Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4876568-5968785-5968984--1329-4879003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr 36 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 kundgibt, erklärt es, dait Luthers Bibelübersetzung in Deutschland eine ganz andere Aufnahme fand, als Bibelübersetzungen in romanischen Ländern, daß, durch Strömungen, wie den Pietismus gefördert, die deutsche Sprache mit biblischen Reminiszenzen ganz durchsetzt wurde und bis in die klassische Zeit hinein die deutsche Literatur eine Fülle biblischer /_ i t a t e aufweist. Aber auch taltnudrscher Weisheit, durch Uebersetzungen, wie von Herder u. a., vermittelt oder aus dem Volksmunde geschöpft, begegnet uns auch im Späteren deutschen Schrifttum. Manches daraus ist auf diesem Wege ZU einem geflügelten Worte der Deutschen geworden. So bei Logau: Sich selbst besiegen ist der schönste Sieg (Talmud: Aboth 4,2), bei Qoethe: Die Kunst ist lang und km/ ist unser Leben (Aboth '2, 21), Einmal ein Lumpenhund, er bleibt's in Ewigkeit (Erub. 19a), bei Schiller: Ehret die Frauen (Baba mez. :>'•), Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder (Schabb IV2 a), In müßiger Weile schafft der böse (ieist [Kethubb. Mischna V), Der Wein erfinde! nichts, er schwatzt's nur aus (Enib 65), Allmächtig ist das Oeld, auch Mohren kann es bleichen (Kidd 71 a: „kessef in'tahcr mamscrim), Des Menschen Wille ist sein Himmelreich (j. Peah 1, l), bei Chamisso i Schlemihl, der Mann ohne Schatten U, v. a. tu. Auch der deutsche Bauernkalender zeugt von engen Beziehungen, in denen, besonders auf dem Lande, Christ und Jude miteinander verkehrten und die daran erinnern, daß Juden im frühen deutschen Mittelalter Ackerbau betrieben, in Schlesien 7. B. die Lehrer darin waren. In manchen Gegenden heißt der Schabbath B'chukkothai, „der kalte Schabbes[. Von ihm sagt man: „Bevor de Jude nich flucht hawe, wards Wetter nich better", vom Jomkippur, dem Versöhnungstage: „Wann't Up den Juden raren ,langen Dag' gued Wear is. dann bliwt et den ganssen hearwest gued" u. a. Des Juden Schicksal und Eigenart spiegell sich wieder in den Worten, wie: ,.l ieber Jude sein, als das tun'r. ,,F.s schmeckt wie ein toter Jude" (elend). „Ein Jude, der nicht spart'". „Wenn der Christ baut'n Haus und der Jude gibt'n Tochter aus, da müssen beide aus'm Much heraus" (sie haben sich ausgegeben und sind dadurch kreditunfähig geworden) u. a. Ein weiteres Gebiet deutschen Volkslebens, auf dein jüdischer Einfluß zutage tritt, ist die deutsche Volksdichtung. Einige Märchen. Sagen und I jeder behandeln Juden, so (bei (trimm IV.95) „Der reiche Jude ttn Hamburg" (Teixeira [wie Pinto von Amsterdam und später RotschiW] dnei von den Juden, die füi die deutsche Finanzwirtschoft bedeutsam wurden). ..Der Jud' im Dorn", „Die klare Sonne bringt's au den Tay;". ..Der ewige Jud.'". Andere dürften durch jüdische Uebersetzei aus dem Arabischen zu den Deutschen gekommen sein, manche weisen jüdische Motive auf, wie <iri in in I, 168: die Sage vom Sanibation, II. i! (nicht ich hab's gesagt; die Anzeige vom Tode Jehuda hanassis), III, Jos; Herauswachsen der Hand aus dem Grabe, wie beim Grabe Absaloms); 1 Nr. 77 (die drei Fische, Vgl. Talmud Berakh. <>l); die Weiber von Weinsberg (Hohelied 12, 1); der Ring des Polykratcs (Schabbath I l<i). Salomon u. Moroll ii a. m. Eine der bedeutendsten Kunstdichtungen des deutschen Mittelalters, der Parsival, beruht aul der Qralssage, die in vielen Einzelheiten auf jüdischen Ursprung hinweist. „Oral" Ist noch immer am wahrscheinlichsten vom hebräischen goral I os herzuleiten, das Vorbild der Oralsrunde ist 2. Mose 24, 12, die Helden erinnern an die Garde Salomes (Hoheslied t. 7 u. S), die 40-tägige Wanderung durch aebützende Wolken an die 40-jährige Wüstenwanderung Israels, der Monsalvaesche an den Zijon, aul dem Salomo residierte, der Edelstein vom Himmel gesandt, lalmud. Schabb. 59 b usw. Auch Tannhiusers blühender Stab ist ein Nachkomme des Stabs Ahrons. Die älteste Redaktion von ,,Kaiser und Abt" ist jüdischen Ursprungs. Aber auäch die größte Dichtung der Deutschen in neuerei Zeit, ja überhaupt Qocth!S l aust, dessen Prolog bekanntlich dem Buche Hiob nachgedichtet ist. wurzelt im deutschen Volksglauben. So: Lilith, Mephisto, dem Aschmedai Salomos entsprechend, Helena in einer Rolle, wie die Königin von Saba in der Sage, Homunculus (vgl. Sanh. 65 b), der Schlüssel, der zu den Müttern fuhrt, die Feuerbesprechung, Ariel, der im jüdischen Volksglauben durch Demuel vertreten wird. Diese und viele andere Elemente im „Faust" erinnern an den weiten Spielraum, den im deutschen Volksglauben jüdische Mystik und andere, wenn auch nicht originell jüdische, so doch durch das Judentum vermittelte Einflüsse einnehmen (die ganze Alchimie wollt - man Juden zuschreiben). Wie die Sagen und Märchen wandern auch solche Vorstellungen und Praktiken von Volk zu Volk. Jüdische Einwirkung besteht aber unzweifelhaft dort, wo jüdische Schriften, Worte oder Wendungen zitiert werden und hebräische Formeln eine Rolle spielen. * Das auf mittelalterlichem Hausgerät und in deutschen Geheimschriften immer wiederkehrende H e xag r a m nt (I >avidschild) ist /war nicht judischer Herkunft, gilt aber, /. B. in der Instruktion für die Rosenkreuzer, als Vereinigung von Wasser und Feuer im Chaos I und wird mit dem hebräischen Scbamajim (Himmel, nach dem Midrasch aus esch und majim, „Feuer" und „Wasser") bezeichnet, wahrend es nach judischer Tradition die Verbindung der beiden Schilde Abrahams und Davids darstellt, als welche in der Heiligen Schrift (iott bezeichnet wird. Ohne auf andere Einzelheiten hier einzugehen, sei nur betont, daß im Gegensatze ZU dem ursprünglich deutschen Volksglauben im judschen weder gestohlenes Blut noch Menschenblut Verwendung findet, und daß der Aberglaube von Autoritäten des Judentums, besonders Maimonides, strikt abgelehnt wird*). Dali das Judentum, wie beim „Faust" sozusagen. „Pate gestanden", so auch den M y s t c r i c u . den F a s t nachtspiel e u . bei Hans Sachs u. a. vielfach Stoffe geliefert hat. daß es in Kinderspielen, wie „Adam, wo bist du?", mitwirkt, mag hier anzudeuten genügen. Nicht übergehen möchte ich, dali die „Lorelei" und „Leise zieht" von Heine. „Zu Straßburg auf der Schanz" von Mosenthal, „Wenn ehe Schwalben heimwärts zieh'u" von Herlossohn, „Es hatten drei Oesellen" von Elias Salomon, „Die alten Deutschen tranken noch eins" von K a n i t z . dali ,,() Täler weit", „Es ist bestimvml in Gottes Rat". „Wer hat dich, du schöner Wald" von von Felix Mendelssohn in Musik gesetzt sind. *) Auf den Jahrmärkten oft feilgebotene deutsche Zauberbücher, die ausdrücklich aus dem Judentum sich herschreiben, sind: „Die grolle M OS es-Bibel", d i. das (i. und 7. Buch Mosis (Philadelphia!); „Das fj. u. 7. Buch Mosis" [Weimar 1505!) mit „Formeln der magischen Kabbala samt Auszug der echten und wah-'" Clavicula Salomonis, Rcgis Israel", mit „Brustbildern" Moses. Ahrens Bileami usw. Es fordert, dal! die „Citationsformeln in hebräischer Sprache gesprochen werden". Ein „Nigromantisch.es Kunstbuch" (Köln 171 i) handelt von .,( ilucksrute. Ring' und Krone Salomos" USW. und seinem „Schlüssel, den schon die Patriarchen gebraucht hatten". Aehnlich spricht Agrippa von Nettesheim von den „Nomina divina respondentia numeris Saturni", von den „Membra Dei Hebraeorum MecubaHum opinione". Er bringt verschiedene kabbalistische Alphabete usw . Die alten Faustbücher selbst sind solchen Spukes voll, der in zahlreichen Manuskripten über Volksmedizin u. dgl. sein Wesen treibt, sich auf die Patriarchen und alle möglichen jüdischen Autoritäten, wie bei R. Lullui „Alomon Zadock Presbyter Hieroso Cynukanus", beruft und in die Schrillen |acob Böhmes u. a. übergegangen ist. »TAGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE C3 J> o Keue&sps$ger Sei tun et BEZUGSPREIS J.ÜO MOSATUCH IM POSTBEZUG JM BtttäCHL BESTELLGELD oo m 33 O o 0 CT3 ►täglich Ober 100000 aufläge*