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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-10-03 · 39/40 (3.10.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
39/40 (3.10.1927)
Date
1927-10-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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: t' QEMEINDEBLATT DLR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. \jht£i a gun{ wiedei offen bekennen tu können); deshalb zwang man dies* Neuchristen zu <ajlen möglichen eidlichen Versicherungen, daß ihre Bekehrung eine aufrichtige sei, daß sie sich von jüdischem Olauben ludischen Bräuchen lossagten, ja. sie mußten mit schrecklichen Fluche,, Sich gelbst verdammen für den Fall, dall sie wieder vom neuen 01a„hen abtrünnig werden soltten, Dieses System der Verfolgung«! und Zwangsbekehrungen breitete sich immer weiter, bis über Orteuropa, aus. Ueberall gab es /ahlreiche getaufte Juden, die in ihrem Herzen auch nicht um ein weniges von dem alten Glauben sich entfernt hatten. Mies spricht dafür, daß im Hinblick auf die Qewissensqualen dieser Zwangsgetauften die Kol nidre-Formel in die Liturgie aufgenommen Wurde. Erst im 12. Jahrhundert (auf Veranlassung des R. Jakob Tarn) wurde die Formel auf die Zukunft umgewandelt, während sie sich bis dahin aul die Oelübde usw. bezog, die im abgelaufenen Jahre ge- | gprochen waren. Mit dieser Einleitung befreiten sich die Unterdrückten | lon ihrei Seelenpein, wenn sie in versteckten Räumen am Veröhnung» tage heimlich zusammentraten, um an dem für sie heiligsten Tage Versöhnung und 1 ntsühnung zu erlangen: religiöser Qlaube ist urei« gtnste persönliche Entscheidung; jeder Mensch muß und kann sie nur mit seinem tiewissen abmachen; ein hierzu abgezwungenes Oelöbnis kann Keine Kraft besitzen; eine abgezwungene Beteuerung j etwa, beim Qenusse von Speisen, die der Jude als verboten erachtet, Iceinen Widerwillen zu empfinden, muß als nichtig anerkannt werden. Dem gaben die in ihrem Olauben Gedrückten Ausdruck vor ihrem Gotte und ihrem Gewissen mit der Kol nidre-Formel. — So wird es erklärlich, daß diesem liturgischen Stück eine Innigkeit und religiöse Gewalt verbunden wurde, die aus seine n Inhalt allein keineswegs verstanden werden kann, daß die Ve suche der Gaonen, sie wieder .ms der Liturgie zu entferne:), fehlschlagen mußten; es knüpfen sich auch später, als es seinem ursprünglichen Zwecke nicht rühr zu dienen haue. Erinnerungen daran, dis man um st lieber pflegte, als itie eben auf Vergangenes Bezug nahmen. — Noch einmal schuf das ausgehende 13. Jahrhundert den spanischen; Juden traurigen \nlaß, Kol nidre wieder in seiner ursprünglichen Verwendung zu sprechen, als unter dem Schrecken der Inquisition d.is alte System der zwangsweisen Bekehrung zum Christentum wieder aufgenommen wurde. ..Das grausame Spiel von ehedem wiederholte sieh nunmehr! ist stereotyp, und Hunderttausende von Juden wurden zur Annahme des Katholizismus gezwungen. Ihre Kinder wurden in Klöstern erzogen und die Zwangstiuftinge mußten wieder duri h besondere Eidesformulare die Freiwilligkeit ihres Austritts beschwören und das Judentum ujnd alle ihm Treugebliebenen mit den gräßlichsten Formeln verfluchen und sieh selbst und ihre Kinder dazu, für den Fall, daß sie in den alten Irrglauben zurücksinken sollten. Diese I idesleistung mußte zweimal im Jahre, an Erew Peßach und am Tage vor Jörn KjppUT, wiederholt werde l." Was war natürlicher, aK dai; die also Vergewaltigten ihr Gewissen von diesen erzwungenen' Eiden und Oelübden durch die Kol nidre-Formel reinigten! — Zwischen jener ersten Periode der Oewissensbedrängnis, unter der die Juden so schwer seufzten, und der späteren fast ((leichartigen hatte sich aller ein Wandel in der Anwendung der Kol nidre-Formel vollzog n, dei von der besonderen zu einer allgemeinen Bedeutung der Forme! übergeführt hatte. Die Heiligkeit eines gegebenen Wortes hat schon unsere Bibel in feahlreichcn, sehr ernsten Worten «fufs nachdrücklichste eingeschifft Nicht mir dem bei Qott geschworenen Eid, auch jedem gegebenen r Juwelen, vQoHsuluflKudi ^Bljb'arwaireini in bekannter Preiswürdinkeit Oscar Rieh, teer Oe»r0nd*t '872 Ff»rnsprpehpr 13474 \'t PetersstralSe 15 HohminilS Hof Neumatkt 16 W \ Wort soll unbedingte Unverbrüchlichkeit gewahrt bleiben. „Was über deine Lippen gekommen ist, das bewahre und tue, wie du gelobt dem Ewigen, deinem Gotte (b. 15. M. 23. 2»)." „Du sollsUjvider deinen Nächsten nicht aussagen als ein falscher Zeuge." „Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes nicht zum Falschen aussprechen." — Im Sinne solcher Thoraworte wurden die Lehrer des Judentums nicht müde, immer wieder ZU warnen vor der Gefahr des falschen Schwures, und darüber hinaus selbst dem einfachen Worte die Kraft heiligerV erbindlichkei! zu schaffen. Selbstverständlich, daß demgemäß auch kein Versprechen und Gelübde auf eine andere Art gelöst werden kann, als durch den, dem es gegeben wurde. Doch wie, wenn jemand Gott gegenüber aus frommer Qesinnung sich eine Pflicht Auferlegte oder einen Genuß versagte, und durch unvorhergesehene Umstände diese Sclhsthindung nicht innehalten konnte? Beispielsweise, es hätte jemand gelobt, er werde, solange er noch lebt, an jedem Freitag Abend nach dein Sablialhinahl -eine Stunde lang in alten frommen Büchern lesen, und nun befallt ihn eine Augenkrankheit, die ihn am Lesen hindert Für Falle dieser Art haben die allen Lehrer die Möglichkeit einer Lösung des Versprechens vorgesellen. Aber nur für Lille dieser Art, in denen is sieh um eine Bindung vor Gott sich selbst gegenüber handelt. Diese Lösung kann jedoch nur geschehen, wenn der, der gelobte, es mit vollem Bewußtsein getan hat, oder wenn er sich seiner Unfähigkeit, da> Qelobte auszuführen, auch bewußt ist. Die Verbindlichkeit bliebe aber unvermindert bestellen, wenn er leichtsinnig, ohne Nachdenken sich eine Bindung auferlegt, so daß sie seinen» Gedächtnis alsbald wieder entschwinden kann, oder wenn die Voraussetzungen für die Erfüllung erst in einem Zeitpunkte eintreten, in dem das Oelübde ihm nicht mehr bewußt ist: auf diese Art vom Oelübden usw., und nur auf diese An wurde die Kol nidrC"-Formel bezogen, seitdem sie unter günstigeren Verhältnissen nicht mein ausschließlich für die im Olauben Unterdrückten Anwendung zu linden brauchte. In der einen wie der anderen Verwendung ist die Kol nidre- Formel Ausdruck einer geschärften Gewissenhaftigkeit hinsichtlich iles Lides wie des ohne besondere Beteuerung gegebenen Wortes. Es ist leicht zu erkennen, dal! aus einer solchen Achtung vor dem Worfe für den gewissenhaften Juden geradezu eine Scheu vor dem lade erwachsen mußte. In der Tat is, es eine häufige Erscheinung, dali luden es überhaupt ablehnen, im bürgerlichen Streitverfahren zu schwören, selbst wetu» sie namhaften Schaden erleiden. Auch so wenig judenfreundliche Schriftsteller wie Daniel Wulf er und Johann Jakob Schudt liaben schon um das Ende des IT. Jhrhd. berichtet, wie ängstlich Juden dem Eide aus dem Wege gellen, um nicht derGefahr einer EUGEN KELHETTER Inhaber: Carl Kodi L EIPZIG Während des Neubaues: Peterss'raße 17 Grimmaisdie Str. 17 Ii (neben Salotno-Apotheke) r'ernspreditr 251 Kl @ Erstklassiges Geschäft feiner Herren-Mode-Artikel Stets das Neueste in Krawatten Spei.: Oberhemden nach Maß JJ

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