Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 27 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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üeite 2 3 jähren? Wende des achtzt in gewissen östli gegen Mitte ili's zum neunzehnten Jahrhundert, und eigentlich polnischen Landesteilen Jahrhunderts. Die meisten und ohne Weiteres zu er inten hen, neunzehnten dieser Namen >iiui durchsieht), kennen. Vor allem wiegen Landschafts- und Ortsnamen, oft mh kleinen Aenderungen, biblische und andere jüdische Namen, nicht selten in dei Abwandlung durch das Jüdischdeutscht vor. Niemand wird nach Herkunft solcher Namen wie Deutsch, Franzos, Unger, Pollack oder Berliner, Harnburgei Dessauer und sogar Dessoir fragen. Audi Namen wie I reudenberg, I eilchenfeld, Rosenwasser verursachen kein Kopfzerbrechen. Anders ist es schon mit einem Namen wie Rülf. Da hilft 'ins die Familienüberlieferung, die erzählt, daß" bei der allgemeinen Namensgebung in Hessin ein jüdischer Hausvater auf die l rage, wie er heißen wolle, geantwortet habe: „Wiederbach". Der l>;iu> abe"r in seinem Dörfchen heiße noch heute der Rülf. Man verstand wohl „Wie der Bach", und so bekam er den Namen Rull'. Line andere der schichte führt uns ebenfalls nach Hessen. In dun wunderbar jenen Städtchen \\ itzenhausen lebten von alters her viele und meist sehr fromme Juden, die freilich weniger Berührung mit der Literatur hatten. Um die Zeit, wo die Namen wurden, war dort einer der führenden Männer, Herr Eiscmami Frenkel, dessen Frau den Vornamen Täubchen st der Vater des nachmaligen Rabbiners .Weier l renke! im selben Orte und hieß ursprünglich Bodenheimer. i ii bchen, das einzige Kind des Moses Frenkel htet< er sich zur Annahme des Namens I hei* renlauer haben sollte. Seine Verwandtschaft m , ii < >nkel scherzhaft ..den Eisernen Mann mit dem bleiernen Täubchen". Dort in Witzenhausen ging . Awrohm zum Maire, um sieh den n ii .i verleihen zu lassen. Er zerfolterte sieh aber den Kopf, wii er sich nennen sollte ihm wollte kein llen. Da ging ihm ein Gedanke durch den K Dei titer der Kommission war ein gebildeter isen Frage, wir er heißen wolle, es einmal raten. Dann werde er eine men von ihm hören, und bei dem . werde er-zuschlagen, ,das sei der gewählte4. Wie er nun hereinkommt und gefragt wird, antwortet er: „Herr ' Der aller erwidert: „Rothensüß, ja das ein schöner Nanu." Und so kam die Familie zu men I iß. Aus Mecklenburg wird erzählt, daß Reb Hcrsch liweidt (Hirsch aus Schwedt an der Oder) seinen Schwi rsohn, der von früher iier schon den i r I löhe, die man dort den Berg ien, und das habe ihm Veranlassung gegeben, sich Loewenbcrg zu nennen. Die Familie Fiorino in Cassel erzählt über die Entstellung ihres Familiennamens folgende durchaus glaubliche Geschichte: Ihr Vorfahr, der sich über den zu wählenden Namen noch nicht Idar war, hörte wie zwei italienische Straßendii ivegen ihres Verdienste« einen Streitfall hatten, in ihrer italienischen Diskussion immer das Wort Fiorino , :' h für den österreichischen dulden) verwendeten. Dt . fiel ihm, weil i-, klangvoll war. und so wählte der hessisch« Jude, der keinerlei Beziehungen zu den österreichischen Besitzungen in Italien hatte, den Namen Fiorino, der für Inhal,e; eines Bankhauses gar nicht so ungeeignet ist. B 111 leuv. ksen IS von aiters her eine Familie, die den Namen Lammfromm führte. Als vor der hohen Namenskommission zwei Juden erschienen, von denen der eine diesen Namen trug, der andere bisher gar keinen Familiennamen hatte, entschied der Gewaltige: „Der eine hat zwei Nam< ii. dei andere gar keinen. Der zu viel hat, wird also dem einen I en abgeben, der ^ar nichts hat. Lammfromm wird nur noch l amm heißen, der andere soll den Namen Fromm tragen." So die Anekdote. Aber außer Lamm und Fromm gibt es dort immer noch den Namen Lammfromm. Eine andere Kommission: diesmal im Osten der preußischen Monarchie. Im Amtszimmer hängt eine Tafel, auf der allerlei Worte geschrieben sind. Ist es doch in Zivil ein Klassenzimmer der Schule. „Welches soll Ihr neuer Nam* sein?" wird gefragt. Der Befragte weist auf ein Wort au* der Tafel und sagt dabei: „Selbiger". So berichtet die jetzt berlinische Familie Selbiger über die Entstehung ihres Namens. Die aus der Gegend von Gnesen stammenden Familien Selka und Sulke haben die Ueberlieferung, daß eine ihrer Vorfahrinnen Suleika geheißen habe. Das ist bei der Vorliebe der östlichen Juden für klingende Frauennamen nichl ausgeschlossen, um so mehr, als jüdische Frauennamen zur Entstehung der Familiennamen einen viel größeren Teil beigetragen haben, als man gemeinhin annimmt. So gibt es auch eine Anekdote, wonach der I amilienname Golde beim Ueberschreiten der polnisch-deutschen Grenze auf Grund eines Bcgegnisses verliehen worden sei. Aber es ist kaum eine Frage, daß di r jüdische Frauenname Golde zu seiner Entstehung ebenso wie für Goldin Goldensohn und andere maßgebender gewesen ist. als sogar die direkte Ableitung vom Edelmetall. So soll auch der Name Dauß eine ähnliche Entstehung haben. Aber er gehört mit Tauß und Taussig zum böhmischen Ortsnamen Tausk. Dosmar und D'Osmar soll von dem Ausrufe auf dem Amte stammen „Dos mer" im Sinne von „Der vorher war", oder ..Das sind wir" (mir nur. im Sinne von „wir"). Als im Jahre 1808 in den Lippeschen Landen, die damals zum Königreiche Westfalen gehörten, die Namen gegeben wurden, sind auch zwei Namen entstände'!, die heute noch in Bielefeld, Detmold und Oschersleben bestehen. Es sind die Namen Hamlet und Erda. Hierüber wird erzählt: Als in Lage in Lippe zwei jüdische Männer zum Zwecke der Namenserteilung in das Amtszimmer eintraten, fragte der Vorsteher, auf den einen Jüdin hinweisend, seinen Nachbarn: „Sieht der nicht aus wie Hamlet?" .....Ja, ja, Hamlet möchte ich schon heißen", fiel ihm der Jude ins Worl......Und Er da?" fragte der Vorsteher den andern Jüdin......Gegen Erda habe ich nichts einzuwenden." So entstanden die Namen Hamlet und Erda, die jetzt noch blühen. Das ausgehende achtzehnte Jahrhundert hat in Breslau einen besonders hochgewachsenen jüdischen Herrn mit Namen Zender, „den langen Zender" genau,it. Nun wußte mau ganz richtig, daß der jüdisch-deutsche Zender aus Alexander entstanden ist, also den Namen den großen Alexander von Makedonien in Erinnerung bringt Nun heißt aber dieser „Herr der beiden Welten" auf hebräisch \le\ander Mugdan (d. h. der Mazedonier). Und so kam es. daß der Humor eines Witzboldes den langen Zender, also den großen Alexander, „Alexander Mugdan" benannte und dadurch Veranlassung zum jüdischen Familiennamen Mugdan gab. In Samter in der Provinz Losen lebte ein alter Mann, der vor der, wie man sagt, polnischen Kommission einen Namen, den er führen wolle, angeben sollte. Sein Vater hatte Joachim geheißen. So wollte er sich Joachimsohn nennen. Wie er dies aber niederschreiben wölbe, Fiel ein Klecks auf das l^cilige Amtspapier. Schnell wollte er es mit seinem Rocke sauber wischen. Da aber verschmierte er den ganzen Bogen. Wütend sagte ihm der Beamte: To pisze, to misze? (Hier schreibst Du, und da wischst Du?). Du sollst l'isze misze (sprich Pischemische) heißen!" Und dieser Name blieb ihm und seinen unschuldigen Nachkommen. Als die Familie vor etwa zwei Jahrzehnten nach Berlin übersiedelte, erreichte sie es, daß ihr nachträglich der Nanu- Joachimsohn gegeben wurde. Kurz vorher hatte sich ein Fräulein aus Wronke geweigert, den wie einen Schimpfnamen klingenden Namen, der vielleicht doch so aus dem Jüdischdeutschen zu erklären ist, dadurch zu erwerben, daß sie einen Herrn Piszemisze heiratete. Sie wies die Werbung zurück. Eine andere kühnere Jungfrau heiratete den trefflichen jungen Mann, dem sonst kein Fehler anhaftete, und wurde die Triebfeder, daß der als häßlich empfundene I amilienname verschwand.