Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 38 (23.9.1927)
- Date
- 1927-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968785-5968986--1354-4879026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
leiM 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN' RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang Israelitische Beter alles Irdische, Verkäufliche weit hinter steh und schwinget sich in die höchsten Regionen geistigen Lebens empor, wo der Heist lebt, wo die reine, von allen Schlacken des Irdischen beireite Seele Zwiesprache hlt mit ihrem Schöäpfer, der Weltenseele, der Seele des Alls. „Möge die Ehrfurcht und die Scheu vor Dir kommen über Alles, was Du geschaffen hast, mögen Dich ehrfürchten alle Wesen, sich beugen vor Dir jede Kreatur, daß sie alle einen Bund IchHeBen, und eine Gemeinschaft bilden, Deinen Willen auf Erden zu erfüllen mit ganzem Herzen". Vergeben und vergessen ist aller Haß und alle Rachsucht, die draußen in der Welt wüten, vergessen alle Noi und dies Leid, jede Bedrückung und jede Gewalttat, die man erfahren hat. unter denen man seufzt und denen man so vieles kostbare und unersetzliche Leben geopfert hat — man betet für das Wohl und Heil der Welt, aolier Welt, aller Menschen, aller Kreatur Man fühlt sich vereint, verbunden, verbrüdert mit ihnen allen und betet für sei alle. Das ist feinstes, reinstes, erhabenstes Menschentum, das hier zum Ausdruck kommt, ein Menschentum, wie es die Propheten des alten Israel auf ihren höchsten Höhen erkannt, geschaut, gelehrt haben. Hier steht unsere Religion auf einem Gipfel, der von keiner Kellglon und keiner Philosophie je erreicht, geschweige denn überschritten worden ist. Ein zweites QebetstQck, das für das Neujahrsfest charakteristisch its und ihm den Stempel aufdrückt, ist die Litanei , die morgens und nachmittags nach der Wiederholung der Tefilla gesprochen wird, sofern es nicht ein Sabbat ist. Die 3S gleichlautenden kurzen I Sitze, aus denen das Debet zusammengesetzt ist, sind zu verschiedenen Zeiten im Laufe eines Jahrtausends entstanden. Sie stehen gewiß nicht auf der Hohe des früher genannten Gebetes, weder als < i.ni/t-. noch in einzelnen Teilen betrachtet. Es fehlt ihnen vor allem der große universale Zug, das Menschheitliche, sie sind sichtlich national eingeengt. Kinder leidbeschwerter, sorgenerfüllter, geistgebeugter Zeit. Und doch, und das gerade ist kennzeichnend und beweiskräftig für die Beurteilung des immanten Geistes unserer Gebete, des in ihnen lebenden und sich auswirkenden Göttlichen und des edel- Bten Menschlichen. Wie ergreifend, rührend, erschütternd ist das menschliche Weh, Mitleid und Erbarmen, das in ihnen Laut und Ausdruck findet. Hier ist nichts von Auflehnung oder auch nur Klage über unverdientes Leid, herbes Geschick, Verkennung und Zurücksetzung. Einzig, und allein um Qnade und Hilfe Gottes betet der israelitische Mensch, betet in tiefster Demut um Sündenvergebung nicht um Seinetwillen, da ei auf nichts Verdienstliches hinweisen könne, sondern um Gottes, seines Namens und seiner Barmherzigkeit willen und schließlich um seiner Märtyrer, seiner Väter und Ahnen willen. 1 in drittes, das wir noch betrachten wollen, ist das dreiteilige mittlere Stück dei Mussaftefilla, das unter dem Namen: Malchujoth, jSichronoth, Schofroth bekannt ist. Hier ist es wieder die erhabenste Gedankenwelt des Judentums, in die der Beter eintritt und in der er verweilt, um zu immer höheren Höhen des Gedankens, der prophetischen Hoffnung, Sehnsucht und Erfüllung aufzusteigen. Gott ist der Schöpfer und König und Herr des Alls. Von seiner Hand geschaffen, gelenkt und geleitet ist alles, was auf Erden lebt und sich regt. Ein Gott, ein persönlicher Gott, ein Herrscher, ein Vater steht über uns allen, regiert über uns alle, schützt und beschirmt und betreut uns alle. „Darum wollen wir huldigen ihm, wir alie." (Malchujoth.) Doch nicht nur einen Herrscher, einen Fürsorger hat dies Weltenal! in seinein Schöpfer, in seinem Gott, sondern auch einen Richter. „Vor dem Throne seiner Herrlichkeit gibt es kein Vergessen. Vor seinen Augen kann Keiner und Keines sich verbergen oder ihnen sich entziehen. Er schaut und dringt bis ans Ende der Zeiten, wenn zur Prüfung, zum Urteil am Neujahrstage vor ihn tritt der Geist und jede Seele, so viele ihrer sind in unübersehbarer Fülle." Wie hoch, wie überragend steigt die sittliche Achtung, die moralische Würde des Menschenwesens, Wert und Bedeutung jedes Erdengeschöpfes, das der liebevollen und eingehenden Prüfung und Beachtung der Gottheit sich als wert und würdig erweist (Sichronoth). Der fürsorgende Schöpfer, der gnadige Richter, er ist aber auch der verheißungsvolle Erlöser, der I rager der Zukunft, der Bringer der Freiheit. „Du hast in herrlichem Glänze dich einst Deinem heiligen Volke offenbart, vom Himmel herab Deine Stimme es vernehmen lassen. Die ganze Welt erzitterte vor Dir und die Geschöpfe der Erde bebten vor Dir, als Du am Sinai Dich offenbartest, um ihm Lehre und Gesetze kund zu tun____Alle Bewohner des Erdenrunds, wenn das Panier auf den Bergen sich erliebt, ihr werdet es sehen, und wenn das Schofar erschallt,! hr werdet es hören____ und sie werden kommen, die Verirrten im Lande Aschur und die Verstoßenen im Lande Mizlaim, und weiden sich selbst allesamt bücken vor dem Ewigen auf dem heiligen Berge in Jerusalem." Zu sieghafter triumphierender Gewißheit erhebt sich in diesen Sätzen die prophetische Erwartung Israels. Ausgehend vom eigenen Volkstum und gerichtet auf das eigene nationale Leben und das eigene Geschick, erhöht und weitet sich der Blick hin zur großen Völkergemeinschaft, zum letzten und höchsten Ziele der Menschheit, zur messianischen Zukunft „wo alles, was Odem hat, den Ewigen preiset" (Schofroth). Schon diese kurzen Hinweise aui einzelne unserer Neujahrsgebete machen es uns deutlich: hier ist heiliges Land, das wir betreten, hier webt (iottesgeist, der Flügelschlag des Ewigen, der uns hier umweht, berührt. Kein Wunder, daß die erhebende, beseligende Wirkung dieser Gebete sich jedem mitteilt, der teilnehmend und verständnisvoll sich dieser Geisteswelt naht und von ihr sich umfangen läßt. Mit anderem Sinn und mit besserem Recht können wir am Schluß den Glaubenshrüdern das alte Dichterwort zurufen: „Tretet ein, denn hier findet ihr Gott." Der jüdische Kalender und die Kalenderreform Von Rabbiner Dr. Heilbronn (Nürnberg). DU jüdisch« Neujahrsfest lallt uns in der Fülle der Stimmungen, die es heraufbeschwört, in der Flut all der religiösen Oedanken, die auf uns einstürmen, gar nicht zum Bewußtsein kommen, dal, auch dieser Jahresanfang auf einer kalten, astronomischen Ueberlegung beruht Die Zeit ■essen, ist eine Aufgabe die dem Astronomen und Fachmann nur geringe Schwierigkeiten bietet, viel schwer« die Aufgabe, die gefunden« Zahkngröfk mit den von der Natur gegebenen Zeitabschnitten, dem Tage und der Woche, in Einklang zu bringen Man kann ein Jahr nicht mitten am Tage beginnen, obwohl die Laufbahn de. Gestirnes, das den Kalender bestimmt, ganz gewiß keine Rücksicht auf die i ebensgewohnbeitea der Menschen ümmt. Die Längt eines Jahres ist in ihrem numerischen Wert auch kein bequemer Zahlenausdruck, mit dem sich leicht rechnen laßt; in den bekannten astronomischen Daten finden sich immer noch Bruchteile von Tagen und Stunden, die nicht außer Acht gelassen werden diu feil, weil sie im Laute der Zeit zu ansehnlichen Größen sich summieren. In der jüdischen Kalenderrechnung begegnet uns noch eine zweite Schwierigkeit. Wir bestimmen unseren Kalender nach dem Monde, d. h. die Länge unseres Monats ist von den Phasen unseres Trabanten abhängig. Von einem Neumond bis zum nächsten vergehen 291/, Tage (der Bruchteil von 31/., Sek. bleibt zunächst unberücksichtigt) was eine Jahresdauer von \ii Tagen ergib». Wir sehen also, daß das Mondjahr um etwa II Tage kürzer ist als das Sonnen jähr. Da aber unsere Festtage an bestimmte Erscheinungen des Sonnenjahrs gebunden sind, soll doch das Peßachfest als Frühlingsfest, Succoa am Schluß der Ernte gefeiert werden, so zjr Jwweien, Golduzadl Silber war era in bekannter Preiswürdigkeit Oscar Richter v i Gegründet 1872 Pete rsstr alie 15 Fernsprecher 13474 Hobmanns Hof Neumarkt 16 J