Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-04-01 · 13 (1.4.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
13 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4876568-5968785-5968957--1057-4878754
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 GLMEINDEBLATT DER I^T? *-EI ITI3CPEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jah«ga»t des jüd. Volk. II, 335ff.) Oder: im Rom der Kaiserzeit gab e>. wie aus Gräberinschriften bekannt ist, elf verschiedene jüdische Gemeinden. Die Großgerreinde ist also nicht, wie man irrtümlich oft sauen hört, erst eine Erscheinung unserer Tage. Und doch ist sie für uns insofern etwas ganz Neues, als man sie in Jahrhunderten nicht gekannt hat. Die Juden lebten in kleinen und kleinsten Ortschaften, in Tausenden von Gemeinden. Viele Hunderte dieser Gemeinden sind ganz eingegangen, ardere Hunderte stehen nahe vor der Auflösung Fast alle ihre Mit Glieder sind in wenige große Städte gewandert, so daß die Verteilung der Juden in Deutschland eine ganz ungeahnte Um walzung erfahren hat. So ist es dahin gekommen, daß die Berliner jüdische Gemeinde, die noch vor 100 Jahren weniger als 3' „ der preußischen Juden zählte, heute nahezu die Hälfte aller in Deutschland lebenden Juden umfaßt. Dieses außergewöhnliche Wachstum einzelner Gemeinden bedingte naturgemäß eine nicht immer leicht zu bewältigende Entwicklung ihrer Einrichtungen, die um so schwieriger sich gestaltete, als ander weite Erfahrungen nicht oder nur unzu reichend zuhilfe kamen. Darum ist das Unternehmen*) des Arohivars am Gesamtarchiv der deutschen Juden, Dr. Jacob Jaobson, und des bekannten Statistikers Dr. Jacob Segall, einen „Wegweiser durch die jüdischen Einrichtungen und Organisationen Berlins" zu schaffen, nur aufs wärmste zu begießen. Dieses „Jüdische Jahrbuch für Groß Berlin" ist als ein Reiseführer durdi das jüdische Berlin bezeichnet worden. In Wahrheit reicht seine Bedeutung weit darüber hinaus. Es sollte an ihm keiner vorübergehen, der innerlichen Anteil an der Entwicklung seiner Gemeinde nimmt, keiner, der sich mit dorn flutenden jüdischen Leben im deutscher. Zenti um jüdischen Lebens vertraut machen möchte, um für seine Gemeinde Anregung für Nachahmenswertes zu gewinnen. Kaum übersehbar würden die Einrichtungen dieser Ber lirer Judenschalt erscheinen, wenn nicht die Heiausgeber mit großem Geschick die gewaltige Fülle der Erscheinungen geordnet hätten. Selbst der Eingeweihte und genaue Kenner durfte nicht ohne Ubcrrasdiung sehen, daß es neben den zahlreichen Einrichtungen der Gemeinden (Jüdische G meinde und S>nagogengememde „Adass jisroel) mit ihren Synagogen, Schulen. YVohltahrtsanstalten und Verwaltungsorganen mehr a - 400 jüdisdie Vereine gibt, Mittelpunkte jüdischer Arbeit, wie sie gewiß in diesem Ausmaß nur eben in einer so aus gedehnten Gemeinde geleistet werden muß. aber doch in ihren Einzelaufgaben ihr Entsprechendes auch in Gemeinden von nicht so proftem Umfange haben. Ein Überblick über die Geschichte der Berliner Gemeinde zeigt die wichtigsten Etappen in der Entwicklung, von der ersten Erwähnung in einer (übriger* in guter Reproduktion wiedergegebenen) Urkunde von 1295 an bis zu jener schmählichen Vertreib^.: von 1510 au! Grund einer B-schuldigung, d: ren Haltlosigkeit ein .Mersdienalter später kein geringerer als Philipp Melanchthon nachgewiesen haben soll. 1671 erstand die Gemeinde von neuem; 1700 gab es 70 vergleitete, d. h. mit Sduitzbriefcn versehene, und 47 unvergleitete Judenfamilien in Berlin: 1714 wurde die noch heute besteherde Synagoge in der lleidereukrgasse errichtet; 1743 kam Mendeissohn nach Berlin, der zu so überragender geistiger Stellung emporstieg, zum Anreger der Emanzipation wurde und d imit zum Aufschwünge des jüdischen Lebens so stark beitiug. Den ganz schnellen Aulstieg aber brachte erst die gewonnene staatsbürgerliche Freiheit. 1861 zählte die Gemeinde 17000 Seelen, 1880: 54 000: 1905: 100000, zurzeit schätzungsweise (das Ergebnis der Volkszählung von 1925 liegt noch nidit vor) zwisdien 250000 und 300 000 Seelen. — Dem Statistiker bietet ein so großer Körper naturgemäß einen dankenswerten L'ntersuchunusstoll, und es gibt außerordentlich interessante Betrachtungen über die Bewegung innerhalb der jüdischen Bevölkerung (Abnahme der Geburtenziffer, Ceiurtenfolge, Sterbezilfer, Todesursache der Säuglinge und Erwachsenen, insbesondere Krebs, Tuberkulose, Selbstmord), Eheschließungen (ungemischte und Mischehen), Ausbitlsbewegung u. a.-- Es kann nicht Aufgabe dieser Betrachtung sein, die ganze Falle des Stolfes zur Darstellung zu bringen. Aber einige Hinweise auf die mannigfachen Erscheinungen des jüdischen Lebens seien herausgegriffen. Für das gottesdienstliche Bedürfnis sorgen 11 Gemeindesynagogen (6 mit altem Ritus, davon eine mit Manner- und Knabenchor. 5 mit Männerchor; und 5 mit neuem Ritus, in denen gemischter Ghor, Damen und Manner, mitwirkt), an denen zurzeit 14 Gemeinderabbiner fungitren. Dazu kommen drei Synagogen der Adass Jisroel-Gemeinde und 47 Synagogen, die von Vereinen begründet sind und erhalten werden. Zu den hohen Festtagen werden außerdem 34 Zweiggottesdienste abgehalten. Ein ausgedehntes Schulwesen vermittelt piolane und religiöse Bildung. 1778 entstand die jüdische Freischule, die 1827 zur Gemeindeknabenschu'e umgewandelt wurde und als solche noch heute besteht. 1825 trat die ebenfalls noch heute bestehende Mädchenschule hinzu. 1919 wurden von orthodoxer Seite ein Realgymnasium, ein Lyzeum und eine Volksschule eingerichtet. 1920 und 1922 entstanden zwei weitere jüdische Volksschulen, in denen das Hebräische nach den Grundsätzen moderner Sprachmethodik in Anlehnung an die ibrith b'ibrith- Methode gelehrt wird. Religionsunterricht wird in 45 Religionsschulen und -Stationen erteilt; an etwa 90 Schulen konnte der Religionsunterricht in den Rahmen des allgemeinen Stundenplanes eingegliedert werden. Dazu kommen an Lehrstätten und Bildungsinstiluten noch das 1824 begründete Lehrerseminar, die beiden 1872 entstandenen rabbinischan Lehranstalten: die Hochschule und das Rabbiner-Seminar, sei» 1920 die Freie jüdische Volkshochschule, und seit 1925 die Hebräische Lehranstalt der jüdischen Gemeinde. 1902, a'so vor gerade *5 Jahren, wurde die Bibliothek der jüdischen Gemeinde eröffnet, die sich unter dem Oberbibliothekar Dr. Moritz Stern zu einem weitverzweigtem Bestand an Büchern (rund 48000 Bände) aus allen Gebieten der Wissenschaft von Juden und Judentum entwickelte und auch eine Handsdiriftensammlung von jetzt 537 Nummern angliederte. 1920 wurde bei der Synagoge Fasanenstraße lür den Westen eine Filialbibliothek eingerichtet (mit etwa 10000 Bänden) und neuerdings ist geplant, noch mehrere weitere Bibliotheken in kleinerem Umfange in den verschiedenen Bezirken einzurichten. Neben diesen Bibliotheken bestehsn noch solche in der Hochschule (45 000 Bände), im Rabbiner Semirar (25 000 Bände) Hier dürfen auch erwähnt werden: das Gesamtarchiv der deutschen Juden, das Archiv der Zionistischen Weltorganisation, das ostjüdische historische Archiv (mit 12000 Originaldokumenten, 500 Photographien und mehreren Bildstreifen). — — In einem weiteren Aufsatz soll die Organisation des Wohlfahrtswesens und das ausgedehnte Vereinsleben behandelt werden G. C. *) Jüdisches Jahrbuch für üroöberlin auf das Jahr 1926 (Sd erbet & Co. Verlag, Berlin-Grunewald) J. C. Hanisch, Leipzig Grimmaische Str. 29 und Hauptbahnhof Westhalle Gegründet 1836 / Fernspr. Nr. 20016, 211 73 Frische Blumen zu jeder Gelegenheit WM-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.