Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 43 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgar R Zur Symbolik des Todes Von Studienrai Dr. Vi'. Levlnsohn-BerUn. Die 100, Wiederkehr des Geburtstags Arnold Böcklina (16. 10.) gibt sicherlich vielen Anlaß zu der Frage, was dieser Kunstler ihnen selber, was er der Gegenwart und der Zukunft bedeutet. Während um die Jahrhundertwende, am Ende eines an Enttäuschungen und Entbehrungen anfangs so reichen Lebens, ihn ein Ruhm und Beifall Fast ohnegleichen in der beschichte deutscher Kunst umbrauste, ■ dann auf dies Uebermafl an Popularität zunächst im Zusammenhang mit dem Sieg des Impressionismus und der Polemik Meyer« Oraefes eine Periode der Böcklin-Müdigkcit und entschiedenen Unterschätzung. Heute aber kann an der Wertbeständigkeil dies Wort in einem nicht-ökonomischen Sinne genommen - einer sehr großen Zahl Böckünscher Werke Kein Zweifel mehr sein. Zu den weithin bekannten Schöpfungen aus dem Besitzstände der Berliner Nationalgalerie /.dilt das Selbstbildnis Böcklins vom Jahre 1872 mit dem geigenden Tod. 1 s lißl uns an die „Totentänze" denken, die das späte Mittelalter so gern darstellte, um so mehr als sie ihre bedeutendste Verkörperung bei Hans Holbein dem Jüngeren fanden, den Böcklin, in Basel aufgewachsen, nicht wohl übersehen konnte,!:: diesen Darstellungen, deren älteste zurückgehen in Zeiten und Umgebungen, wo eine fieberhafte Tanzwut die Menschen ergriffen Matte - ganz wie beute wieder — Muhten fromme Warner ZU Igen, wie zu den Tan/testen der Menschen auch ein ungebetener Gast und Witt.in/er sich einstelle: das schauerliche Gerippe, und wie des Todes Knochenhand einen jeden in seinen wirbelnden Reigen Zwinge, den Kaiser wie den Bettelmann, das leiste Blafflein, das prangende Mägdlein, den pflögenden Bauern . . . Zurück zu Böcklin. Jenes Oemälde stellt ihn selber dar. den damals löjährigen Meister, auf der Höhe seiner Schaffenskraft und Schaffensfreude, stark und selbstsicher, wie «eine Freunde In München ihn derzeit kannten. Hinter ihm aber das Todesgespenst, das auf der letzten, einzigen S ■ einer Geige sein eintöniges, grauses Lied fiedelt, dem der Dargestellte mit unvergeßlichem Ausdruck innerer Spannung zu lauschen scheint. Und doch sieht er ihn nicht vor sich; es scheint vielmehr, ah wenn die beiden Gestalten, obwohl in der Bildil iche eng aneinandergerückt, uar nicht ihm gleichen Raum, der gleichen Dimension angehören. Nicht, wie bei tiolbein etwa, ist der Tod einet lern alt, die gleichsam von außen her plötzlich eingreift, um den Menschen hinwegzuraffen; bei Böcklin begegnet er uns vielmehr als eine Macht, die mimer da i-t. auf der I alter ist. deren Gegenwart nur nicht Ständig uns ins Bewußtsein tritt Es i-t. wie wenn der Tod einbezogen wäre in das i eben -elber.in eine in- Dunkel-Erhabene erweiterte Vor« Stellung vom l eben, wie wenn sein schriller QcigeutOU in der Symph mie des I eben- -eine Stelle hätte, zweiteilig sich lösend aus dem Oewirr der vielen Stimmen und dann seltsam hineintönend wie ein Mahnruf mitten ins Schaffen und Qenieflen des selbstgewisseaten Menschen. Das Mittelalter und in -einem Gefolge noch Holbein geben den Tod alein bestimmtes dämonisches Wesen in bestimmter Aktion: in die Klosterzelle schleichend, Menschen würgend, des Landnianns ergäule stachelnd. So sah, so dachte die alte Zeit den Unhold in leibhafter Wirksamkeit, „Wirklichkeif, Bei Böcklin hingegen ist es nicht die konkrete Begebenheit, nicht die Aktion lies Wurgcns etwa, abei auch nicht die des Geigens, worauf es ankommt, sondern: die Stimmung, das Gefühl des Menschen, der seelische Vorgang.des Erriffenseins von der unmeßbaren Nähe oder Ferne der dunklen übermenschlichen Qewalt. Das beinerne Gerippe hat auch Iiier noch eine Funktion, eine Art Wirksamkeit, aber nicht im Sinne materieller Wirklichkeit: es ist zum Symbol geworden. Konnte in diesem Falle die bildende Kunst, wenn sie jene Stimmung mit ihren Mitteln ausdrücken wollte, auf das Schreckbild des Knochenmannes nicht verzichten, so bat einige Zeit danach «Ii.- dramatische Dichtung ein Werk geschaffen, das ganz erfüllt i-t von der Qestalt des Todes, von -einer irgendwie erlebten, fühlbaren Gegenwart, ohne daß er sichtbar oder hörbar, als materielle ..Wirklichkeit" in Erscheinung tritt: M. Maeterlincks „L'intruse" (.,l)er Eindringling", gemeint i-t der Tod). An -ich scheint gerade die dramatische Kunstform besonders da/u herauszufordern, eine solche Gestalt leiblieh hinzustellen und ihr Stimme zu verleihen, wie dies mit dei Qestalt de» Tode- /. B. schon in der Alke-tides I uripedes geschehen war (und 3 Jahre danach durch Hofmanu-thal wieder geschah: „Der Tor und der Tod", 1893). Und doch hat Maeterlinck seine tiefe Wirkung gerade durch die Nicht-Veileihlichung des Todes erreicht: alle ahnen, alle empfinden schauernd seine Nahe; aufgeschlossen sind die Seelen für dunkle, geheimnisvolle Regungen, deren Quelle nicht die äußeren Sinneswahrnehmungen sind. „Symbolismus", wie er in der modernen Welt, wie er bei dem seiner Zeit vorangeeilten Böcklin und namentlich bei der Generation Maeterlincks ein wesentliches Element des geistigen Lebens wurde, bedeutete Abkehr vom Realismus, sofern dieser sich bloße Nachbildung irgend eines Teiles der materiellen „Wirklichkeit" zum Ziel setzte, bedeutete zugleich Besinnung auf die inneren und rein seelischen Quellen menschlichen Frlehens. Vergleichen wir aber, wie oben an einem Beispiel geschehen, eine solche moderne Schöpfung mit einer entsprechenden des Mittelalters, so linden wir wiederum, daß Dinge, die seinerzeit buchstäblich und damit materiell-äußerlich aufgefaßt worden waren, nunmehr „symbolisch", d. h. als wirksame Faktoren innerhalb des menschlich-seelischen Erlebens gedacht werden. Dies entspricht durchaus dem, was uns auf religiösem (kebiel immer wieder begegnet. Wenn, um irgend ein Beispiel anzuführen, am Roschhaschanah von der Eintragung in das Buch de- Lebens die Rede ist, so hat die alte Zeit eben dies wortlich verstanden als einen konkreten, äullerlich-„wirklichen" Vorgang im Himmel, was wir Heutigen als ein Symbol zu verstehen und ZU werten haben: natürlich auch zu werten und zu schätzen in seiner konkreten Eigenart, weshalb es, beiläufig gesagt, schwerlich richtig ist, durch Mouillierung solcher Dinge in der Uebersetzung einen glatten, aber der Ursprünglichkeit und Figenart ermangelnden Text herzustellen; wie z. B. die in Berlin gebräuchliche Ausgabe des Fest-t iebetbuchs („für die Synagoge in der Lasanenstralte") in der Uebersetzung unter dem Text die Ausdrücke Wenikoßew b'sefer (ein Beispiel für viele) völlig ignoriert. Keine Spur von jener Symbolik des Todes als eines gespenstischen Knochenmannes zeigt ein anderes allbekanntes, freilieh durch eine l'tl/ahl maliiger Reproduktionen eigentlich schlecht bekanntes und durch talentlose Nachahmungen kompromittiertes (ietniüde: „ToteninseF'*), Hier tritt seine Fähigkeit, eigene und neuartige Symbole des Lebens und Sterbens zu geben, besonders glanzvoll in Erscheinung. Dilspiegelblanke Flut des unbewegten Meeres, das die Insel von allen I lindern der Mensehen scheidet. Die grollartig geschlossene ,Oruppe der dunkel ragenden Cypressen, die ebenso einheitlich mit ebenso ruhig wirkenden Vertikallinien beiderseits aufsteigenden Felswände, die die Felsengräber schirmend gegen die Außenwelt abzuschließen scheinen, dazu das den Verstorbenen tragende Boot mit -einem sanften Ruderschlage und der hohen weißen Priestergestalt, im Begriffe, lautlos in den dunklen I iafen hineinzugleiten: all dies ergibt einen überwältigend starken I indruck der Ruhe und des Gcborgenseins. Hier hat Böcklin eine /wein Symbolik des Todes erschaffen, nicht wie er dem I eben-durstigen und Leben-freudigen gleichsam in schreckhaftem Wetteileuchten am Horizont -einer lag« und Taten erscheint, sondern wie der Tod etwa dem müden Wanderei durch die wirren Straßen des Lebens mit milder, tröstlicher l iebardi von weitem zuzuwinken scheint: Heratisgelioben-ein, 1 ntrücktsein au^ jeglicher Unrast und allem Getriebe,! ingegangensein in eine Wohn statt ewigen Friedens: Schol.iuin diegrolle Wort jüdischen Sehnens ist hier (kestuH geworden. < Ihne irgend eine metaphysische Jcnscitsausmalung wird durch die feierliche Oröße dieses Bildes unser Oefühl zwingend emporgehoben in einen Bereich de- I thahenen. des Fwigen Und Unwandelbaren. So findet insbesondere unsere jüdische Vorstellung vom Tode sich in diesem wundervollen Symbol bestätigt und bereichert, und wir dürfen mit Stolz blicken auf Frzählungen des judi-chen Schrifttums, die auch ohne eigentliche SymbolisJerung doch mit Worten den Tod im erhabensten Sinne seines Friedeiis malen. So erzählt ein Midrasch vom Tode Aarotis eine -innige Legende. Als Aaron sterben sollte, stand sein Bruder Moses bei ihm; er nahm ihm Stuck für Stück die heiligen Oewänder des Priesters ab, die jener mit der Hingabe seines Herzens getragen, ihn bei jedem Stück fragend. ..Mein Bruder, was siehst du?" Und Aaron erwiderte jedesmal: „Ich sehe nichts Sonderbares; nur bullt die OHeder, die du entkleidest, eine göttliche Wolke ein". AK abei Mo,es von ihm alle Gewänder abgenommen hatte, bedeckte ihn die Wolke ganz, und Moses sah ihn nicht mehr. Da rief der unentwegte Gottsucher: „Oh, Aaron, mein Bruder! wie ist der Tod des Z.adik, des Frommen und Redlichen? Wo weilst du?" Und Aaron- Stimme antwortete: „Ich darf dir nichts offen baren, ich wünschte nur, ich wäre eher ln< i hergelangt." Und Moses sah das Ende seines Bruders und begehrte SO /n sterben wie Jener *) (ienatl gesagt nicht ein, sondern sechs Gemälde: der Meister mußte infolge oft wiederholter Bestellung den Gegenstaad sechsmal mah n. Aber seiner Art lag mechanische Wiederholung gar nicht, und es i-t erstaunlich, wie Sämtliche Bilder immer w ieder aus dem Vollen gemalt sind, mit jedesmal neuen Details der I inzelformeii und Beleuchtungen.