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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-05-13 · 19 (13.5.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
19 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Sei'e 2 GKMI-INDEB1.ATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3 lahrüMC verschuldeten Ausland. Auch unser Leipzig hat bekanntlich im letzten Jahr eine Anleihe von dort erhalten. Bei der heutigen Verbundenheit der Weltwirtschaft isl es darum nicht ZU verwundern, daß die Lebensbedingungen fasl der gesamten Kulturwelt von Amerika diktiert werden. New York ist heute das Rom des Altertums, aber in vergrößertem Maßstäbe, Herz und Zentrum der pulsierenden Welt, namentlich ihrer Wirtschaft, die ihm, in der modernen Form der Zinszahlung, tributpflichtig ist. Und fast alltaglich kommen neue Scharen aus allen Richtungen des Globus, von den Bankiers der Welt Geld zu erstreben die darum ihre Bedingungen diktieren. Ohne Aufhören schickt namentlich das verarmte Europa seine teuersten Gemälde, Edelsteine und Antiquitäten und alles und jedes \.>n Wert und Belang aus jahrhundertaltem Bcsiti nach New York, um es zu Geld zu machen. Spricht das eben Gesagte von totem Material alter Z it, so ist darzutun, daß gleichermaßen die lebenden Grödes Tages, die in Europa oftmals nicht Mittel und Wege zu ihrem Fortkommen finden, New York als größtes infallstor Amerikas überfluten. Da langen ununterbrochen mehr oder weniger große Schriftsteller, Musiker und sonstige Künstler aller Art, Wissenschaftler aller Richlinden, unzählige Führer aller Religionen und Bewegungen an, um dem Götzen Dollar ihren Tribut ZU zollen. Nun hat diese Metropole zu etwa einem Drittel Juden ZU ihren Bewohnern. Ungefähr l!i Millionen unseres Volkes leben da nicht etwa wie früher im Osten unter Bedrückungen, sondern unter gleichen Lebensbedingungen wie ihre nichtjüdischen Mitbürger dieses freiheitlichen Landes. Zur Illustration dieser Zahl sei angeführt, daß die nächstgrößten jüdischen Gemeinden des Erdenrunds, z, B. Groß-Bcrlin Warschau usw. je etwa 300000 jüdische Seelen zählen, daß die gesamte westeuropäische Judenheit. also die Großmächte Deutschland, Italien. Krankreich und England und alle umgebenden Mittel- und Kleinstaaten zusammen nicht soviel jüdische Einwohner haben wie die eine Stadt New York. Ich will den Versuch wagen, deren jüdisches Leben, wenn auch in ganz kurzen Umrissen, zu schildern, ohne irgendwelchen Anspruch auf erschöpfende Darstellung zu machen unter Hervorhebung besonders dreier Gesichtspunkte und zwar I, Wie ^teht diese Masse zum Väterglauben, sind es Juden der Tat oder nur der Geburt nach? - '2. Wie ist deren Verhältnis untereinander und zu ihren Brüdern und Schwestern der Diaspora? 3. Schließlich: w<e stehen sie sich mit ihren christlichen Mitbürgern und wie ist das Verhälti zu ihrer gesamten nichtjüdischen Umwelt. Es sei vorausgeschickt, daß an und für sich Amerika, Jus Land des Dollars und des mit Recht verschrienen Materialismus dem Geist und erst recht dem das ganze Leben ausfüllenden jüdischen Geist abhold ist. Es isl auch nicht and< rs daß weite Schichten der Judcnheit Amerikas und New Yorks dem sich dort in der Hülle des Materialismus zeigenden Zeilgeist huldigen und dem Väterglaubcn untreu werden. Das zeigt sich aber nicht wie zum Teil in Europa durch Annahme der Taufe, die da so gut wie unbekannt ist, sondern in der Abkehr von der religiösen Betätigung. Hierbei ist die jüdische Reformbewegung mit behilflich, die. noch nicht gewitzigt durch das europäische Vorbild vqn einstmals, von Jüdischkeit fast nichts mehr als den Namen an sich hat. Es scheint mir fast gewiß, daß, so wie z. B. bei uns zu Lande heute der Liberalismus eine Rückbewegung zum Judentum nach seiner Auffassung — eritrebt, SO auch die praktischen Amerikaner und darunter auch die Reformer nach leider verlustreichem Experimentieren sich mit der Zeil dem tatfrohen, lebenspendenden, positiven Judentum wieder zuwenden werden. Bei vielen anderen Schichten herrscht ein äußerst reges jüdisches Leben innerhalb der vielen Hunderte, ja wahrscheinlich Tausende von Gemeinden, Lehranstalten und sogenannten Zentren in ungewöhnlich vielfältigem Ausmaße. Der Synagogen sind unzählige in allen Ecken und Enden, und ist da jemand jüdisch gesonnen, so trägt er es offen zur Schau; und so handhabt es auch die Gesamtheit, und auf diese Weise ist ein sehr stark pulsierendes jüdisches Leben wahrzunehmen. Allerdings liegt die jüdische Erziehung der Jugend sehr im Argen; Amerika und speziell New York ist zu hastig veranlagt, um diese zarte Pflanze wie gehörig zu pflegen. Doch scheint in diesem wichtigsten Punkt jüdischer Lebensäußerung sich eine Wendung zum Guten anzubahnen, wofür die aus dem Osten früher zahlreich hereingekommenen Großen sich nach bestem Können einsetzen. Dagegen ist der Jugend wie gleichermaßen der älteren Generation vom Gesichtspunkt des jüdisch-sozialen und gesellschaftlichen Zusammenlebens nur hohes Lob zu zollen. Sich seines Judentums zu schämen, es zu verbergen, ist fasl völlig unbekannt. Das soziale Wirken steht auf der höchsten Stufe der Vollendung. In New York sind in einem Verband an die 100 der größten und wichtigsten Wohltätigkeitsinstitute zusammengeschlossen, unbeschadet der vielen Hunderte ähnlich tätiger Vereine kleineren Formats. Die für Wohltätigkeit verwendeten Summen werden nie zu erfassen sein, gehen aber ins Gigantische. Noch fabelhafter sind die Zahlen, die das jüdische Amerika, und hier wiederum führend New York, der Erhaltung der verarmten Judenheit Europas widmet. Das westeuropäische Judentum hat dies zum Teil auch erfahren, aber die Millionen der durch Krieg oder nachher von Haus und Herd vertriebener oder ihrer Nahrungsquelle beraubter osteuropäischer Juden wurde und wird zu einem gewissen Prozentsatz von unseren glücklicheren Brüdern in Amerika erhalten. Es ist nicht zuviel gesagt, daß die osteuropäische Judenheit längst vernichtet wäre ohne die brüderliche Hilfe von drüben, die in so großartiger, echt amerikanische Art seit Jahren eingesetzt hat. Da hat jüdischer Wohltätigkeits- und Gemeinschaftssinn zu Zeiten höchster Not größte Triumphe gefeiert. In den letzten Jahren und noch heutigen Tags vollzieht sich eine große Umschichtung der jüdischen Bevölkerung Rußlands. Dort siedeln bekanntlich ununterbrochen Tausende und Zehntausende jüdischer Familien aufs Land über, da infolge der neuen wirtschaftlichen Struktur des Sowjet-Staates Händler und Kaufleute keine oder nur eine ganz geringe Existenzmöglichkeit mehr haben. Die Finanzierung dieser riesigen Unternehmung geschah und erfolgt noch jetzt zum überwiegenden Teil durch das jüdische Amerika, vornehmlich durch das „Joint Distribution Comitee", eine rettende Tat von ungewöhnlichem Ausmaße in der Gebahrung und von glückhafter Eolge für Gegenwart und Zukunft, der so schwer heimgesuchten russischen Judenheit. Nunmehr will ich kurz zur Beantwortung der naheliegenden Frage schreiten, welche Ausmaße der Antisemitismus im Dollarlande hat. Vorausgeschickt, daß es noch zu allen Zeiten und in allen Ländern nach dem Wort der Schrift Judenfeinde gab und gibt, sei gesagt, daß diese sich drüben nicht in übermäßiger Menge ,nd vor allen Dingen sich nicht so radauartig zeigen, wie fast allüberall in Europa. Der gesellschaftliche, vom Staatsgesetz unbeschwerte Antisemitismus isl vom interessierten Beobachter allerdings unschwer wahrzunehmen; von Staatswegen ist jedoch der Jude völlig gleichberechtigt, nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Tat und nicht im geringsten behindert. Die Ku-Kux-Klan-Bewegung, welche sich gegen Juden gerichtet hat — übrigens auch gegen Katholiken ist sehr stark eingedämmt, denn die Giftpflanze des Antisemitismus gedeiht nicht gut in dem gesunden Klima Amerikas. Wir haben dort in dem reichsten Mann der Welt, in Henry Ford, einen beachtlichen Judenfeind, der schon durch seinen Namen viel Schaden stiftet. Dabei bedient sich dieser Mann gfoteskerweise jüdischer Hilfe,

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