Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4876568-5968785-5968981--1303-4878979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Seesen 1× ep/1048106
OCR text
Nr 34 Seite 3 Deswegen wird jetzt im Esra — ganz besonders auf dem letzten llersfeldcr Führertag — von vielen Seiten die Forderung erhoben, den Schwerpunkt auf die Individualistische Form der Erziehung zu verleben. Zur Charakterisierung dieser Form mögen einige Sätze aus dem Tammus-I left der I uhrcrsc.haftshlättcr des Esra zitiert werden (Heft 7, Jahrgang J): „Individuelle (d. i. intellektuelle) religiöse Erziehung ist Oewöhnung des Qeistes an bestimmte Begriffskomplexe, an bestimmte Denkformen und Gedankengänge, die sich ihrerseits wieder aus dem Religionsgesetz ergeben. z. B, die Gewöhnung daran, die sittliche Kausalität über die naturliche zu stellen, die liewöhnung an standige Selbstkritik mit dem Maßstab der religiösen Forderungen. Im Gegensat/ /ur sonst in der jüdischen Oeffentlichkeit ühüchtn Erziehung durch Mi eu die Scibsterziehung; im Oegensatz zur Herrschaft der Form, der Organisation, der Statuten — die Herrschaft des Qeistes; im Oegensatz zur Selbstsicherheit — das schmerzvolle Suchen; im Gegensatz /um Hochmut des Wissens — die Demut des Grübelns; im Gegensatz zur Bildung des Wissens die Bildung des Charakters. Die Verlegung des Schwergewichts auf die individuelle Erziehung bezweckt, die Synthese von Oefühl und Vernunft, den richtigen Rhythmus des jüdischen Menschen ZU erzeugen." Wie weit i!|er Weg der Jugendbewegung in das Lsra-Programm hineingebort, und wie sich revolutionäre jüdische Jugendlichkeit durch Kampf gegen Halbheit und gesellschaftliche und wirtschaftliehe Unsitten zur Verwirklichung der Thora in ihre Ganzheit durchzuringen sucht, ist im gleichen Heft nachzulesen: „Freilich soll auch nicht unerwähnt bleiben, dall wir die ideale Lösung all dieser Fragen nur in der Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens alsK ultur/eutrum in Erez-Israel erblicken. Aber der größte Teil der jüdischen Jugend lebt nun einmal in der Diaspora. Und für sie gilt unsere Forderung: l'e uitzt den Weg der Jugendbewegung und ihre revolutionäre Jugendlichkeit, um zur Verwirklichung der Thora i n dircr Gänze, als religiös-soziales das gesamte Leben umspannende Gesetz zu gelangen. Mehr Autorität dem Gesetz gegenüber, weniger gegenüber dem Menschen. Dafür, daß wir der Gefahr der allgemeinen Jugendbewegung entgehen, au* suchenden jungen Menschen nicht /u irrenden werden, bürg! der Besitz, eines überzeitlichen, ewigen Kriteriums: nax mm vh jnji cryinn ja uVnan Es sollte im Vorstehenden nur geistige Problematik (entsprechend dem gestellten Thema), nur die Ideologie des Esra skizziert weiden. Nicht eingegangen wurde auf die zahlreichen besonderen Aufgaben einer jüdischen Jugendarbeit, als da sind: Wiedererlangung des verlorenen Zusammenhangs mit der Natur, Abkehr von der Großstadt« mentalitit, kuckkehr zur einfach jüdischen Lebensform, körperliche I rtüchtigung allerdings jenseits des bekannten Sportkults unserer Tage, der im allgemeinen zur Intensivierung des ludischen nichts beitragen kann. Nicht erwähnt wurde a,uch ilie Methode der Esra- AArbeit, die je nach lokalen Verhältnissen formale Unterschiede aufweisen muß, und deren Darlegung den gebotenen Kähmen weit überschreiten wurde und hier auch nicht notwendig ist. Es war lediglich beabsichtigt, einen Ausschnitt aus dein grollen Ideenkomplex zu geben, der heute die jüdische Jugend in ihrem treu gebliebenen Teil beschäftigt. — Judentum ist nicht nur Gegenwärtiges, sondern fließl als unendlicher Strom von alter Vergangenheit in immer erneuernde Zukunft. Die Jugend will sich wieder einreihen, „in die Kette der Geschlechter der Nation,u nd so den unw illkürlichen Anschluß an die schöpferischen Kräfte des Judentunis, an die Tradition, wiederfinden". Aus der Arbeit der jlld. Jugend Bundestag des Kadimah Vom 28. Juli bis '2. August fand bei Königsee in Thüringen der zweite Hundestag des Kadimah, King judischer Wander- und Pfadfinderbunde statt. Vor einem Jahr durch Zusammenschluß dreiei Bünde gebildet, kann der Kadimah auf eine Zeit voller Arbeit zurückblicken, nicht verschont von inneren und äußeren Kämpfen. Um so erfreulicher war das Bild dieses Bundestages, der in seinen Aussprachen zeigte, dall trotz verschiedener Anschauungen über Z/icl und Weg des Bundes der starke Wille zu einheitlicher Zusammenarbeit vorhanden ist. Im Mittelpunkt der ideologischen Auseinandersetzung stand die Einstellung des Hundes zu Problemen der jüdischen Erziehung. Die auf der Bundesratstagung in Brieselang angenommene Resolution wurde vom Bunde erneut als (irundlage der Arbeit anerkannt und in folgende Fassung gebracht: „Der zweite Bundestag des .Kadimah' legt als Basis der weiteren gemeinsamen Arbeit in folgendein die Grundlage der jüdischen Erziehung fest: Kadimah ist ein unabhängiger Jugendbund mit reinen ErziehungSaufgaben. Er lehnt es ab, die Nachw uchsbew cgung irgend einer politischen Organisation zu sein. Feind allen Zersplitterungs- und Verfallstendenzen im Judentum will er die jüdische Jugend zur verantwortlichen Mitarbeit au den gemeinsamen Aufgaben der Weltjudenheil erziehen. Innerhalb dieser Aufgaben kommt entsprechend der unzertrennlichen Verknüpfung Palästinas mit der Geschichte ih s jüdischen Volkes, dem Wiederaufbau des Landes eine besondere Bedeutung zu. Intesives Hebräischlerncn, Eindringen in die kulturellen und religiösen Probleme, Kenntnis der jüdischen Kulturweite und der jüdischen Geschichte, sowie das Wissen um ilie Gegenwartsfragen des jüdischen Volkes sind die unerläßlichen Vorbedingungen, um die Angehörigen unseres Hundes zu befähigen, sich Selbst innerhalb ihr jüdischen Probleme zu orientieren Urnd nach ihrer Erziehung im Kadimah zur eigenen Entscheidung über ihren zukünftigen jüdischen Weg zu gelangen." t Aufs stärkste wurde betont, dali der Bund sich seine unpolitische Einstellung nicht nehmen lassen würde, seinen Willen, unbekümmert um alle äußeren Angriffe, seinen eigenen Weg zu gehen. Weder der Vorwurf der einen Seite, daß er zionistisch sei, noch der anderen, dall sein Weg zum Autizionismus führe, können ihn davon zurückhalten, selbständig Stellung zu den jüdischen Problemen zu nehmen. Als Erziehungsbund obliege ihm die eine Aufgabe, seine Menschen zu starken, bewußten, freien Juden zu erziehen, die sich über ihren jüdischen Weg zu entscheiden vermögen. Je ein Referat über Pfadfiuderium und jüdische Erziehungsarbeit gaben die (irundlage für Aussprachen und praktische Arbeit. Kurse, die Muster sein sollten für ilie Beschäftigung mit jüdischei Oeschichte und Kultur sowie Skouting hatten als Themen das Leben Sabbatai Zwis, den Talmud und l.agertechnik. Das fünftägige Lager zeigte das Bild des werdenden Pfailfinderbundes, reich an innerem Leben und äußeren Formen. Das große Lagerfeuer vereinigte allabendlich den ganzen Hund, besondere Freitagabend-Feiern führten einzelne Kreise zusammen. Die Bundesfagung fand ihren Abschluß mit der Wahl des neuen Bundesrates sowie der Bundesleitung, der Bernhard Bamberger, Hans Kaufmann und Kurt London angehören. Einweihung des Jugendheims Seesen Nach vi-rleiltnisinällig kurzer Zeit ist es gelungen, einen schon lange in der jüdischen Jugendbewegung vorhandenen Wunsch, nämlich die Schaffung eines eigenen Landerholungsheims /u verwirklichen. Die Zentratwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hat im vorigen Jahre da« von dem Kuratorium der jacobson'si hen Waisenanstalt in Seesen ver- •TAGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE« CD CT ftetteJfoipjfeer Jeitung BEZUGSPREIS ZW MOKATL1CH IM POSTBEZUG 3.42 EINSCHL. BESTELLGELD CO O .täglich Ober 100000 aufläge«