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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-10-14 · 41 (14.10.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
41 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seitä 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgat g »olchen Sukkothtage, wo Felix Mendelssohn-Bartholdy zufällig Zeuge war. wie ein polnischer Jude sc nen Sohn, der nach Berlin reiten solln-, .benschte', wobei e; ihm wünschte, wie .Mansche Denau1, Felixens berühmt« Qroßvater, /u werden. Mir Hoschana-rabba-Nachl wird durchgewacht. In ihr i-t nach altem Volksglauben der Himmel offen. Das am Rosch haschana gefällte Urteil wird am Hoschana rabba rechtskräftig, in der Nacht kann somit noch aui das himmlische Tribunal Einfluß genommen worden. In manchen Gemeinden erscheinen deshalb nach dem Vorgange des R. Jakob ha-Levi (Maharil) an diesem Tage auch die Beter in der Synagoge wie Jomkippur, hur und da auch au Neujahr, im weiten Kittel und „Häubel", und es wird Schofar geblasea. Die Nacht dient auch einem Orakel. Wei im Mondschein -einen Schatten ohne Kopf »ein Muhl in demselben Jahre. R. Jehuda der Fromme weil! freilich von einem Wanne ZU erzählen, der trot/dem noch beträchtlich lange weiterlebte, weil ei durch Almosen die ihm drohende Qefahr abzuwenden verstanden hatte „Doch stehet", schreibt Buxtorf, „am End sei Histori in der Qamara: .Welcher sieh nicht au dieser Nacht im Mondschein beschaue, der seyt dannach ein Jud'." Den Lulaw bewahrt man nach dem 1 este auf. Er dient als Hausschutz. Bei seinem Anblick gedenkt man. dies überliefert Asulai, stets der Obhut, in der wir bei liott Mehen In manchen I Indern legt man ihn am Hoschana rabba mit Myrte und Bachweide au eine Stelle Qber der Tür. Ein Teil wird am nächsten Pessach /um Verbrennen der Chamez, der Real /um Ofenheizen heim Mazzabackei verwendet. Den Ethrog legte man mit Zucker ein. um ihn am Abend des 15. Schebat mit den anderen Früchten zu verzehren. \v. den Ethrog (Paradiesapfel genannt) pflegte eine Frau /tt beißen, die ein Kind erwartete. Die iheren Frauengebetböcher (Techinnoth) enthaften hierfür eigene Gebete, die daran erinnern, daß 1 \;i durch den Hill in die verbotene Frucht den Tod in die Welt gebracht habe l)en Ethrog sowie die Mosehaua. mitunter auch l.aub vom Sukkadache, gebrauchte mau zu maglachen Zwecken. Die Hoschana insbesondere schützte, in den Wäscheschrank gelegt, die Wüsche vor Schaden, im Tcfillinhcutel tfilt sie als Talisman auf Reisen. Die Uhrkette, die dem Bräutigam von der Braut geschenkt wurde, wickelte man um eine Hoschana. Daher das Wort: „Er meint nicht die Schaue, er meint dal Herumgewickelte." Die llosehana wurde mit Vorliebe in de Sukka gebunden. Das Bindematerial spendete hier und da der Rabbiner seinen Uesuehern. Die llosehana wird am Boden oder am Betpul.C abgeschlagen, Das Volk hat hierbei die Vorstellung, daß mit diesen Blättern die Sünden abgeschlagen werden. Auch d'eier Brauch hat außerhalb des Judentums seine Analogie. Fr erinnert an das seit der Römerzeit bei den verschiedensten Völkern als Fruchtbarkeits/auber nachweisbare Schladen mit der „Lebensru'e", mit der mal den Regen herbeiZUZaubcrn glaubte Erinnert doch nach dem jüdischen Volksglauben die .Arawa', die Weide, die am Wasser wächst, daran, daß von (iott am Sukkoth, die Regenmasse dei neuen Jahres bestimmt wird, weshalb man auch an Sch'mini azereth um Regen be et. Bei manchen orientalischen] jllden wird die llosehana, ilie auch, nach Raschi, nur geschüttefl zu werden braucht, nicht abgeschlagen, sondern auf den Boden gelegt. Der „Weidenbag" ist, nach talmudischem Berichte, von Babykmieaj nach Palästina verpflanzt worden. Nach einer Angabe wurde der Hoden mit trockenen Pahnruten geschlagen. Die Zahl der zusammengeflochtenen Weide nuten sehwankte je nach der verschiedenen Symbolisierung, die man mit dem Brauche veband, zwischen 1 und 71. Da man auf die abgeschlagenen Weiden nicht treten durfte, warf man sie auf einen Haufen bei der Thoralade. Sie wurden auch /um Auslöschen der Lichter in der Synagoge verwendet. Abgeschlagene (Scheiesblätter', in das < )el der Jahrzeitslampe getaucht, dienen /.um Sehnt/ vor bösen Geistern, wie auch, nach kabbalistischer Deutung, mit der llosehana das böse Verhängnis in die I rdc geschlagen wird. Ein ernstes Wort an die jüdische Gemeinschaft, Männer und Frauen Seid lh' Euch bewußt, daß die Juden in Deutschland in ernster Gefahr stehen, an Zahl abzunehmen und an Kraft und QesundbeJt zu blühenden jüdischen Gemeinden der Kleinstädte und seht, wie sie, selb»! da. wo ein, nennenswerte Abwanderung nicht Stattgefunden hat, von Jahi /u Jahr mehr zusammenschrumpfen, so daß viele von ihnen Rabbinet odet Lehrer nicht mehr besolden können und ihre Qotteshäuser selbst an hohen Feiertagen geschlossen bleiben müssen. Blickt auf die Veröffentlichungen der großstädtischen jüdischen Oemeinden und ihr werdet erkennen, wie zahlreich die jährlichen Abaplitterungefl durch Austritt und Tauf' sind. Unterrichtet euch darüber, dal! eine blühende und große Kinderzahl, einstmals stobt und Stütze der jüdischen Famiii« nut noch selten anzutreffen, dal! die Geburtenzahl in langsamem und stetigem Abnehmen begriffen ist. Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Preußen zeigt nach Angabe des Preußischen Statistischen Landesamts folgende Aufstellung: eheliche in Sterblich¬ (ahmten " oo keil 1875 ni im Durchschnitt n tbl II ea. Min i I9M 53e, 12,8 Vis") 1925 17(|» 11,8 ">>>l Bevölkerungsbilanz für Berlin für das Jahr 1926 (Nach Angabe des Statistischen Amts der Stadt Berlin). < ieburtenin jud l Ken 1 581, Jud. Kinder aus Mischehen «is l 87«) Jüd Sterbefälle 2 189, Austritte aus dem Judentum ca. 300 2080 Der Bevölkerungsverlust der Berliner Juden betrus für 1926 also ca. 8110! Die BerUner jüdisch« Gemeinde, die i<m zum Beginn des Krieges ... I5500fl Juden zählte, hatte 1925 trotz starken Zustromes aus den besetzten Gebieten, dem Reich und dem Osten 1721hm» Juden, was nur aus den starken inneren Verlusten zu erklären ist. Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch ca. 10 Geburten jährlieh gegenüber 17 bis is bei den Franzosen. Ein Teil des Nachwuchses gehl durch die Mischehen verloren, die ao sieh gering an Kinderzahl sind. Die Ehelosigkeit hindert /ahlreiche indische Mädchen, /ur Mutterschaft /u gelangen. Eine der Ursachen des Geburtenrückganges isl ferner die Spatehe; sie tra^t erfahrungsgemäß auch einen großen Teil der Schuld an der traurigen Tatsache, daß Nervosität unter den deutschen Juden stärker verbreitet ist als unter anderen Bevölkerungsschichten, daß die Zahl der Selbstmorde erst In eckend zugenommen hat und Mißstände auf geschlechtlichem Gebiete mit ihren schweren gesundheitlichen Folgen sich ausbreiten. Die Selbstmorde betrugen in Preußen auf 100000 l ebende der Bevölkerung im Jahre 1925 bei der evangelischen Bevölkerung 27,9, der katholischen 13,5, der jüdischen rj'3,2! Wollt ihr solchem Niedergang mit verschränkten Armen zuschauen? Nein und abermals nein' Der Bestand des Judentums muß gesichert Rverdcn, und er kann gesichert werrden, wenn man die drohenden Gefahren erkennt und ihnen zu begegnen sucht. 1 Was abei kann geschehen? Wirksame Maßnahmen müssen einsetzen, Von diesen sind zunächst ins Attge ZU fassen: die ErmögMchung der Frühehe durch Ausgestaltung der Ehekassen von Seiten der jüdischen Gemeinden, die Finrichtuag von Eheberatungssteilen, Wo- Cbenhilfc, Förderung der Stillpropoganda durch Wort und Tat, die Unterstützung aller Bewegungen, die auf körperliche Kräftigung unserer Jugend abzielen. Daneben muh an einer Berufsumleitung j»carbeitrt werden, die allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz berufatätige Juden Ja einreiht, wohin sie nach Anlagen und Neigungen j»<s Hören, und sie nicht sinnlos i n wenigen Berufen anhäuft, weil man sie bisher nur in diesen dulden wollte. Ebenso müssen die Siedhingtbestrebungen mit allen Kräften gefördert werden. So muH endlich eine Vernünftige Verteilung von Juden auf Stadt und Land zustande kommen und nicht allmählich die lieht- und luftlose Großstadt zum einzigen Asyl eines verkümmernden Geschlechts .Verden. Und vor allem: Mutter! An Euch ist es, in Huren Kindern das Verantwortungsgefühl für das eigene Geschlecht und für die künftigen jüdischen Generationen zu erwecken und zu stärken. Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden geht in Gemeinschaft mit gleichstehenden großen

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