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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-03-11 · 10 (11.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
10 (11.3.1927)
Date
1927-03-11
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RfcLlGIONS<;EMElNDE, LEII'/JG sjnders bemerkenswert in der Vereinspolitik ist, daß der Hillsverein niemals kurzsichtige Sonderpolitik getrieben hat. Immer fühlte er sich als ein Glied des Ganzen, immer hat er die Notwendigkeit und Wichtigkeit anderer Bestrebungen anerkannt, und immer hat er mit seinen besten Kräiten auch für die Ziele anderer Vereine gewirkt. Das kam vor allem in der Haitun gderVereinszeitschrift zum Ausdruck. Ohne jedes Bedenken setzte sie sich für die Arbeiten anderer Vereine ein. Sie veröffentlichte Aufrufe und Artikel, die die Notstandshilfe und die Peßachhilfe tatkräftig förderten, der Sprechsaal stellte eine gern und oft benutzte Möglichkeit dar, zu allen Nüleu des Gemeindelebens sich auszusprechen. Daß Zeitschrift und Verein trotz dieser Großzügigkeit der Auffassung stets strengste Neutralität in allen religiösen und politischen Fragen bewiesen haben, ist selbstverständlich. Die Geschichte des Vereins in den Nachkriegsjahren 1918 bis 1924 ist ein getreuer Spiegel der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung. Nach dem Aufschwünge der Inflationszeit, der im Grunde nur eine ungesunde Selbsttäuschung war, ist die Zeit der Umstellung auf normale Zustände gefolgt. Noch ist der Umwandlungsprozeß nicht vollendet, und gegenwärtig ist daher die Arbeit des Vereins ebenso schwierig wie verantwortungsvoll. Daß er aber die Krisis bereits überwunden hat, ist eine ebenso feststehende wie erfreuliche Tatsache. Und seine Zukunft ist darum gesichert, weil er Uber ein gewaltiges moralisches Kapital verfügt. Sie stutzt sich auf den Tal willen eines großen Stammes von Mitarbeitern. Sie grUndet sich weiterhin auf das große Ansehen, das er sich in Leipzig bereits erworben hat, und auf die unbestreitbare Tatsache, daß der Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender zu Leipzig niemals mehr versprochen hat, als er leisten konnte, sondern daß im Gegenteil seine Leistungen meist die eigenen Erwartungen gewaltig Ubertrafen. Wenn der Hilfsverein Uber seine Erfolge und Tätigkeit in der Vereinszeitschrift berichtet, herrscht eine gute Sitte: Namen von Lebenden werden im allgemeinen nicht genannt, und die sonst im Vereinsleben Übliche Beweihräucherung und Selbstverherrlichung ist ihm absolut fremd. Dieser Zug hat aber eine große symptomatische Bedeutung, wenn man nach einem kritischen Rückblick auf die Arbeit von vierzig Jahren die Bedeutung des Hilfsvereins zu wUrdigen versucht. Seines Wesens Grundzug war eben stets die s t r e n g s t e Sachlichkeit. Die Aufgabe ist alles, die Person nichts! Man muß es den Vorstandsmitgliedern nachrühmen, daß sie uneigennützig große Opfer an Zeit, an Kraft und an Mitteln aufwenden. Man muß es den Gönnern und Freunden zum Lobe nachsagen, daß auch sie niemals die Ziele des Vereins nach den vorhandenen Mitteln eingeschränkt haben, sondern daß sie für jede notwendige Aufgabe das Geld beschafften. Gewiß sind wir alle Menschen mit unseren Schwächen und Fehlern, und gewiß scheitert oft der allerbeste Wille an der Macht der Tatsachen. Aber zweierlei darf man sagen: Persön iche Steifigkeiten und Eitelkeiten haben im Hilfsverein niemals eine solche Rolle gespielt, wie es oft in anderen Organisationen der Fall ist, und niemals hat die Sache unter solchen Torheiten gelitten. Immer ist das Bewußtsein der Verantwortlichkeit lebendig geblieben, so daß auch m den allerschwersten Zeiten — und welche Periode wäre schlimmer als die wirtschaftliche Krise, die wir jetzt durchleben — mit Aufbietung aller Kräfte die diuch die Satzungen vorgeschriebenen Leistungen erfüllt worden sind. Lfcigs' arbeitet die Gemeinde mit dem Hilfsverein Hand in Haa«', längst weiß man, daß der Hilfsverein im sozialen Lebe« der Gemeinde unentbehrlich ist, längst verläßt man steh ki manchen Zweigen der Wohlfahrtspflege — besonders bei der Kinderbeschenkung — ganz auf seine Leistungen. So ist er mehr als ein Verein! Er ist in Wahrheit ein bestimmender Faktor in der sozialen Arbeit unserer Gemeinde! Und das räch allen Richuif.cn. Soziale Arbeit ist ohne Frieden unmöglich. Für den Flieden in der Gemeinde bedeutet aber der Vi rein unendlich vieles. Hier arbeiten alle in Eintracht. Die sozial besstr Gestellten mit dem kleinen Mittelstand, die Onhodoxen mit den Liberalen, die Zionisen mit ihien Gegnern, Deutsche und Ausländer, sie alle streben in Eintracht im Bewußtsein der Pflicht?u gegenseitiger Hilfe, und i!er wiikl ih;n Einheit und Schaffensfreude arbeitende Voistand des Vereins ist ein gttierer Ausdruck der mannigfachen Gegensät7c, die die Organisation im.laßt, und dei MögHchkiil iiier Oberwit düng. In Wohltätigkeit, sozialer üesinnu u und Ein'racht verwirklicht damit der Hilfsverein die besten Grui dsätze lebendigen Judentums, und die leipziger Geineir.de muß stolz darauf sein daß sie ihn besitzt. Nicht sollte in stolzer Rückschau geMürdigt \wrden, was geleistet worden ist. Sondern Kräfte will der Rückblick wecken, die das We>k für alle Zukunft sichein. Und so klinge die kurze Betrachtung in einen herzlichen Wunsch aus: Mögen alle, die bisher sich in Uncigennützigkeit und' Freude den Arbeiten des Hilf.»Vereins gewidmet haben, in Kraft und Gesundheit für ihn weiter wirken! Möge er aber auch neue Freunde und neue Gönner gewinnen, mögen ihm in Scharen neue Mitglieder zuströmen, auf daß er bisher Geschaffenes ausbaue, Neues hinzufüge. Viel ist gewiß erreicht worden, mehr aber noch bleibt zu tun übrig. Gioße Aufgaben hairen ihrer Lö=ung, urd viel Kraft und Schaffensfreude wi d für sie nötig sein. Möge das neue Jahrzehnt, in das wir schreiten, nie Zeit der Festigung, des Fortschritts und der Leistung sein. Und möge die Gesamtheit der Leipziger Gemeinde die eindringliche Mahnung beherzigen: Helft alle dem Hüfsverein, damit auch er allen helfen kannl ___ Täglich über 100000 Auflage I* •. -. * •■ nem&iptfgQr Jvifung Bezugspreis 2.50 M. monatlich Im Postbezug 3.42 M. einschl. Bestellgeld

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