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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Seite 3 Palästinas Bodenpolitik Von Dr. h. c. Freiherr v. Schönaich, Generalmajor a. D. Im Herbst vorigen Jahres beschloß der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemeth) das erste Vierteljahrhundert Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, daß seines Bestehens, auf der palästinensischen Völkerbrücke sich heute Ereignisse von größter weltpolitischer Bedeutung abspielen. Die Tätigkeit des Fonds in diesen 25 Jahren zeigt, daß er an der Entwicklung weitestgehend führend beteiligt gewesen ist und voraussichtlich weiter sein wird. Daß die Tätigkeit weit über den kleinen Kreis der Zionisten und weit über den größeren der jüdischen Gegner des Zionismus Beachtung gebietet, will ich versuchen, an dem Sondergebict der Politik zu zeigen. Dabei muß vorausgeschickt werden, daß man bei der Zionistischen Exekutive von Politik im engeren Sinne nicht sprechen kann, weil die politische Leitung des neuen Palästinastaates in diktatorischer Form in Händen des englischen Oberkommissars liegt. Der politische Einfluß der Zionisten liegt allein in dem Umstand, daß diese 15 Prozent der Bevölkerung den weitaus intelligentesten und willenstärksten Teil bilden. Wir haben in Deutschland rund eine Million organisierter Bodenreformer, und zwar auf alle politischen Parteien verteilt. In der Gesetzgebung lebt die Bodenreform aber bisher nur auf dem Papier. Was einzelne Gemeinden auf dem Gebiet tun, bleibt Stückwerk, solange Reich und Länder nicht endlich den Worten Taten folgen lassen. Der Keren Kajemeth ist heute vielleicht die einzige Stelle auf der Erde, die zielbewußt bodenreformerischc Politik betreibt. Dabei stößt sie sogar auf gewisse Gegensätze innerhalb der Juden selbst. Die alte mosaische Gesetzgebung kannte ein privates Bodenbesitzrecht noch nicht. Erst das römische Recht hat den verhängnisvollen Gedanken, den Boden zur Sache zu machen, über die Erde verbreitet. Von diesem Gedanken sind in der vielhundertjährigen Diaspora natürlich auch manche Juden ergriffen worden. In der Bodenpolitik des Keren Kajemeth muß man zwei Gesichtspunkte voneinander trennen: den nationalen und den sozialen. Der nationale führt ihn dazu, möglichst viel Boden aus nichtjüdischen in jüdische Hände überzuführen. Um dabei jede Schädigung der alteingesessenen Araber zu vermeiden, wird, soweit wie möglich, solches Land gekauft, das die großen Paschas unbeackert liegen ließen. Kleine arabische Pächter werden nur ausgesiedelt, wenn man ihnen mindestens gleichwertiges Land an anderer Stelle überlassen kann. Der soziale Gesichtspunkt äußert sich vor allem darin, daß der Boden für ewige Zeiten Eigentum der jüdischen Volksgemeinschaft bleiben soll. Die Einzelpersonen oder Gemeinschaften bekommen ihn nur zur Nutznießung auf beschränkte Zeit zu Erbbau oder Erbpacht überlassen. Sozial ist ferner der Gesichtspunkt, daß die ganze Landwirtschaft auf Selbstarbeit gestellt, Lohnarbeit also ausgeschlossen ist. Hinsichtlich der Abgaben hat der Keren Kajemeth leider nur insofern eine gewisse Souveränität, als er Verzinsung und Amortisation des von ihm aufgewendeten Kapitals innerhalb der wirtschaftlich tragbaren Grenzen hält. Steuerlich kann er seine sozialen Grundsätze nur in die Tat umsetzen, wo in den Gemeindeverwaltungen seine Freunde die Mehrheit haben. Im übrigen bleibt ihm nur die mittelbare Beeinflussung der englischen Mandatsregierung. In den ersten neunzehn Jahren seines Bestehens trug der Keren Kajemeth die ganze Last der jüdischen Neusiedlung allein. Seit Schaffung des Aufbaufonds (Keren Haielod) hat er die Last mit diesem geteilt. Ihm selbst fällt im der Hauptsache jetzt nur der Landkauf und die Vorbereitug bis zur Siedlungsmöglichkeit zu, die Finanzierung dir Siedlung selbst ist Sache des Anfbanfonds. Seitdem kann er seine ganze Kraft auf die Durchführung der bodenreformerischen Arbeit verwenden. Der schwierigste Teil dieser Arbeit ist die Bekämpfimg der Gegner der Bodenreform innerhalb der Juden selbst. Dabei sind die Juden, die landwirtschaftlichen Boden kaufen, um ihre, nicht grundsätzlich bodenreformerisch eingestellten Freunde dort anzusiedeln, die ungefährlicheren. Gefährlich sind nur die reinen Spekulationen, die Boden nur wegen der zu erwartenden Preissteigerung kaufen. Die soziale Schädlichkeil dieser Bodenspekulation ist jedem Bodenreformer genau bekannt. Daß sie dort in einem Lande, wo eine neue menschliche Lebensgemeinschaft aufgebaut werden soll, geradezu verhängnisvoll werden kann, das zeigt sich in der so überstürzt angewachsenen Tel Aviv. Wenn dort nicht schnell eingegriffen wird, dann werden wir die bekannten üblen Wirkungen der Bodenspekulation bald in Reinkultur sehen: zu dichte Bebauung, zu hohe Häuser und zu hohe Mieten. Erst reichlich spät hal der Oberkommissar seine Genehmigung erteilt zu scharfer steuerlicher Erfassung der auf Spekulation gekauften unbebauten Grundstücke. Besonders wichtig ist, daß in Haifa das rechtzeitig geschieht, was in Tel Aviv anfangs versäumt worden ist. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird Haifa ein Welthnlen werden, wenn Syrien erst einmal wieder befriedet ist. und wenn England die Röhren'citung für das Mossulpetrolcunt bei Haifa zum Meere führt. 1920 wurde in London beschlossen, daß der Keren Kajemeth landwirtschaftliche und städtische Grundstücke kaufen solle. Die Erfüllung dieser Forderung scheiterte leider an der Unzulänglichkeit der Mittel. Da zunächst eine möglichst große Zahl der zur Mutter Erde strebenden Juden der Diaspora angesiedelt werden sollte, mußte das Schwergewicht auf den Ankauf landwirtschaftlichen Bodens gelegt werden. So kam es. daß die Bodenspekulation in den städtischen Zentren sich übermäßig breit machte. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß in keinem Lande der Welt so eifrig an der Erfüllung pazifistischer Grundforderungen gearbeitet wird wie im neuen Palästina, der muß dem Kerea Kajemeth ein kräftiges Weiterblühen wünschen. Ich meine die Grundfordcrungcn: Ueberwindung häßlicher Klassen- und Rassenhetze imH Brückenschlag zwischen Volkere, die durch nationalistische Politik widersinnig zusammengeschweißt oder austinandergerissen sind. »TÄGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE CD O o o CO LU CO Cd CD /teuc&teji'ger Jettu n& BEZUGSPREIS 2.50 MOSATUCH IM POS 1 BEZUG >i.*£ EINSCHL. BESTELLGELD > O r— et CO m •x o o o >• y> o •TÄGLIW OBER 111000 A»FIA6E#

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