Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 3. Jahrgan Jüdische Einflüsse im deutschen Volksleben Von Dr. Max Orunwald (Wien). Du i influß des Judentums auf das deutsche Volksleben reicht, rein chronologisch bemessen, fast so weit zurück wie die Spuren jüdischer \nsiedlungen auf deutscher Erde. Mit dem Auftreten des Christentums gewannen die Deutschen ein neue* Weltbild und einen neuen geistigen Habitus, die beide allmählich in einem Elemente des Volkslebens, in der Volkssprache, ihren Niederschlag fanden. Das Deutsche hatte sich ursprünglich auf den Hausgebrauch und das Volkslied beschranken müssen. Die Sprache der Kirche war, den ^rianismus der Westgoten ausgenommen, das Lateinische. Das erste christliche Buch in einer Vulglrsprache war des Ostgoten Ulf IIa Bibelübersetzung (4. Jahrhundert). Um den kriegerischen Vinn seinei Goten nicht noch mehr zu spornen, ließ er die Bücher der Könige aus. Hierzu sei erwähnt, daß bis in unsere rage hinein, wo patriotische Begeisterung zu wecken ist, nie aus der Bibel das Neue, sondern stets das Alte Testament zitier! wird, weil nur dieses sich hierzu eignet, Beim ersten Auftreten romantischer Deutschtümelei verwahrt sieh Oervinus in seiner „Geschichte der deutschen Literatur" (II, 350) gegen die Verdrängung des Alten Testamentes und Homers zugunsten der Nibelungen: „Weder das Ver- . . ' menschliche Kraft noch Strebsamkeit, die allein zu tüchtigen Menschen erzieht, noch l iehe zum Vaterlande, für die das Mittelalter kaum den Namen hatte, kann", so schreibt er, „dem Knaben, dem werdenden Menschen die Passivität dieser alten Germanen geben. Hingegen schöpft man alles dies aus den Schriften der luden und aus Homer, dein man deshalb hart neben diesen seine stelle unter uns eingeräumt hat". Bis aul Karl den Großen glaubte man. nur in den drei Sprachen, Hebräisch, Griechisch und Latein, beten zu dürfen, die angeblich aul dem Kreuz auf Golgatha gestanden hatten. Karl jedoch verlangt demhes Gebet und deutsche Predigt (Capitularien v. J. TS1) und 7«)l). jede Spracht paßt fül das rechte (iebet. „Denn das ist das erste Gebot des Herrn, des iiimächtigen Gottes: Höre, Israel, der Herr, dein < iott ist ein einiger Gott. Und daß er geliebt w erde von ganzem Herzen und von ganzem Gemüt und von ganzer Seele und von allen unseren Kräften". So finden wir denn, von mundlicher Ueberlieferung besonders durch die Predigt abgesehen, vom achten bis zum elften Jahrhundert althochdeutsche Glossen zur Bibel uberall vom Niederrhein bis in die Kärntner Alpen In das Deutsche n Worte wie Herrgott, Vater im Himmel, Himmelreich, Paradies, I ngd und Teufel, den Psalmen entlehnte mit ..Ihr/- zusammengesetzte Beiworte, lamanungc Synagoge, bekehren (das hebr, schub), Gotteswort, üottesname, Ootteshaus, Messias; der Zehnte, Priester (aus dem griech. Presbyteros nach 2. Mose 3, 16), Urkunde (Tora), der Nächste (früher: der Nachbar, jetzt: der Mensch), Klerus (griech. „Erbteil" nach 5. Mose 4, '20); Heide (von IKidi Campus, das jüdische „am haarez", lat. paganus; angeblich weil Konstantin das Heidentum nur in den pagis, den Dorfern. duldete) Unter Ludwig dem Frommen gewinnt das Judentum am Hofe und beim Adel eine solche Macht, daß Bischof Agobard von Lyon dagegen mit einer Judenbekämpfung einsetzt, wie später Condlien gegen solche „Vcrjudung" mit Verboten der Ehe zwischen Christen und Juden, gegen den Besuch der Synagogen durch Christen, gegen Religionsgcspräche nni Juden u. dgt. eifern. Trotz alledem hören wir, daß Standespersonen zum Judentume ubertreten, daß man indische Schriften den christlichen vorzieht, daß selbst Bauen Vorliebe für das Judentum /«igen. Noch im 12, Jahi hundert waltet der alt t es tament liehe < kort in der deutschen Literatur vor. Frst Später tritt der (iottessohn und dann erst der Marienkult in den Vordergrund Die Predigten, ursprünglich nur Zusammenstellungen biblischer Sittenlehren, die Minnesinger, unter ihnen der Jude Süßkind von Trimberg, neben dem Samson Pine als Uebersetzer einer französischen Fortsetzung des Parsival erwähnt werden dart, sowie die folgende von Burgern, Bauen' und luden, wie \v/„|«l,.:_ ,.,,n l ,j.\.„„. ,. ... | I i i, i- . ............" Locnamen und Jon. fault, geschriebene Literatur, auch jüdische Aerzte, die zugleich als Lehrer wirkten (vielleicht kommen außerdem, wie in Wien, im Mittelalter Juden als Buchhändler in Betracht), alle diese Faktoren verbreiteten die Kenntnis der Bibel. Frühzeitig heginnt auch, zunächst zu Missions- und Disputationszwecken, spater zum Studium der Kahbala, die Erlernung des Hebräischen bei jiditchen Lehrern. Hugo von Trimberg verwirft, wie nach ihm die Meislersinger, alle Kunst, die nicht mit der Bibel im Einklänge steht. Man liest in erbaulichen Schriften von „Stufen des Gebetes", die an die jüdische Steigerung der Seelenreinheit bis zur Heiligkeit erinnern (Talmud jer. Schahh. I, 3). Frei dank übersetzt gerade/u Sprüche des Alten Testamentes und des Talmuds. Fr sagt: „laut und Hute girret sint, swa der kiinck ist ein kint (Kohelet 10, lh), swer wistUOm, ere groz richeit inert; der inert sin arebeit (Kohelet 1, IS), er nennt Gottesfurcht aller Weisheit Anfang (Spr. Sal. I, 7 und sonst), empfiehlt, auf drei I HngC vor allem zu auilten. von denen Pirke Ahoth 3, 1 sprechen. Aehnllch der „Brantspiegel". Dank solchen Vermittlern, die besonders durch die Humanisten und Reformatoren sich um ein Vielfaches vermehrten, kamen in die deutsche Volkssprache Wendlingen und Sprichwörter, wie Hiobspost; arm wie Hiob; das ist mir zu hoch (Hiob 42, 1) '). In das Rotwälsch und die Studentensprache drangen hebräische Blocken ein, wie Asche (oscher) Geld, Katler (Katran) Bauer, kaputt (Kappara) dahin, kläffen (Kelch) bellen, kohlen (kol) schwatzen, molum (male) - betrunken, Moos |maotb| Geld, Tächtelmächtel aus Täuschelnmiuscheln (maschal), Moses und die Propheten. Daß, wie in Handschuchsheim bei Heidelberg, mitunter in die Mundart der Christen besonders zahlreiche jüdische Splitter eingesprengt sind, wie auch im Mittelalter gelegentlich der „jüdische Sit" (die jüdische Tracht) von manchen Christen nachgeahmt wurde, steht den Tatsachen gegenüber, daß Alexander V. Humboldt seinen Bekannten, wenn sie ein reines Deutsch) hören wollten, den Besuch der Predigten von Michael Sachs empfahl. Daß auch hebräische Namen als Taufnamen in Aufnahme kamen, wie Josef, David, Lmanucl, Joachim, Thomas, Hans (Jochanan), Anna (Channa), Elisabeth, Susanna u, a., überrascht weniger, als daß Wahrworte des nach biblischen jüdischen Schrifttums von den Deutschen Übernommen wurden, wie: Im Hause des (ichenkten spricht man nicht vom Strick (Talmud Baba mezia 57 h), Narren wachsen Vi nbegossen (Beresch. rabba 45), Gedanken sind zollfrei (Kiddusch. 49 h und Omer haschikcha 26). Jeder ist sieb seihst der Nächste (Sanh. '» b), einem Lügner glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht (Sanh. SO b). schmiede das Fisen, solange es heiß ist (Ahoth d. R. Nathan 17), unter Blinden ist der Einäugige König (Ber. r. 30), Not kennt kein Gebot (Erub. '-'7 a), des einen Not, des andern Brot (Ber. r. JS), Oleich und Gleich gesellt mcIi gern (Baba R. 92 b) u. a. Diese Vertrautheit der Deutschen mit der Bibel und eine Vorliebe für sie, die sich in zahlreichen Vertonungen der Psalmen *) Ein gewaltiger Jager vor dem Herrn wie Nimrod; rede, Herr, dein Knecht hör! (I. Sam. 3, »)); Kopfhänger (Je*, 58, 5); Korachs lotie; sich ins Fäustchen lachen (Sirach 12, l((); l ästermaul (Spr. Sal. 4, 24); Acgyptischc Finsternis; Babylonische Verwirrung; Stein des Anstoßes (Jes. S, 14, 10, S); die läge, um denen wir sagen: sie gefallen uns nicht (Koh. 12, I); Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe (Ps. 127,2); Recht muß Recht bleiben (Ps 04, 15); Philister über dir! (Rieht. 4, Ib); Krethi und Plethi (2. Sam. S, 18); lieber ein Ende mit Schrecken (Schill nach Psalm 73,!<•); Mann und Frau sind eins (1. Mose 2, 24); nichts Neues unter der Sonne (Koh. 1. <)); Vater der Armen (Hiob 29, K)); wie den Augapfel behüten (5. Mose 32, 10); ein Dom im Auge (4. Mose 33, 55); Bank der Spötter (Psalm 1, I); Basiliskeneier ausbrüten (Jes. 50, 5); die Haare stehen zu Berge (Hiob I, 15); bleib' im Lande und nähre dich redlich (Psalm 37, 3); Briuler Jonathan (I. Makk. in, IS); der deutsche Michel; l)i\i et salvavi aniinam meam (I zech. 3, 10); F ingerzeig (iottes (2. Mose S, 10); Fleischtöpfe Aegyptens (2. Mose 10, 3); Furcht des Herrn (Psalm III, 1(1); mit Füßen treten (Jos. 10,24); gang und gäbe (1. Mose 23, 26); wer anderen eine (irube gräbt (Spr. Sal. 26, 27); sich gütlich tun (Kohel. 3, 12); das Herz ausschütten (I. Sam. 1, 15); auf Herz und Nieren prüfen (Ps. 7, II))- himmelschreiend (1. Mose I); Abrahams Schoß; Abrahams Baum (Gewitterwolke); um ein Linsengericht; Lockvogel (Jer. 5, 27, vgl. Spr. Sal. 1, 1(1); Menetekel, Moloch, Mohren« äsche (Jer. 12, 23); der Rest ist für die Gottlosen (Psalm 75, *)); nun plus ultra (Hiob JS, 11); Prediger in der Wüste (nach Jes. 40, 3); ein zweiter Salomo, den Scheidebrief schreiben (5. Mose 24. 1): vom Scheitel Iiis zur Sohle (5. Mose 28, 35); Spreu vor dem Winde (Psalm I, 4); Hexensabbat; Tanz ums goldene Kalb, mein Benjamin; mein Sohn Abraham; Uriasbrief; in den letzten Zügen liegen (2. Makk. 3, 31); Zeichen und Wunder (2. Mose 7, 3); Gutes mit Bösem vergelten (I. Mose 44, 4); Mantel der Liebe (Spr. Sal. 10, 12); des Todes sein (2. Mose 12, 33); unter den Töchtern des Landes Umschau halten (1. Mose 34); die Störche werden „Mönche" genannt (chassida — Storch); brauchen (von berak — segnen) in Westfalen u. v. a. <