Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-07-15 · 28 (15.7.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
28 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4876568-5968785-5968973--1249-4878931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

<4r. 28 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 Beratung über AbhiIfe-MaIinahmen. Herr Edouard Oungre führte den Vorsitz, in dei Nachmittagssitzung des '2'i. Juni, in der die Frage erörtert wurde, In welchem Maß„c di«; territorialen und wirtschaftlichen 11mgestaltun« gen Prostitution und Mldchenhandel gefördert haben. Frau Blankste in (Wilna) fuhrt«' aus, troii der Erweiterung der Freoenrechte habtder Mädchenhandel zugenommen. Haiiptursachen sind die Aenderung der geographischen Grenzen, Pogrome, Massen— Wanderung, Trennung von Familienmitgliedern, wirtschaftliche Not und andererseits auch die Stelgerung des Amusementbedurfnisses; ferner Wohnungsnot und Staatenlosigkeit. Vorbeugungsmaßnahmen wären moderne Einrichtungen zur Ausbildungen Landwirtschaft und anderen Berufen. Rabbiner Dr. F«lix Goldmann (Leipzig), der im Numen des Deutschen Rabbintrverbandes sprach, führte aus, er glaube nicht an die Existenz eines speziell jüdischen Mädchenhandels, wenn auch in mehreren Fällen Juden als Mädchenhändler festgestellt wurden. Die Zahl der jüdischen Opfer sei im Verhältnis noch größer. Wenn von Schuld gesprochen werden soll, so liegt hier eine Gesamtschuld der Welt vor, keineswegs aber irgend eine speziell jüdische Schuld. Es sei notwendig, das jüdisch-religiöse Gesetz be.t reffend die AgUnOth zu reformieren. Rabbiner Dr. Moses llyamson (New-York) führte aus, infolge der guten Wirtschaftslage ist in New-York heute von einer Prostitution wenig zu merken. Das A g u n o t h - P r ob 1 e in muß gelöst werden, dies könne aber in dieser Versammlung nicht geschehen. Es wurde ein Schreiben des Oberrabbiners Frankreichs, Israel l.evi, verlesen, das sich mit Maßnahmen zur Vorbeugung der (icheimehen befallt. Claude (i. Montefiore stimmte mit Rabbiner Qoldmann dahin überein, dall der Mädchenhandel keineswegs ein vorwiegend jüdischer Handel sei. Judische Mädchenhändler sind in der Pegel nicht Mitglieder jüdischer religiöser Gemeinden. Auch Reichsrabbiner Hertz sagte, Mädchenhandel sei keine jüdische, sondern eine allgemein soziale Frage. Generalsekretär Cohen wies auf den Bericht der American Social Hygienic Association hin, wonach in den letzten 13 Jahren sich die Lage in Amerika sehr gebessert habe. — Chacham Dr. (iaster stellte die Schuld der vermögenden Klassen au dem Bestehen der Prostitution fest und klagte tief darüber, dall das Ideal der Reinheit des jüdischen I leims möglicherweise erschüttert werden könnte. Prof. Dr. M. Sobernheim führte den Vorsitz in der dritten Sitzung, in der Frau Henry Moskowitz (New-York) über die erfolgreiche Arbeit des Rates jüdischer Frauen in New-York sprach. Frl. Pappen hei in sagte, sie ersehne einen neuen RabbenU Gerschon, der das Judentum revolutionieren und die Agiinoth von ihren Ketten befreien werde. Rabbiner Dr. Hildesheimer (Berlin) führte aus, die großen rahhinischen Autoritäten des Ostens, wie „Chofez Chaim" U. a. verstehen, die Lage der Aguuoth, man könne aber ein religiöses Gesetz nicht brechen. Die Konferenz schritt nun zur Behandlung des vierten Programmpunktes: Verbreitung der Kenntnis der Oef.ihren des Mädchenhandels und der Prostitution unter jungen Menschen. Frau Paula Ollendorf (Breslau) hielt das Referat und gab ihrer Meinung Ausdruck, dall die Reinheit der amerikanischen Jugend durch das mustergütige häusliche Leben und die gute Organisation der Jugendsiedlungen bedingt ist. Sie sei gegen Aufklärung unter der Schuljugend, da eine solche schlummernde Instinkte wecken könnte. Väter und Mütter sollen zu aktiver Mitarbeit herangezogen werden. — Miss Carrie Wise (New-York) berichtete über das von ihr begründete Heim für eingewanderte Mädchen. Unter 14IKI Mädchen waren nur 2 böse Fälle. Eine Unze vorbeugenden Schutzes ist besser als ein Pfund Seelsorge. Miss Lily Montague (London) führte aus, religiöse jüdische Lehre sei ein hoher Schutz. In den von ihr gegründeten Klubs lehre sie die Knaben und Mädchen, wirkliche Freude an der jüdischen Religion zu finden.— Clane G. Montefiore führte aus, seitdem Herr und I ran Henriques sich in Loadou-Fnst End niedergelassen haben, haben «ich die Verhältnisse gebessert. Fr lade die ausländischer. Oiste ein!, die Jugendsiedluiigeu des Fhepaars Henri«|iies in Fast Fnd und von Miss Montague im westlichen London zu besuchen. Julius Becker (Dauzig) referierte über Punkt 5 der Tagesordnung: Schaffung eines Z e n t r aI f o n d s für internationale jüdische Arbeit I u m Schutze der M ä d c h e n und Fr a u e n. Der Referent empfahl die sofortige Gründung eines solchen Fonds, es sei Pflicht der Juden in den höher kultivierten, materiell besser gestellten westeuropäischen Ländern, dazu beizutragen, daß das entsetz.« liehe materielle und moralische Elend der jüdischen Massen Osteuropas gelindert werde. Generalsekretär S. Cohen beantragte die Veröffentlichung eines Appells au die Juilenheit der ganzen Welt, den Zentral- [unds zu unterstutzen. Mehrere Delegierte sprachen in «lein gleichen Sinne. Miss Salamon (New-York) gab der Ueberzeugung Ausdruck, dali die amerikanische Judenheil freigebig den Fonds unterstützen werde. Claude (i. Montefiore sprach sich dahin aus, «lall das Zentralbttra der internationalen jüdischen Konferenz weiter in I ondon verbleibe, da I Oltdon zwischen dem ( taten und dem Westen gelegen sei. Die amerikanische Judenheil sei der reichste und freigebigste Teil der Weltjudenheit. Der Westen müsse «lein Osten helfen, dir Westen hilft dadurch sich selbst, da ja ilie Opfer aus dem Osten von dem Westen verbraucht werden. Ls folgte der Bericht des Generalsekretärs S. Cohen, der die Vorschläge der Sachverständigenkommission des Völkerbundes über Maßnahmen zum Schutze der Frauen und Kinder behandelt. Der Bericht des Völkerbundkomitees stellt einen erheblichen Anteil von Juden an dem Mädchenhandel fest, und zwar sowohl was die Händler als auch die Opfer betrifft. Die Hauptexportländer sind diejenigen Osteuropas und Frankreich, die Importländer sind hauptsächlich das lateinische Amerika und Aegypten. Sobald Osteuropa erwähnt wird, wird der jüdische Aspekt sichtbar. Das Völkerbundkomitee berührt in seinem Bericht die Institution der nichtstandesamtlichen rein religiösen Heiraten. Dabei wird festgestellt, daß gefälschte Dokumente, falsche Pässe und Heiratszertifikate eine gewisse Rolle spielen. Man müsse anerkennen, daß es einen jüdischen Mädchenhandel gibt; ungeachtet der anzuführenden Entschuldigungen wie Armut, Rechtsungleichheit, ungünstige Wirtschaftsbedingungen usw., geziemt es uns, nicht zu ruhen, bis das Uebel ausgerottet ist. I.asst uns um unseres guten Rufes willen die Arbeit zum Schutze der Mädchen und Frauen kräftig fortsetzen. Ich holte, die Delegierten Werden mit neuer Schaffenskraft in ihre Länder zurückkehren und eine kräftige Propaganda entfalten, sodaß jede jüdische Gemeinde es als ihre Pflicht erachten wird, eine Organisation zu schaffen, die jedem jüdischen Mädchen Schutz angedeiheu läßt und in engstem Kontakt mit dem Zentralbüro der „Jewish Association for the Protektion Girls and Women" in (London steht. Nur so werden die Vertreter der Association in Genf darauf hinweisen können, daß die Juden willens sind, ihr Teil zur Unterdrückung des Uebels der Unsittlichkeil und des Weißen Sklavenhandels beizutragen. Am 24. Juni ging die Konferenz ZU linde. Iis wurden die folgenden Entschlüsse gefallt: Iis ist die Gründung von jüdischen Gesellschaften zum Schutze der Mädchen und Frauen in jenen Ländern zu empfehlen, in denen solche Gesellschaften noch nicht existieren. Die Arbeit ist nach den Richtlinien der Londoner Jewish Association for the Protection of Girls and Women zu führen; alle diese Gesellschaften sind in einem Zentralkomitee vereinigt. Die Zentralkomitees in jedem einzelnen Lande stehen in direkter Verbindung mit dem Zentralbüro in London, das die Informationen und Statistiken sammelt und sie den verschiedenen Zweigkomitees zur Bearbeitung übergibt. •TAGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE« C0 o ÜLi CO /tetteJfoipjiger Mtun& BEZUGSPREIS 2.50 MONATLICH IM POSTBEZUG 3.42 EINSCHL. BESTELLGELD CO CD CD »täglich Ober 100000 aufläge!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.