Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 11 (18.3.1927)
- Date
- 1927-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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3. Jahrgang Das Judentum von heute aber, Jakobs heutige Rose, ist welk und fahl. Erschüttert der Glaube, daium geschwunden die Freude ... Herausgerissen aus der reichen Innenwelt des von der gefühlten Goitesnähe und Glaubensinnigkeit durchglühten Gemüts, von dem einst das jüdische Leben getragen und zu einem ungetrübten, heileren Glücksdasein gestaltet wurde; hinausgezerrt in die eiskalte Welt des alles Innenleben zersetzenden, kühl berechnenden Verstandes, der den heutigen Juden eh einer alle Ideale zermalmenden Rechenmaschine umgeformt hat, sdieint er das Werten des Glückes, der Lust und der Freude mit den Maßstäben des Gemütes fast verlernt zu haben. Ihn, _ wir sprechen von dem Durchschnittsjuden — gelten nur die greifbaren, einen „Rechenposten" ergebenden Werte. Hierin hat der Positivismus, unter dessen Zeichen die Fortschritts und Kulturanbeterei unserer entseelten Zeit steht, gründ lieh übernommen Womit soll er, der sich höchstens mit dem blasierten Lusttaumel des modernen Optimismus, des Materia lismus oder Naturalismus hingibt, womit soll er sich am Purim freuen? Die in eine intelligible Welt hineinragenden Innenerkenntnisse sind ja bei ihm außer Mode gekommen, um ihn die unsichtbare Hand, die ihn und sein Geschick leitet und stets eingreift, wo die unzulängliche Menschen- und Naturhand versagt, bemerken zu lassen. Wohl muß er, wenn auch noch so stumpffühlig, auch mit den Sinnen wahrnehmen und mit dem Verstände erfassen, daß es nicht mit so einfachen, sogenannten natürlichen Dingen speziell mit ihm, dem Juden, zugehen könne, und daß es in der Tat an das Phänomenale streife, wenn man des Juden unvermeidbares Bestehen und ewiges Nichtuntergehen — worauf der Purim hinweist — bei rächtet. Aber da ihm die einstige, nun leider verlorene Dosis Gemüt fehlt, die allein die zündende Kraft des an sich nur kalten Gedankenblitzes ist, vermag er sich nicht zur seelisch-heiteren Erkenntnis aufzuraffen, die nötig ist, um sein Leben in Freud und Leid mit Gott und seinen Gesetzesbahnen einzurichten: die nur blitzartige, aber nicht duldende, daher sich sofort verflüchtigende Erkenntnis ist nur ein schwaches Auidämmern, kein Klarheit verbreitender Tag. Wie sagt doch ein großer deutscher Dichter: „Geist und Sinn hat ewige Unrast. Nur im Herzen keimt der Friede, Keimt die Freude, lebt die Liebe, Lebt der heilige Daseinswille." Freuen, wirklich freuen kann sich nur der religiöse Gemütsmensch, der in gläubigem Herzensfrieden seines Daseinswillens im Vertrauen auf eine höhere Macht sich froh bewußt ist. Der unreligiöse Verstandes- oder Sinnesmensch kann sich niemals wirklich freuen. Daher das leichte Überschlagen des genußfröhnenden materialistischen oder naturalistischen Optimismus in Pessimismus. Ein Bild, das uns schon in unserer heiligen Thora mit den Worten Esaus entrollt wird: -r^n 'DJK run irraa nt noi mo"? „Siehe." spricht der eben noch lebensübersprudelnde Esau, „ich gehe ohnehin dem Tode entgegen, alle Lebensfreude ist mir vergällt, ich bin des Lebens übersatt, ich bin noch so jung und schon blasiert, wozu höhere Güter, an die ich nicht glaube und die ich nicht werte." Doch warum klagen wir da unsere Juden an, daß sie das Sichfreueu verlernt haben? Sieht man sie denn nicht überall gut vertreten, wo es nur irgend eine Gelegenheit gibt für Vergnügen und Belustigung? Und was die Purim-Lust betrifft, wann wurden denn mehr Purim-Kränzchen und -Bälle veranstaltet, als gerade in unserer Zeit? Wer wird die flotte jüdische Beweglichkeit auf dem Gebiete der Freude leugnen? Allerdings; aber die Frage ist, ob der Juden Lust und Freude auch immer jüdisch zu nennen ist, ob auch dann wir Juden anzutreffen sind, wenn an uns der Ruf ergeht: o»ai injn«r»a nun ^Jil H „Wir wollen frohlocken mit Deiner Hille, Gott, im Namen unseres Gottes auf echt jüdische, gottsinnige Weise seelenvoll uns um die Freudenlahne scharenI" Wie schrumpft da die jubilierende Menge auf ein Minimum zusammen, wie schwindet der Freudeeifer I Man glaube aber nur nicht, daß es sich bloß mit der Freude so verhalte. Auch mit der jüdischen Pflicht des Ernstes nimmt man es nicht so genau. Genug weit ist das Feld lür echtjüdische ernste Pflichtbetätigung; aber Pflüger, Säer und Schnitter dieses Feldes fehlen in Wirklichkeit, wie sehr man sich auch gern als Pictäts- und Zedokoh Jude hinstellt, um sich von sonstiger religiöser Gesetzestreue selbst zu dispensieren. Dies hängt aber wieder mit dem Mangel an echtjüdischem Gemütsoptimismus zusammen. Man sehe sich nur einen Anhängtr des viel verschrieenen Chassidismus an. Welch ein Quell heittrer, klarer Gottesfreude sprudelt in seinem Qemüte, wie bitter, traurig und elend auch sein Außenleben jft ist, und, wieder umgekehrt, von welchem Ernst wird diese sonst von Gottesfrohsinn ertüllte Seele erlaßt, wenn die Pflicht von Awodah und Gemilut chessed ihn ruft. Man muß diese Priester des Gemütes beobachtet haben, um einzugestehen, daß das Judentum in allen seinen Schattierungen viel von ihnen lernen müßte. Wenn unsere Zeit zu wenig den Ernst kennt, so ist es, weil sie nicht die Freude so recht versteht, und, wieder umgekehrt, sie kennt nicht so recht die Freude, weil ihr der wahre Ernst fehlt. Betrachten wir eben dieses am Purim. Dem großen Freudentag geht nach altjfldischem Brauch ein Tag der Entsagung, der Kasteiung, der Buse voran, der EssterTanis. Man versucht, einmal am eigenen Körper die Armut, den Hunger kennen zu lernen, um dann um so angeregter zu sein, dem Darbenden beizustehen. Mar erprobt sich im Leiden, um dann dem Armen desto mehr mitzufühlen, wenn es einen unglücklichen Mitbruder oder eine leidende Schwester gibt. Heute aber, da es in den meisten jüdischen Kreisen keinen Esster-Tanis gibt, wie soll es einen echten, rechten, jüdischen Purim geben? Doch genug hiervon. Wozu noch weiter und deutlicher auf dieses Gebrechen unserer entnervten, seelenlosen Zeit, die die jüdische Volksseele so stark in Mitleidenschaft gezogen ha', hinweisen? Welcher Jude, der wenigstens einige Grade von Gemütswärme besitzt und das Judentum der Zeit betrachtet, hätte all dies nicht mit Wehmut selbst bemerkt 1 Und doch darf der Glaube an die warme jüdische Volksseele nicht aufgegeben werden. Es ist kein metaphysisches, nicht zu bannendes Übel. Es ist nur eine Umgarnung durch den äußeren Eudämonismus, dem die Zeit im allgemeinen huldigt und der unserem urwüchsigen Geiühls und Gemütsleben die Schwingen niederhalt. Es ist unwahr, daß nur Verstandsraffiniertheil und Sinnesausleben das bezeichnende Wesen der Juden ist. Kein Volk der Erde kann eher das Volk des Geiühls und des Gemüts genannt werden, als das jüdische, das der Welt die Propheten und später die tiefsinnigsten Mystiker gegeben hat. Macht diesem Volke nur seine Schwingen frei, und es erhebt sich wie der Adler hoch und höher himmelwärts. An den Führern des jüdischen Volkes aber liegt es, ihm die Umgarnung zu lösen, die Flügel freizulegen. Wie dies Werk vollbracht werden könne? Trachtet die alte Art der jüdischen Bräuche wieder einzuführen. Greift bei Freudenanlässen auf die urjüdische Weise zurück. Wehrt euch gegen die entlehnte unjüdische Art der Freude. Ist es schwer, mit der ernsten Pllichtaneiferung zu beginnen, unser Judentum zurückzuführen in die reiche Innenwelt von ehedem, so läßt es sich eher bei der hohen, frischen, heiteren Gefühlsseite beginnen und auf diesem Wege die gesunkene Volksseele zurOckheben in den alten Schwung des Frohsinns wie des Ernstes. Beispiele lür den Erfolg auf diesem Wege bietet unsere Geschichte reichlich, so z. B. das Vorgehen der Pharisäer zur Zeit der Dreiparteiung im Judentum. Bei allem tiefen Ernst für die streng pflichtgemäße Anpassung des Lebens an das heilige Religionsgesetz hatten sie für die fröhliche Seite der Volks-