine Wohlfahrt angewiesen. Für sie muß einlach gesorgt werden, ohne daß man irgendneu wirtschaftlichen Vorteil davon erwarten dürfte. Iis bleibt eben les Feld sozialer Betätigung, das vom Standpunkt des Volkswirtes aus in ih r Tat nicht zu behandeln ist, das rein der sozialen > ingehört und in Ethik und Religion seine höchste Rechtfertium; findet. Die produktive Fürsorge ist auf den Personenkreil der Arbeitsfähigen beschränkt. Aber auch nochnach Vollzug dieser Einll inkung ist nicht zu leugnen, daß speziell der jüdischen Arbcitsrge von Seiten der personellen Qualitäten der Arbeitslosen, wenn ~h selbst arbeitsfähig sind, sein grolle Schwierigkeiten entgenstehen. Man kennt doch den indischen Erwerbslosen, man weil!, Schwei es vielfach gerade ihm — aus kulturellen, religiösen Gründen, au- Gründen det Gewohnheit, des Milieus, der persönlichen Ansprüche — fallt, sich „umzustellen", wie schwer eine Bcrufsumetwa der Uebergang vom Handel zum Handwerk oder ■_.ir zur Landwirtschaft wird. Man weiß, wie schwer es in der Regel dun Juden fallt, in die heinbar aussichtsloseren berufe der rperlichen Arbeit überzugehen. Jedoch, man soll nicht ungerecht n l - -nid auch höchst erfreuliche Erfahrungen gemacht worden — - haben wahrlich in keinei Weise dazu vorbereitete Juden als Landr und Handwerker in einer Art gearbeitet, daß man sich ihrer nicht schämen brauchte I s i-t unbestreitbare Tatsache, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit und der feste Wille zur Arbeit vieles und alles vermag, und es ist glaubhaft, daß Aufklärung und Erziehung hier nicht nur vieles, sondern alles ändern werden. Die Propaganda lies C V. (Centraiverein deutscher Staatsburger jüdischen Glaubens), die Propaganda und die beispielgebende Tat des R. J. F. (Reiehsbund jüdischer Frontsoldaten) werden den Gedanken der produktiven körperlichen Arbeit in der jüdischen Allgemeinheit populär machen. Die Berliner Gemeinde leistet in ihrem Werkheim (Tagesheim und Werkstätte für erwerbslose Jugendliche) praktische Erziehungsarbeit an den Jugendlichen. Hier werden die Schulentlassenen erreicht, bevor sie noch die Freiheit der Grollstadt mit ihren „Genüssen" recht kennen lernen, im bildungs- und erziehungsfähigen Alter wird ihnen der Segen der Arbeit theoretisch und praktisch demonstriert. Alle diese Bestrebungen haben bereits schöne Erfolge gezeitigt. Darum darf wohl gesagt werden: Vieles, das meiste, was über die Untauglichkeit ' der judischen Erwerbslosen zur Umstellung und Neuverwertung ihrer Arbeitskraft gesagt wird, ist Vorurteil. Und dieses Vorurteil bereitet der produktiven Fürsorge ungleich viel größere Schwierigkeiten als das wenige, was an ihm richtig ist. Das sind die Schwierigkeiten, die auf Seiten der Arbeitgeber der Einstellung judischer Arbeitskräfte gemacht werden. Alfred Berger hat mit seinem Referat auf unserer diesjährigen Berliner Maitagung auf den bedrohlich um sich greifenden Prozeli der Boykottierung judischer Angestellter hingewiesen. Er hat auch mitgeteilt, daß selbst in Betrieben, die nicht rein christlich! sind, sondern judische Direktoren haben — wie einige Grollbanken, Elektri/itätsunternehmungen usw. — diese Schwierigkeit besteht, jü- I dische Angestellte oder Lehrlinge unterzubringen. Hinzuzufügen ist, dali hier wie überall der jüdische Antisemitismus der schlimmere ist. Allzuhäufig sträuben sich auch rein jüdische Firmen gegen die Einstellung jüdischer Angestellter oder gegen die Beschäftigung jüdischer Handwerker. Und es soll vorkommen, daß Juden zwar „privatim" wohltätig sind, im Geschäft aber mit Juden nichts zu tun haben wollen. Das ist ein schmachvoller und beschämender Zustand. Hier ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten. An dieser Stelle soll auch das verständnisvolle Verhalten des Vorstandes der Berliner Gemeinde gegenüber den Erwerbslosen hervorgehoben werden, die unter keinen Jüdische Wählerinnen und Wähler! Reichsangehörige u. Nichtreichsangehörige! Gebt Eure Stimme der Liste Gottlieb - Louis Henry Cohn Keiner darf fehlen. Es ist nicht wahr, daß die Abgabe der Stimmen unnötig sei. Jede Stimme ist ausschlaggebend Wählt zeitig. Bleibt nicht zu Hause. Seid wachsam und betätigt die Gesinnung, die Einigkeit und Fortschritt verbürgt. Der liberale Wahlausschuß zur Gemeindevertretung

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