Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968785-5968960--1100-4878794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Jahrgang Doch ist trotz aller Gegensätze zwischen dem spinoi zistischen Pantheismus und der Metaphysik der Kabbalah i der Einfluß der letzteren auf Spinozas Ideenwelt so stark, \ daß Dühring mit Recht Spinozas pantheistischen Monotheismus mit den Worten charakterisiert hat: „Spinoza ' ubertrage die Einheit des jüdischen Gottes in seine Natur- «nd Weltvorstellung." Aber gerade mit dieser monotheistischen Weltvorstelj lung hat Spinoza die Bahn des Judentums verlassen. Den fundamentalen Gedanken der mosaischen Glaubenslehre bildet der Personalismus, d. h. der Glaube an I einen persönlichen, wenn auch rein geistigen Gott als den! Schöpfer des Weltalls und des Menschen in seinem Ebenbilde. Von gleicher Tragweite für die biblische Glaubenslehre ist der Dualismus, nämlich der Glaube an Geist und Materie wonach die Natur eine an sich bestehende Sub- | stanz ist. aber keinesfalls identisch mit Gott, sondern das ' dukt seiner sehöperischen Kraft. Ein anderer unerschütterlicher Glaubenssatz in der Religionsphilosophie und in der Ethik des Judentums ist j der Glaube an eine objektive Existenz der sittlichen Phä-! nome: gut und böse. Sie sind göttlichen Ursprungs; da Gott selber heilig, d. h. der Inbegriff aller Ethik ist. Nach ' der Kabbalah, die gleich dem Buddhismus und Plato die Präexistenz der Seele lehrt, hat der Mensch bereits im vor-; urtlichen Dasein die ethischen Gesetze kennengelernt, I die in seinem Unterbewußtsein als Gewissen fortleben. Mit diesen Elementargedanken des mosaischen Gottesbegriffes und seiner Ethik unlösbar verknüpft, ist die Le it e um der Willensfreiheit des Menschen. Wohl lehrt das Judentum, daß das äußere Schicksal des Menschen göttlich vorbestimmt wird, doch ist dem Menschen zur Gestaltung seines inneren, sittlichen Lebens die Freiheit des Willens gegeben. Das Problem des Indeterminismus ist bekanntlich das schwierigste Problem der Transcendentalphilosophie. Die i Frage, wie mit der ontologisch notwendigen Annahme der I göttlichen Allmacht und Weisheit die menschliche Willensfreiheit vereinbar sei, erscheint auch auf empirischen Gebiete als eine unüberwindbare Schwierigkeit, die auch der deutschen Philosophie viel und vergebliches Kopfzerbrechen gemacht hat. An Stelle der göttlichen Praedeter- 1 mination tritt nun das aprioristische, mithin allgemein und ausnahmslos gültige Kausalitätsgesetz. Und nun bleibt die Frage eilen: wie neben der naturgesetzlichen Notwendigkeit die von unmittelbarem Bewußtsein verbürgte Wili lensfreiheit bestehen kann? Das traditionelle Judentum, das in seiner Glaubensj lehre den höchsten, ja. den einzigen positiven Wert des Lebens erblickt und seit Jahrtausenden lür die Erhaltung 1 seines Glaubens gekämpft und geblutet hat, mußte gerade in Spinoza seinen schlimmsten Widersacher sehen, der pfeilern zu erschüttern versucht hat, indem Spinoza alle den M mumentalbau der mosaischen Ethik in seinen Grund- Beziehungen zwischen dem realen Sein und einer übersinnlichen Welt als intellektuelle Hallucinationen erklärt. Den traditionellen Gott als Schöpfer des Weltalls und des Menschen degradiert Spino;:a zu einem Produkt des menschlichen Geistes. Die ethischen Attribute Gottes wie: Heiligkeit, Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit sind nach Spinoza nur Anthropomorphisraen, die der Mensch \ in seiner Natur auf das Wesen Gottes Übertragen hat. Die Lehre im Schöpfungsbericht der Genesis vom Gesetz der kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe, die später von Leibnitz in die moderne Wissenschaft, namentj lieh in die Entwicklungstheorie eingeführt wurde, wird von! Spinoza insofern verneint, als es nach se'ner Lehre keinen Schöpfer gibt, der gestaltend und zielbewußt die Welt geschaffen und Ordnung ins Chaos gebracht hätte. Im Gegensalz zur Genesis lehrt der spinozistische Pantheismus: 1. ,,Die räumlich ausgedehnte Substanz (das ist die Materie oder der Stoff) ist das einzig Existierende. Die Existenz einer nicht ausgedehnten Substanz ist Illusion. Außer der einen ausgedehnten Substanz e^stiert nichts. 2. Alles Sein ist eine universelle Einheit, Gott oder Natur oder Substanz genannt. 3. Denken und Ausdehnung sind die Attribute Gottes. 4. Das Gesetz der Kausalität herrscht allgemein. Keine Wirkung ohne Ursache. Alles, was geschieht, geschieht daher mit eherner Notwendigkeit. 5. Der Mensch selbst ist nur ein Modus, eine Daseinsform der Substanz, wie alle andern Einzelwesen, und ist daher an ihre Gesetzmäßigkeit gebunden." Mit diesem substanzialistischen Monismus stellt Spinoza sich in bewußten Gegensatz zur dualistischen Metaphysik des Mosaismus. Im Gegensatz zu ihm lehrt Spinoza die untrennbare Einheit des Seins, also die Immanenz Gottes in der Welt." Gott ist nicht die den Dingen fern und äußerlich gegenüberstehende, sondern ihre innere, innerlich wirkende Ursache." Mit derselben kühnen Souveränität, mit der Spinoza den traditionellen Gotlcsbegriff als einen Anthropomorphismus verneint, wendet er sich gegen die Lehre von der Freiheil des sittlichen Willens, die nicht bloß die Grundlage der jüdischen Ethik bildet, sondern die Grundbedingung fürs gesamte soziale Leben, vor allem für die Justiz der ganzen zivilisierten Well ist. Spinoza, der ein Jahrhundert unbekannt geblieben war, wurde durch Lessing und Göthe in die deutsche Philosophie eingebürgert, von wo aus er den Siegeslauf durch die ganze europäische Philosophie und Naturwissenschaft genommen und auf deren Gestaltung er großen Einfluß geübt hat. Doch trotz aller Bewunderung, die Spinoza in der deutschen Philosophie genossen hat, ist er von ihrer Kritik nicht verschont geblieben. Es war kein geringerer als der Riese vom Königsherge, der das scharfe Seziermesser seiner Kritik an Spinozas Elhik angelegt hat. Nietzsche, der den Philosophen Spinoza ebenso wie Heraklit und Empedokles zu seinen „Vorfahren" zählt, beurteilt in der ..Fröhlichen Wissenschaft" Spinoza mit folgenden Worten: ..Ahnt ihr nicht im Hintergrunde irgendein«» lange, verborgene Blutaussaugcrin, welche mit den Sinnen ihren Anfang macht und zuletzt Knochen und Geklapper übrigbehält, übrigläßt. ich meine Kategorien, Formeln, Worte (denn, man vergebe mir. das was von Spinoza übrigblieb amor intellectualis dei, ist ein Geklapper, nichts mehr)." Was ist amor, was deus, wenn ihnen jeder Tropfen Blut fehlt . . . Und jener Hokuspokus der mathematischen Form, mit der Spinoza seine Philosophie wie in Erz panzere und maskiere: wieviel eigene Schüchternheit und Angreifbarkeit verrate diese Maskerade eines einsiedlerischen Kranken." Als letztes Urteil sei noch Nietzsches Gedicht: „An Spinoza" erwähnt. Dem Eins in allem liebend zugewandt, Amore dei selig aus Verstand — Die Schuhe aus, welch dreimal heilig Land! Doch unter dieser Liebe fraß Ein heimlich glimmender Rachebrand: Am Judengott fraß Judenhaß . . . Einsiedler! Hab ich dich erkannt?" Doch nicht des Judenhasses wurde Spinoza von der Judenheit seiner Zeit beschuldigt, als sie ihn ablehnte. Seine Ablehnung war die logische, zwingende Konsequenz der religiös-ethischen Weltanschauung des traditionellen Judentums.