Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 39/40 (3.10.1927)
- Date
- 1927-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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3 Juden dem I idc aus dem Wege gehen, um nicht der (iefahr einer falschen Aussage zu erliegen (eine Erscheinung übrigens, die, wie Wülfer berichtet, dazu geführt hat, daß gewissenlose Menschen luden betrogen, well sie wußten, daß der Jüdische Gegner eher Ver« Inste erlitt, als daß ei es zu einem falschen Eide auch des Gegners Uommen lassen würde). Und doch haben die Judenfeinde es fertig gerächt, gerade aus dieser Kol nidre-Tonnel die Verleumdung herzuleiten, daß der Jude von Religions wegen Meineid» schwören dürfe. *>:> man nicht \e.- stehen Konnte oder nicht verstehen wollte: man stellte es so dar, als ob die Formel von vornherein dem Juden da- Recht verleihe, ohne sieh /ii versündigen, jeden Eid zu leisten. Man überging geflissentlich, daß ilie Formel ausdrücklich die Worte enthalt: al nafschoßonoh, also nur Eide, Gelübde usw. berücksichtigt, durch die sieh die Person des Schwörenden, Gelobenden usw. seiher bindet. Und man trieb mit dieser Verleumdung eine so systematische Hetze, daß auch viele ver« wirrt und mit Mißtrauen erlullt wurden, die sonst den Juden keineswegs unfreundlich gesinnt waren. Es bedurfte einer sehr intensiven Aufklärungsarbeit, um durch Hinweis auf die ganze I ülle der religiösen Vorschriften zu zeigen, daß die jüdische I i hre den Me'neid nicht nur nicht gestattet, sondern im Gegenteil in einer Weise verdammt, die nicht ubertroffen werden Kann. Hei den Unbelehrbaren entstand dann die dunkle Verleumdung des Meineidsaberglaubens: wenn auch die jüdische Lehre den Meineid bekämpfe, so könne es doch abergläubische Juden geben, die die Kol nidre-l onnel sich selbe so auslegen, als gestatte sie den .Weineid. Dali es auch Juden gibt, die meineidig ■werden, kann nicht bestritten werden (es gibt auch Schlechte Juden, wie es schlechte Menschen in allen Religionsgemeinschaften gibt). Aber noch nie konnte erwiesen werden, daß solche Juden durch die Kol inidre-Formel dazu verleitet winden waren. — linier dem I indrucke solcher gehässigen Angriffe gegen die Kol "idre-Formel ist im IQ. Jahrhundert viellach beschlossen worden, d u ["ext durch inen anderen zu ersetzen, teils um zu zeigen, daß man keine Bedenken trage, diesen Angriffen den Boden zu entziehen, teils] weil man die historische Bedeutung verkannte, Vielfach ist dieser Be- Bchluß in jüngster Zeit revidiert wende.1. Vor allem, weil man dir Melodie ihren allen Text wiedergeben wollte: ist's doch die „traurigste u. zugleich erhabenste Melodie, die gesungene Märtyrergeschichte eines unglücklichen Volkes". Rabbiner Gustav Cohn. Das M£ic2cfosrBSC&iu!wspk „Bes Jaakauw" In den ersten Tagen dies,- Monats wurde in Krakau der Grundstein zu dem „Jaakauw-Heim" gelegt, und dies I reignis soll Veranlassung geben, weitere Kreise auf diese Bewegung aufmerksam zu machen Viel ist schon über lies |aakauw in den letzten Jahren geschrieben worden, dennoch ist nur all/u klein der Kreis derer, die ilie Bes Jaakauw Arbeil kennen und in ihrer großen Bedeutung zu werten wissm. I s handelt sich um das jüdische Mädchenerziehungswerk im Osten, das nach den erschreckenden Tatsachen, die auf der ersten internationalen Mädchenkonferenz /u I oudon in diesem Jahre bekannt geworden sind, des allgemeinen Interesses umso sicherer sein darf, F.i.i entsetzlicher Mangel war darin schon lange fühlbar geworden. Langst ist die Zeit vorbei, da das judische Mädchen des Ostens sich genügen hell an der geistigen Kost, die ihm die Mutter an ih n langen Sabbathnachmittagen zuteil werden ließ, wenn sie audem „Deutsch- Chumisch" oder der ../cenoh ur'cnoh" vorlas. Der I üdungshunger der Mädchen, der so lange ungestillt geblieben denn nur um den Knaben „lernte" der Vater konnte nur befriedigt werden, wenn mau sie in die polnische Schule schickte, und mit dem regen Geiste und der Anpassungsfähigkeit ihr Juden waren sie bald gute Schülerinnen, gewandt in allen Fächern profaner Bildung, aber fernab dem jüdischen I eben im l Iternhause. Saß doch der Vater in seiner Freizeit im Bes hamidrasch beim Talmud, genoß doch der Bruder Profan- Unterricht höchstens bei einem jüdischen Hauslehrer, w ahrend er schon im /arti n Kindesalter das Cheder besuchte, später die Talmud-Torahßchule und schließlich wohl gar die Jeschiwa, so daß sein Oeist nur von jüdischen Eindrücken belebt, seine Lebensanschauung im Geiste ludischer Tradition gebildet war! Daruber aber dünkte sich die gebildete, moderne Tochter und Schwester erhaben. Wie mancher Kampf entbrannte da /w ischen Vater und Tochter, wie heftig begehrte sie auf gegen die religiöse Athmosphäre des Elternhauses, in deren atrengem Ernst sie ztl ersticken meinte] Wie manche fand - jung, schön und gebildet Trost bei einem nichtjiidUchcii .Wanne, verheil mit Ihm heimlich das Elternhaus, um das ersehnte Qlück dann doch nicht /ti finden. Und vielleicht noch unglücklicher werden die Ehen, die zustande kamen, wenn die Tochter, dem Dringen der EHem folgend, einem jungen Bachur die Hand reichte. I r hatte e'ne Hausfrau und Gattin im altjüdischen Sinne ersehnt, seinen Kindern eine Mutter, die sie in seinem < leiste erziehe Keine dieser I loffnungen konnte so «•in Mädchen erfüllen, und doch - wer hätte e> verantwortlich machen Können? Ts gab aber Leute, die die Schwere der Verantwortung für die Zukunft der jüdischen Familie, für die jüdische Erziehung der künftigen Generation führten. Doch während sie noch sorgten und berieten und der Verfall des jüdischen Familienlebens unterdes immer weiter fOrtschritt, begann eine mutige Frau mit der Abhilfe und schuf die kleinen Anfänge des heute etwa To Schu'ei umfassenden Bes- Jaakauw-Werkes, das den Namen d r 1 :a,< Sara Svhcnircr ste.s mit Stolz als den seiner Schöpferin nennen wird. In zwei Stuben ihrer eigenen Wohnung sammelte sie Kinder um sieh; von der Straße hohe sie sie, ließ sie bei sich leben und begeisterte sie so sehr für ihre Ideale, dali sie bald als immer mehr Kinder dieser primitiven Schule zuströmten die älteren Schülerinnen als Helferinnen im Unterricht der Kleinen anstellen konnte. Und nun regte sich plötz'.ictt überall der Wunsch nach jüdischen Schulen fül die Mädchen. Die einen kamen aus der Provinz nach Krakau, um bei Frau Schenirer zu lernen; die anderen schrieben, man solle ihnen Lehrerinnen schicken. Unermüdlich wurde in der kleinen Anstalt gearbeitet; unter unsäglichen Opfern wurden ganz junge Mädchen zu Lehrerinnen herangebildet. Unter unglaublichen I ebensbedingungen, unter Entbehrungen aller Art leben in zwei kleinen Räumen die vielen Mädchen beieinander, bereit, jede körperliche Not ZU ertragen, um der grollen geistigen Not im I ande zu steuern. Nach einigen Monaten räumen sie den Platz neuen Ankömmlingen, um — selbst begeistert und aiulere begeisternd nun einer Schule vorzustehen, WO sie Kinder, die oft selbst kaum jünger sind als sie, lesen und schreiben lehren, sj... in die jüdischen (lebete einfuhren und ihnen aus dein unendlichen Schatz jüdischer tieschichte berichten. Sie erzählen den Kindern von unseren grollen Heilig« tflmern, von Sabbath und besten und weihevollem jüdischen Leben, und immer zahlreicher werden die Mädchen, die diesen Schulen zuströmen, welche jetzt schon etwa 10000 Schülerinnen umfassen. — System in dieses Werk ZU bringen, das sich in wenigen Jahren so entwickelt hat, blieb westlichen Pädagogen vorbehalten, und die wertvollste Einrichtung ist wohl der jetzt Zum dritten Male stattfindende Ferienkurs, bei dem die jungen, bereits im Amt befindlichen, aber doch nur notdürftig ausgebildeten Lehrerinnen in angestrengter \rbeit sechs Wochen lang wahrend ihrer grollen Ferien ihr Wissen vertiefen. ihre pädagogische und methodische Schulung ver\ oii UUUllcIl. i*xnF*«an Jetzt mtmn Bestellungen für feine COB50 KONDITOREI KAFFEE HAU/ unter Tel. 20214 oder im Laden Augustusplatz erbeten. Int».: Ernst Fischer früher langjähriger Pächter der Konditorei „Fürst Reichskanzler"