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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. |ahreai > tum fand. Wie oft mag Aime Palliere in Lyon durch diese Stralle gegangen sein, ohne den Antrieb, durch das Tor der Synagoge zu treten. Wie oft mag er Menschen über die Synagoge und die in dir betenden Juden haben reden hören, vielleicht mit Spott, mit Haß, mit geringschätziger Verachtung, Menschen, die noch nie eine Synagoge betraten, noch nuversucht hatten, die Stimmung betender Juden nachzuempfinden. Aime- Pallien', siebzehnjähriger gläubiger Katholik, bestimmt und bereit, Priester zu werden, ging hinein. Nahm einen Eindruck mit sieh, der nicht etwa seinen Glauben wankend gemacht hätte, der aber doch hinreichte, den Wunsch nach näherer Kenntnis jüdischer Dinge nie wieder einschlummern zu lassen. Neugierig hatte er in ein Oebetbuch geblickt: „wie seltsame Musik« noten" kamen ihm die Zeichen vor. Die Kraft des Staunens, in ihm noch so stark, trieb ihn zum Wissenwollen. Er lernte Hebräisch. Fand die Psalmen. „Aus den hebräischen Silben mit ihrem klangreichen Tonfall drang etwavon Israels Seeie zu mir. ...Wenn ich meinen Psalter aufschlug, so hatten die Worte für mich einen Sinn, einen religiösen üemütswert, den ich weder im Französischen noch im Lateinischen mehr fand." Bibel. Gebetbuch, Maehsor wurden ihm ver.raut. Innere Kämpfe um den katholischen Olauben entstehen in ihm. I Semem Beichtvater bleiben sie nicht verborgen; so erhalt auch die .Wutler — der Vater war inzwischen verstorben - davon Kenntnis.! iebe /in Mint. . der strenggläubigen, und Liebe zur Wahrheit ri gen in ihm. Doch fühlt er noch so stark als Katholik, dall er glaubt, einen Protestanten /um ^alleinseligmachenden Olauben" umzustimmen. ohne daG ei sich dessen .l;.hiz bewußt wird, vollzieht sich in ihm die Abkehi von der Religion seines Elternhauses, Trotz mannigfacher Umwege drängt es ihn wieder und wieder hin zum Judentum. Ausschlaggebend w ird eine Ferienreise nach Nizza, wo er Eingang in eine jüdische Familie findet, die häuslichen Gebräuche, »den eigentümlichen Familiencharakter des jüdischen Kultus verstehen" lernt. Ir wird persönlich bekannt mit dem gelehrten Rabbiner von Livorno ( lern ]tM«i verstorbenen) Benamozegh, von dem er durch längeren Briefwechsel tiefste Einblicke in das Judentum empfängt, so dali sich ihm nach schwerem inneren Ringen die Frage eines formellen Liebertritts /um Judentun aufdräng . i r glai bt, durch sein Bekenntnis zum Juden« mm tur dessen Wahrheit unter den Christen zu wirken. Doch raten ihm angesehene Rabbinei von diesem Schritt ab: er möge, zwischen Judentum und Christentum stehend, für das Judentum zeugen. — Aime Pallien hat in I rankreich geradem eine Bewegung hervorgerufen, die -einen Ideen folgt i in Katholik hat. nicht etwa in Unkenntnis über seine Religion, sottdem so ernst und eindringend mit ihr vertraut, daß ihm der Eintritt ins Priesterami nicht mehi lern war. da- Judentum als ein lieligtum gefunden. Er ist gewifi ein ungewöhnlich stark religiös enmpiindendci Mensch, siebt in dieser gan/en keineswegs geradinig.n l n Wicklung Weg« d i Vorsehung, Aber: ob es rächt vielen, vielen voll denen, die dem Judentum ohne Wohlwollen, ohne Gerechtigkeit, ja mit Abneigung, mit Hai, gegenüberstehen, ebenso ergehen würdee, wm i sie das Judentum kennen wurden, wirklich, ehrlich kennen wurden? Um ein Beispiel für viele herauszugreifen: ,,Aui Grund von Legenden und Vorurteilen bilden sie (dieCh isten) sich gew hnlich ein, dall des Juden ib:/ von einem grimmigen Hall gegen den Helden d.r Evanlien erfüllt -ein müsse." In lüden und Schriften glauben selbst christliche Gelehrte, die es besser wissen könnten, von einer unauslöschlichea I eindschaft der Juden gegen da- Christentum -prechen zu -d iu. PaUiere hat anderes feststellen dürfen: „Auf jeden Fall muH ich es meinen christlichen 1 eseru gegenüber bescheinigen, dall ich mit Juden aller Ursprungsarten, aller < ie-cll-ihai t--c hiebt en und aller Kulturstufen verkehrt habe: ich habe unter ihnen gewöhnlich Qiekhgültigkeil für Jesu gesunden, einen gewissen Widerwillen, ihn als den eines Juden vom Stamme Tier Propheten in Anspruch zi nehmen — was doch eigentlich in der Logik der Dinge läge — aber niemals jene Gefühle des Hasses, die man ihm zuschreibt." — Wi viele Vorurteile wurden fallen, wenn man auf christlicher Seite ernst haft Judentum und Juden kennen lernen wollte! Unsere Bibel, unse Gottesdienst, unsere häuslichen Feiern, unsere Sittenlehren — wa wissen denn alle jene davon, die so leicht Opfer niedriger Uetz, werden! Wir wollen wahrlich keineswegs als Fngel angcsehei werden; aber wenn man uns kennen wurde, dann würde mau aufhören in uns ausschließlich Teufel zu erblicken. Und würde vor allein er kennen, dall unsere Lehre verdient, ein Heiligtum genannt zu werden auch w enn nicht alle, die in ihm wellen, lautere Priester sind. 4. Ein Katholik hat im Judentum ein „unbekanntes Heiligtum'' eilt deckt. Er kann darin Führer tut Katholiken und Protestanten weiden Vielleicht auch für - Juden?? — — Weich tiefen Eindruck hat in ihm dei jüdische Gottesdienst hintei lassen! Wie schwärmerisch spricht er von der hebräischen Sprache Wie findet er immer, wenn -eine Seele aus dun Gleichgewicht gc stoilen i-i, in den Psalmen Beruhigung und Stärkung. 1 in in s>. ganz anderem Qefühlskreise aufgewachsener Mensch kann sich s ganz in jüdisches Denken und Fühlen hineinfinden, dall ihm das Tiefst unserer Lehre aufgeht und vertraut wird. Wie od aber begegnen uns Juden, die da sprechen: wir können im nicht zum Judentum linden. Auch ihnen i-t es ein Unbekanntes. Uni doch müßte ihnen ererbtes I mpfindeu das I Inden leicht machen. O'i nicht die Vergeblichkeit des Suchens meisl in der Schwäche cht Findenwollens und darin begründeter Schwäche der Hingab« fähigkeil ihre Ursache hat? — Palliere sagt ihnen: es j>ilt, ein Unbekanntes Heiligtum zu en decken; der Katholik sagt es ihnen; ihr Heiligtum ist es, ih eigenstes I leiligtum. Sollten sie es auch nicht entdecken wollen? — 5. Ein unbekannte- Heiligtum i-t entdeckt worden. Viele sind noch unentdeckt. Wenn wir gleichgültig an dem und jenem vorbeigegaug« i sind: ob es -ich nicht lohnen würde, einmal aufzumerken tun vii leicht ein Heiligtum zu finden? Und wenn wir an einem Menschen, einer MenSCheUgruppC II obachtungen machen, die wir ablehnen, die in uns eine Gegncrscha l hervorrufen: ob wir nicht versuchen sollten, Unbekanntes zu vesieben, deutlich weiden zu lassen, und dann anders denken lern« Als Heiliges erkennen, wauns niedrig schien, und friedlich Wirde wo wir glaubten, Feindschaft pflegen zu müssen?-- lallt uns „unbekannte Heiligtümer" entdecken! — Jüdische Verbände u. Gemeinden Die T.igur.g des liberalen Judentums in Deutschland Am 22 und 1 i. Oktober trat in Frankfurt am Main die Hauptvl -animlun^ der Vereinigung für das liberale Judentum unter Lettin ihre- Vorsitzenden, Rechtsanwalt Heinrich Stern, zusammen. A Sabbat vormittag landen zu Ehren dieser Versammlung in dei Hau, Synagoge und in der Synagoge Königsteinerstraße Festgottesdien? Statt, bei denen die Herren Rabbiner Dr. S« Ii g mann und Rabbiu Dr. Salz!«'Tger die Festreden hallen. Nach einer kurzen Vorstandssitzung hielt die Dclcgicrtcnvci-am, hing eine geschäftliche niihiöffcntlicue Sitzung ab. I.ie Versammln! war zahlreich aus allen Teilen des Reiches besucht. Auch eine gan- Reihe liberaler Rabbiner nahmen an ihr teil. Man bemerkte die I lern Rabbiner Dr. Seligmann, Dr. Samuel, Dr. Freudenthal, Li

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