Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 28 (15.7.1927)
- Date
- 1927-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrean? Beschluß aufzuheben uiul die Sache zur nochmaligen Prüfung an den Vorstand zurückzuweisen. Zu dem Antrag sprechen Herr Hodes, Ury, Dr. Halberatam, Wolf, Stein. »..1 Aul einen Hinweis des Herrn Fein beantragt Herr Dr.Qoldschmidt mit Bezugnahme aut die Fassung des Punktes 5 der Tagesordnung, die eine Entscheidung über die orthodoxe Forderung eines besonderen Feldes nicht voraussehen ließ, den gefaßten Beschluß zur Wiedererwägung einer Kommission von "> Mitgliedern vorzulegen, welche Outachten von orthodoxen Rabbinern beziehen und die Sache dann zu nochmaliger Entschließung der Qemeindesitzung vorlegen soll. Dieser Antrag wird angenommen. Zu Mitgliedern der Kommission werden gewählt: die Herren Strauß, Schick, Qutmann, Stein, und Hodes als Vorsitzender. Aul ein« Anfrage des Herrn Breslauer erklärt der Syndikus, daß nach der Gemeindesatzung der vom Vorstand ernannte Vorsitzende eines Ausschusses zweifellos volles Stimmrecht hat. ii Auffrischung des Synagogengebäudes. Auf Antrag des Vorstandes wirfl beschlossen, die für äußere Erneuerung bewilligten Mittel für das nächste Jahr zurückzustellen und zu einer vollständigen äußeren und inneren Reparatur mit zu verwenden. 7. Die Zustimmung /ur Annahme einer Zuwendung der Erben Kraft wird einstimmig erteilt. 8. Infolge eines Additionsfehlcrs war der Betrag der zur Deckung des Fehlbetrags notwendigen (iemeindeanlagen für 1027 1928 auf 571000 bezeichnet werden, wahrend er tatsächlich sich auf 574 000 V.l. belauft. Dieser Irrtum wird einstimmig be richtigt. 'i. \ nvi e r n ii l; der Satzung der I)arlehnskass e. Herr I)ubiner beantragt namens des Ausschusses, die Höchstgrenze für Darlehen \(>n 500 Mk. in 1000 Mk. abzuändern. Nachdem die Herren Hodes. Hahn, Qottlieb, Kestenbaum gesprochen, wird ein Antrag Schick auf Schluß der Di hatte angenommen, und sodann, nachdem noch Herr Lustig gesprochen, der Antrag auf Abänderung von 500 Mk. auf 1000 Mk. angenommen. l'' Nachforderung für Verein Moaus Chitim. Der Verein bittet um Nachbewilligung von 1500 Mk. im Hinblick auf unvorhi isehen« Mehraufwendungen. Herr Stein erklärt sich nur für Bewilligung von KKW Mk. Nach kurzer Beratung wird der Antrag auf Bewilligung von 1500 Mk. sowie auch der Antrag Stein auf 1000 Mk. abgelehnt. 11. Ritualbad. Der gesetzestreue Verband bittet um Nachbewilligung von 2000 Mark für das laufende Jahr und Deckung eines Fehlbetrages von KHK) Mk. für das verflossene Jahr. Herr Stein unterstützt das Gesuch mit näheren Angaben. Herr Schick beantragt, eine einmalige Nachzahlung von 2000 Mk. zu gewähren. Dieser Antrag wird, nachdem der Antrag des gesetzestreuen Verbandes abgelehnt war, angenommen. Auf Anregung der Herren Dubiner und Schick und Schick sagt der Vorstand zu, sich mit dem gesetzestreuen Verband wegen Ober* nähme der Mikwa in die Verwaltung der Qemeinde in Verbindung •zu setzen. 12. /ur Unterstützung von S tudier end en und QeIehrt e n bittet der Vorstand um Nachbewilligung von 2(MK) Mk., was einstimmig bewilligt wird. 13. Für den Sächs. israelitischen (ie mein de verband werden l KKi Mk. als Nachforderung zur Erfüllung des Verbands* beitrags einstimmig bewilligt. Im Anschluß daran regt Hr. Dubiner eine Änderung der Vertretung der sächsischen Juden im Verband an. Hu Breslauer berichtet kurz über den Verlauf der Sitzung des Verbandsausschusses in Chemnitz und gedenkt namentlich der Sachlichkeit der Verhandlungen und der von Herrn Vorsteher (loldsehmidt und dem Syndikus gehaltenen Reden. 11. /. u i Anstellung eines Oberg ä rtnas f ü r d e n neuen Friedhof wird ein Berechnungsgeld von 2500 .Mk. bewilligt. Herr Dubiner bemängelt, daß bei der Vergebung von Bauarbeiten für den Friedhof immer noch zu wenig Rücksicht auf jüdische Handwerker genommen werde, wogegen Herr Dr. Löwenstein feststellt, dal! nach seiner Ueberzeugung alles getan worden sei, um Arbeiten an Juden zu vergeben. Herr Dr. < ioldschmidt regt an, bei Anstellung des Obergärtners eine Bindung der Beteiligten bezüglich privater Aufträge auszuschließen. Der Vorstund sagt Erwägung dieser Anregung zu Die Londoner internst onale Konferenz zur Bek^Tipfurtg des Rföädchenhanlels unter den «Juden An 2. Im,! wurde in London unter dem Präsidium von Claude 'i ntcliore die internationale Konferenz der jüdischen Qesells I Schutz« der Frauen und Mädchen und zur Bekämpfung d - Mädchenhandels eröffnet. Nach einem Weihegebet des Reichsrabbiners Dr. J. II. Hert hielt tun ttontefiorc die; röffnuugsansprache, in der er au die 1910 stattgefundene erste jüdische Frauenschutz-Konferenz erinnerte. Seitdem haben -ich die Verhältnisse infolge der allgemeinen wirtschaftlichen im:! sozialen Bedingungen, besonders derjenigen in Osteuropa, sehr verschlechtert. 1 - ist kein Oehcimnis, daß ein weJtverrv igter Mädchenhandel existiert und daß an diesem schändlichen I nternehmen eine Anzahl Juden teilnimmt. Juden sind unter den Ii i"1 wie unter den Opfern. Es resultiere daraus für Juden die Pflicht, an der allgemeinen Arbeit zur sittlichen Peinigung der Welt aK Juden teilzunehmen. i .Minie ein Präsidium gewählt, dem die Herren Edouard Oungre (Paris), Prof Dr. M Sobernheim (Berlin), Karl Klempner [Wien] und Julius Becker (DanzJg) angehören. Arthur R. Moro, der Vizepräsident und ehrenamtlicher Sekretär d>; Association, hielt ein eingehendes Referat darüber, welcher Fortschritt seit der Konferenz von 1910 in dem Schutz der jüdischen Madchen und Frauen vor unsittlicher Ausheutunerzielt worden* ist I r „ i.-^ •im» .1... I ______: ... ,~ . « . . . ___ cn durch Mittel I r wie - in; die | inderreta des und Osteuropa hin und teilte mit. ei sei Herrn ( oben gelungen die durch den Krieg unterbrochene Arbeit zu reorganisieren. In Warschau und tu Lodz, in Argentinien wie in Brasilien wurden hunderte Mädchen und Frauen de,, Sklavenhändlern entrissen. ZweiHiuros sind in Mexiko, iMn. Chile und Aegypten notwendig, aber der Oeldmangel hemmt di< fatigkeit. Die Länderberichte. In der Sitzung vom 23. Juni wurden die Berichte aus den einzelnen Landern erstatte! Mainelsdorf sprach über die Lage in Frankreich, Frau Poppet über die I age in der Bukowina. Iran Dr. Paula Ollendorf (Breslau) pries die unschätzbare Hilfe, die Organisationen wie ICA, Bnei Brith, Hilfsverein der deutsehen Juden. Emigridekt n. a. m. der Arbeit für die Bekämpfung des Mädchenhandels leisten. In Hamburg, Berlin, Köln und Breslau bestehen Schutzstationen für junge Mädchen. In Deutschland selbst existiert kein regelmäßiger Mädchenhandel. Man kann bezweifeln, ob wirklich die Juden unter den Mädchenhändlern eine große .Polle spielen. Die I laitpturs.iehe des Uebels ist in den w irtschaftlichen und sozialen Noten Osteuropas zu suchen. Zu empfehlen ist eine Stärkung der Frauenpolizei in allen Ländern. Frau Teplicka (Lodz) berichtete über die Lage in Polen und bedauerte, daß die Heiligkeit des jüdischen Heims nicht mehr der herrschende I;iktor im jüdischen Leben ist. Der Krieg bat die bösesten Instinkte geweckt, die Neigung zum Luxus gesteigert. Von den drei Millionen Juden in Polen gehören 75°/o den ärmeren Schichten an. So suche die Prostitution ihre < (pfer unter den luden. In Lodz z. B. ist ein Sechstel aller Prostituierten Jüdinnen. Der Mädchenhandel wird durch die Duldung der sogenannten ..stillen Chupa" (religiöser Eheschluß ohne standesamtliche Trauung) gefördert. Irgend ein Jude von der stralie wird von dem Mädchenhändler v eranlaßt, die religiöse Trauungszeremonie zwischen ihm und seinem Opfer zu vollziehen, das Mädchen in seiner Ahnungslosigkeit glaubt an die ehrlichen Absichten des ihr religiös angetrauten Mannes und gehl so in die Schlinge. I in zerstörender Faktor im jüdischen Familienleben sind die verschiedentlichen Einwanderungseinschränkungen, durch die eine Trennung von Familienmitgliedern bewirkt wird. Tausende von Frauen sind verhindert, zu ihren Männern zu kommen. Notwendig sei eine Zwangsregistrierung der religiösen I ben und eine internationale Regelung zur Behebung der Familientrennung. Die Sejmdeputierte Frau Dr. Mclzei (Lemberg) forderte erzieherische und aufklärende Arbeit unter den Frauen und Mädchen des Ostens. Dr Lubinsk) (Kowno) berichtete, daß infolge der Wirtschaftskrise in I Bauen die Prostitution fortschreitet. Von etwa 1200 Prostituierten sind 211 (20o/o) Jüdinnen. Die Haschomer-Haziir-Bewegung in Litauen bemühe sich, gesündere sittliche Bedingungen zu schaffen. Frl Pap pen he im (Frankfurt a. M.) behandelte die Frage der Agunoth (Frauen, deren Männer verschollen sind) und appellierte an die Rabbiner der ganzen Welt, Maßnahmen zur Erlösung dieser Frauen zu treffen. Sie regte auch die Ortuidung eines Weltschutzbüros für Kinder und junge Mädchen an.