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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-08-26 · 34 (26.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
34 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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beite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang Qeschichte und Jugendbewegung. Bleibt nur der dritte Weg: Von dem Wesen der Bewegung aus in ihn i rscheinungsformen einzudringen, berichtigend, erhärtend, ergin* zend. aber immer so, dali der Wesensbegriff über allen Nachträgen gewahrt bleibt. Diese Methode befolgend, kommen wir zu folgendem Ergebnis: l>ie Jugendbewegung lehnt wetensgemaB die Auffassung der Qeschichte uls einer oder der Wertquelle ab. Sie muH den Versuch, die Qeschichte zum zureichenden Orund eines Wertes zu machen, als Anmaßung zurückweisen, Die Fremdheit der Jugendbewegung der Qeschichte gegenüber im einzelnen darzutun, ersparen wir uns. Nur dies eine stellen wir fest. Die |ugendbewegung i>t nicht zufällig entstanden. Sie ist vielmehr eine jenei Kräfte, mit denen sich das 19. Jahrhundert vom Historizismus, \<>ii Ueberwertung der Qeschichte losgerungen hat. Dafl sie sich sehr rasch von ihrem früheren Bestimmungsort losgesiedelt und sich mit geschichtsfreundlichen Ideen und Bewegungen angefreundet hat, wird nicht bestritten. Aber das ist eben ihre Krisis, dall sie wählen muß zwischen „Lehrer" und „Führer", /wischen Einährigem und Vielaltrigem, Wenn von manchen die Synthesis von Lehrer (dem Repräsentanten der Qeschichte) und Führer (Verkörperung und Ausdruck einmalige! Bewegung) verlangt wird, so ist das ein Erziehungsideal, d.i> die Jugendbewegung geschichtlich und wesensgemäB weit überholt, und dessen Erfüllung so an den „Zu-fall" der Persönlichkeit gebunden, so selten ist wie die Vereinigung von Qnade und Recht. Mit diesen Kennzeichnungen ist nun auch das Urteil über die /weite Frage gefallen. Line eigenständische jüdische Jugendbewegung LTibt is nicht, kann es nicht geben. Line jüdische Jugendbewegung kann sich noch nicht einmal den Luxus einer romantischen Geschichtsauffassung gestatten, wie es die christliche tut; denn solche Geschichtsbetrachtung hebt das Wesentlichste an der Geschichte auf: ihre Kontinuitäl Mit der Anerkennung dieser Kontinuität aber, mag man ihr wissenschaftlich nachgehen oder sie religiös voraussetzen, steht und fällt für den ein/einen Und für welche OruppC auch immer der Tatbestand des Jude-seins. Innerhalb des Judentums gibt es keine Fremdheit, keine Feindschaft, keinen Protest der Geschichte gegenüber; denn das hiebe nichts anderes als den Ast a bhauen, auf dem wir selber sitzen. Was für manche geistesgeschichtlichen Revolutionen gilt, dali das geschichtliche Lrbe nur einen neuen Verwalter bekommt, das gilt in besonderem Malle für die Revolutionen innerhalb des Judentums. Nicht wie zufällig, dem Schwergewicht der Vergangenheit erliegend, sondern mit voller Absicht suchen sie für sich selbst nach der Quelle, nach dem zureichenden Grunde, nach ihrer Rechtfertigung in der Geschichte. Sie brauchen sozusagen eine „Asmachto", eine Anlehnung an das Gewesene. Bewegungen wie die der Karäer verdeutlichen das. Der offenkundigste Beweis aber wird vom Cliassidismus geliefert, der bei aller Gegnerschaft gegen den Rabhinismus es sich von Anfang an angelegen sein lieB, die Beziehung zum talmudischen Judentum, dem Hauptstrom der judischen Geschichte nicht ZU verlieren. Diese mehr grundsätzlichen als ins Konkrete gehenden Ausfühlungeit lassen zur Genüge erkennen, daß für jüdische Menschen ihre Geschichte nichts ist, was nur „von außen stieße", auch kein Bildungselement neben andern, sondern die Grundlage det jüdischen Bildung und damit allen anderen Bildungselementen vorgeordnet. Und auch das genügt noch nicht. Bildungselement — das riecht nach „Mechanik des Geisteslebens". Die Qeschichte aber vermag nur dann Grundlage unserer Bildung zu sein, wenn sie eben nicht ,,mechanisches" Lehrstück ist, sondern wenn ihrer Kenntnis das Miterleben sich verschwistert. Dieses Ergriffen-sein schafft erst die geschichtliche Kontinuität; wir gewinnen unser Selbstbewußtsein Zug um Zug in der Bemühung um unsere Geschichte und wir entdecken die Geschichte in unserem Selbstbewußtsein. Sie faßt die ajuseinanderstrebenden Kräfte unseres Ich zusammen und erweitert es zugleich. Das Ergebnis: Es gibt keine jüdische Bewegung, kann keine geben, die der Geschichte gegenüber feindlich ist, es kann erst recht keine jüdische Bewegung geben, die in dem Protest gegenüber der Qeschichte verharrt. Wir können wohl hin und wieder Methoden der Jugendbewegung übernehmen und sie uns dienstbar machen, aber die Jugendbewegung als Ganzes bleibt uns fremd. Dr. Max Grunewald. Zur Ideologie der jüdischen Jugendbewegung Der Esra Von K Kosiner I - wird gesagt, daß der Zusammenschluß der Jugend in Bunden in der Eigenart dejugendlichen Seelenlebens begründet sei. Der innere Impuls ZUl QetneinschaftsbUdung, dei gerade in heutiger Zeit auch dem Wesen jüdischer Jugend seineu Stempel aufdruckt, wird aber durch äußere Faktoren der Umwelt, des Milieus, in richtunggebender Weise beeinflußt. Dei bündische Zusammenschluß in der jüdischen Jugend wat nie allein aus allgemein jugendlicher Psychologie heraus bestimmt. > So waren es auch jüdisch-weltanschauliche Qründc besonderer Art, die vor neun Jahren die Schaffung des Esra notwendig machten und ihn Innte in seiner geistigen Struktur als Bund zusammenhalten. Es sei hier nicht untersucht, ob und warum das Streben nach der Gemeinschaft hü Sonderrecht des jungen Mensehen ist. Im folgenden seien um Probleme der gesetzestreuen jüdischen Jugendbewegung, wie sie heute in Deutschland der „Esra" darstellt, kurz zu ski/zieren unternommen. Aus den verschiedensten Lagern kamen die Menschen, die den Esra schufen u ml heute in seiner Gemeinschaft mitarbeiten. Die einen kamen, von dem großen I rlebnis des Krieges und seiner Folgen auf* feschreckt, und wollten, von einem starken Drange nach innerer Wahrhaftigkeil geleitet, der Jugend neue Wege weisen; sie fanden nach de. großen Zeit der Haltlosigkeit dm jüdischen Weg und den QoH 4c> Judentums wieder. Die Iädern kamen in die Geineinsehaft, als Ausdruck einer Reaktion auf eine l mgebung, die gedanken- und gefühllos die Formen des Überlieferten Judentums hielt, aber dem Judentum, welches nicht nur jüdische form, sondern indisches Denken und Fühlen, den Willen, die Normen der Thora für die gesamte I ebenspraxis anzuerkennen, verlangt, die Treue nicht wahrte. Diese wollten einen Typus neuer jüdischer Menschen, der von der Idee des Judentums als gemein- 'achaftbildendem Oesetz ausgehend, das ganze Lehen?u umfassen sutht und die Erziehung darauf einstellt. Diese Richtung im Esra kann mit Recht als »»rwulit kultur- und gesellschaftskritiscfa gewertet « erden. Da/u kam noch die Jugendbewegung, die sieh heute fast überall im Esra durchgesetzt hat. Denn der Weg der Jugendbewegung ist auch sein Weg — solange unter Jugendbewegung nicht nur Kampf | gegen die Form der älteren Generation verstanden wird. Ein negatives Kampfprogramm ohne neue Ideale wird ZU! Formlos;gkcit und Auflösung führen. Vielmehr war dabei entscheidend der positive Wille zum ewig Neuen, zum jüdischen (iesetz. In diesem Zusammenhan.; sei Nathan Birnbaum zdti n „(Jeschurun XI, 3/4): „Es kommt nur darauf an, was mit der Erneuerung des Judentums gemeint ist. Wenn dabei eine Verurteilung des Judentums, wie es ist, vorausgesetzt wird, dann ist es nur selbstverständlich, daß sie sich besonders auch gegen die Form richtet, diea bzulchncn man bei dem gail/en Ringsherum genügsam gelernt haben kann. Will man damit aber hescheidenerweise andeuten, nicht, daß das Judentum veraltet ist, sondern die Juden noch bis heute ihre alte Widerspenstigkeit gegen Geist und tiebot der Thora und ihre alte Unzulänglichkeit in der Erfüllung der Worte (iottes nicht überwunden haben, will man damit sagen, daß sie das Gebot Gottes, ihm ein Volk von Priestern zu sein, nicht erfüllen, daß sie bisher in der Selbstheiligung durchaus zurfickbliebeu und nicht ganz zu Gott hinfanden, das Merz nicht ganz weit für des Nächsten Leid und Freud öffneten, die Schönheit der Welt als Gottes Abglanz nicht ganz zu verstehen lernten, und leitet man daraus die Pflicht ah, danach zu streben, daß das in den Juden schwach gewordene Judentum in ihnen wieder erstarke, in ihnen in seiner Herrlichkeit sich erneuere, dann hat man den Weg zum Herzen des Volkes durch Selbsterziehnng und BeispieIgebung . . . " Selbsterziehung und BeispielgebungI Hier haben wir die Erziehungsmethoden in der orthodoxen Jugendbewegung, die wir auch in die Worte: Individualerziehung nmd Milieuerziehung fassen können. Auf zwei verschiedene Weisen wirkt sich die Erziehung aus. Die einseitige Bildung durch das Milieu erzieht durch das „Vor-Erieben" und ist an das Vorhandensein einer starken Gemeinschaft geknüpft. Die Forderung der Gemeinschaft wird dann von selbst zur sittlichen Forderung um,i tarn Maßstab für das Individuum. Die Mcth.Klc setit sittliche Konsequenz hei dem Einzelnen voraus und das Wissen um die sittlichem! nd religiösen Forderungen; denn unumgängliche Voraussetzung jeder religiösen Erziehungsarbeit, die nicht auf Luft bauen will, bleibt das „Lernen". Hauptsächlich beruht aber die Milieuerziehung auf dem religiösen Erlebnis. Es erhebt sich aber die Frage, ob das religiöse Erlebnis an sich sittlichen Frziehungswert haben kann und ob Menschen, die mit dem Religiösen nur durch Erlebnis und ge- I fühlsmäßig verbunden sind, notwendigerweise sittlich sein müssen.

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