Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wenn man die Geschichte des Faustkampfes verfolgt, I so sind schon in den alten hellenischen Sagen nähere Anj gaben zu finden. Es wird erzählt, daß Pollux auf dem Argonautenzuge von dem hinterlistigen König der Bebrycier. Ämykus, dem Erfinder der Faustriemen, zum Faustkampf herausgefordert wurde. Auch in Homers Ilias und Odyssee werden Faustkämpfe rühmend geschildert. Aller- 1 dings wurden die damaligen Kämpfe härter und gefährlicher ausgeführt, da es statt weicher Polsterhandschuhe nur Riemen gab, welche teils sogar mit Knoten und Metall-; beschlagen versehen waren. Selbst in das Programm der 0'ympischen Spiele wurde der Faustkampf — nach Philostratus in der 23. Olympiade eingeführt. Köpfe wie; Plato, Aristoteles. Pythagoras, Virgil, Thcokritos, Myron j u. a. m. beschäftigten sich mit dem Faustkampf. Mit dem Verfall des Römerreichs verschwindet auch der Faustkampf lange Zeit. Im Mittelalter, wo Waffen und Rüstungen getragen wurden, wo das Fechten als wichtigster Sport für die ritterlichen Uebungen galt, war der Kampf mit der Faust wertlos geworden; denn Panzer und Harnisch deckten den Mann. Abgesehen von Berichten italienischer Mönche, die im 11. und 12. Jahrhundert das Boxen gepflegt haben sollen, taucht der Faustkampf erst mit Anfang des 18. Jahrhunderts in England wieder auf. Aus dem einst rohen Kampfsport wurde ein technisch wohlbedachtes Fechten mit den bloßen Fäusten, dem bald ein genaues! System und feste Regeln zugrunde lagen. Auch die gepolsterten Boxhandschuhe, die den Boxkampf erst als harmlose Leibesübung möglich machten, kamen bereits j damals auf. Die eigentliche moderne Boxtechnik entwikkelte bahnbrechend der jüdische Champion Daniel Mcnd o /. a. einer der populärsten Boxer in der englischen Faust- ' kampfhistorie. In seinem üü. Jahre soll er sich noch hervorragend geschlagen haben, obgleich er schon ein Jahrzehnl dem Ringe fernstand. Hier seien gleich die Namen der bedeutendsten jüdischen Boxer des Auslandes aufgeführt und mit Benny L e o n B r d. dem kunstreichsten Boxer der Welt, begonnen, welcher langjähriger Weltmeister seiner Gewichts- | klasse war und sich ungeschlagen auf Wunsch seiner Mutter vom Ring zurückgezogen hat. Ted Kid Lewis war; Weltmeister im Mittelgewicht; Rosenberg war Welt- \ meister im Bantamgewicht; Sammy Mandell gilt als Anwärter auf die Weltmeisterschaft im Leichtgewicht und R o s e n b I o o in auf den Welttitel im Mittelgewicht. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die vielen Namen jü-; discher Boxhelden zu nennen, weshalb ich hier nur noch : den Schwergewichtler Salnmon, auch „King Salomon I genannt", den englischen Leichtgewichtler Harry Ma- S o n. den Federgewichtler R u b y G 0 1 d s t e i n, den früheren englischen Schwergewichtsmeister B1 o o m f i e 1 d und den französischen Meisler im Halbschwergewicht Francis Charles Manasse), der bekanntlich auch Breitensträter i k. o. schlug, erwähnen möchte. Von den jüdischen Amateur-Boxverbänden des Auslandes ist die Boxmannschaft des englisch-jüdischen Pfadfinderkorps „Jewish Lads" | Brigade" in Manchester durch ihren Sieg in den vorjährigen Londoner Boxkämpfen hervorgetreten. Der Prinz von Wales verlieh ihr dafür einen Ehrenschild. Auch in Deutschland, wo schon vor dem Kriege der Boxsport gepflegt wurde, hat er sich zu einem der populärsten Sports entwickelt. Man hat erkannt, daß kaum ein anderer Spott Körper und Geist so anzuspornen vermag, | wie das Boxen. So wurden, neben den immer zahlreicheren ßoxvereinen. auch jüdische Boxkluhs geschaffen. Bruno G o 1 d s t c i n ist der Gründer der jüdischen Boxsportbewegung in Deutschland. Unsere wenigen jüdischen Boxvereine haben sich allgemein Sympathie und Achtung erworben. Besonders anerkannt sind die glänzenden Lei- | stungen des Berliner Boxklubs „Maccabi", der eine der besten deutschen Boxmannschaften aufweist. Von seinen , Mitgliedern haben sich einige einen klangvollen Namen im deutschen Amateur-Boxwesen gemacht und besondere Lorbeeren geerntet. Malz errang 1924 die deutsche Meisterschaft im Federgewicht und zwei Jahre später die brandenburgische Meisterschaft im Leichtgewicht; Buchbaum wurde ebenfalls 1926 brandenburgischer Meister im Mittelgewicht; Praiss, der u. a. den gefürchteten Leipziger Pietsch (Atlas) wiederholt geschlagen hat, zählt zu den besten Vertretern seiner Gewichtsklasse in Deutschland. Als zweitbester jüdischer Boxverein in Deutschland gilt unser Leipziger „Bar Kochba". Daß er sich in Leipzigs Sportwelt und besonders in nichtjüdischen Kreisen größter Achtung und Beliebtheit erfreut, dürfte den Lesern dieses Blattes genügend bekannt sein. Frischer, der Stadt- und Gaumeister, Flaschmann, der bewährte Techniker, Reiter, der im Städtcwcttkampf Chemnitz-Leipzig sogar den mitteldeutschen Banlamgewichtsmeister Thicmann (Chemnitz) abgefertigt hat, Engel u. a. sind weit über Leipzigs Mauern bekannt. Selbst der kleine Hirschhorn (ca 80 Pfd.) ist der Liebling einer großen Sportgemeindc. Die regelmäßigen Mitteilungen in unserem Gcmeindeblatt über die Tätigkeit und Erfolge des Leipziger Boxklubs „Bar Kochba" erübrigen sicher weitere Ausführungen. Schließlich sei hier noch „Maccabi", Köln, erwähnt, der als noch junger Verein bereits zwei Gaumeisterschaften erkämpft hat. Zwei Juden haben den Titel „Deutscher Meister": Harry Stein im Fliegengewicht, Felix Friedemann im Bantamgewicht. Als neuen deutschen Boxer nennt man den erst 19 Jahre alten jüdischen Schwergewichtler Teddy Sandwina (Heymann), der kürzlich den bekannten Engländer Fred Young im Londoner Premicrland-Ring entscheidend besiegt hat. Es steht fest, daß unsere jüdischen Boxer nicht nur sportlich, sondern auch im Kampf gegen den Antisemitismus Enormes geleistet haben und leisten. Er hilft das häßliche Wort vom „krummen Juden" für immer zu verscheuchen, er beweist offensichtlich, daß Feigheit und körperliche Schwächlichkeit keine spezifisch jüdischen Eigenschaften sind. Mag man sonst mit paritätischen Vereinen sympathisieren, mag man gegen jede Absonderung der Juden sein, so muß man hier doch die unbedingte Berechtigung der jüdischen Boxvereine anerkennen; denn nicht der einzelne Boxer, sondern die gesamte Kampfmannschaft flößt zweifellos auch dem Völkischen Achtung ein. Sport wird nie trennend wirken, sondern kameradschaftliche Gefühle, gegenseitiges Verständnis und Achtung vor den Leistungen erwecken. Das „Polsterhandschuh-Fechten" kann nur vom Nichtkenner als rohe Sportart bezeichnet werden, der in dem Aufplumpsen der Handschuhe eine furchtbare Gewaltsäußerung sieht. Der Boxer verachtet gewiß die Feigheit der Memme ebenso wie die Roheit des Raufboldes. Allerdings können rohe Menschen auch das Boxen roh ausführen; doch ihre Roheit darf das Mittel nicht schänden. Daß jedoch Boxen in der Tat nicht so gefährlich ist, wie es oberflächlich erscheint, das lernt jeder schon beim ersten Unterricht kennen. Schwere Unfälle sind beim Boxsport kaum zu verzeichnen. Was das bedeutet, ersieht man am deutlichsten aus einem Vergleich mit anderen Sportarten, die nicht einmal den praktischen Zuschnitt auf die direkte Kampfunfähigmachung des Gegners haben, wie z. B. der Pferde-, Motorrad- und Autorennsport, der Flugsport, der Radsport, das Schwimmen u. a. m. Totzdcm werden sich manche, mehr oder minder berechtigt, nicht zum Kampfboxen geeignet fühlen, andere wollen keine blutige Nase oder kein blaues Auge riskieren. Denen sei gesagt, daß man das Boxen auch nur als Gymnastik betreiben kann. Die immensen Werte, die gerade die Boxgymnastik dem Körper wie dem Geiste bietet, sind erwiesen. Die ganze moderne Gymnastik, von Müller bis Suren und Menscndieck, verdankt dem Boxsport nicht wenige Anregungen. Beim