Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 10 (11.3.1927)
- Date
- 1927-03-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 2 GEMEINDEBLATT DER HIMSHTUKilEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang solche Vereinszehung besitz!, die bis zur Gründung des Gemeindeblaues im Jahre 1925 als das eigentliche Organ der gesamten Gemeinde galt. Audi in den schwersten Zeiten des Krieges und der Inflation ist es aufredit erhalten worden, und es hat unei dlich segensreich (Ui den Zusammenhang unter den Mitgliedern und die Förderung der Vereirs^it le gewirkt. Der Krieg stellte den Hilfsverein vor die allerschwerste Aufgabe Eine große Menge seinei Mitglieder wurde sofort oder spater zu den Waffen gerufen, und für "die Familien der im Felde stehenden mußte eesor^t werden. Die wirtschaftliche Depression, die naturgemäß den Beginn des gewaltigen Ringens begleitete, machte sich in den Häusern von kleinen Gewerbetreibenden bald geltend. Sofort griff der Verein aber ein, und j es gelang ihm bald, einen großen Kriegsunterstützungsfonds ins l eben zu rufen, der für lange Jahre seine Wohltaten erweisen mußte, l'nd als sputer nach dem Zusammenbruch der Friede geschlossen worden war, als die Schoren der Frontsoldaten wieder zurückzuströmen begannen, wurde sofort ein Heimkehrerfonds irs Leben gerufen, durch den außerordentlich viele Existenzen aufgerichtet werden konnten, i.eider hat der Krieg auch große Opfer gefordert, denn nicht alle von denen, die zur Verteidigung des Vater'indes hinauszogen, sind zurüdciiekehrt. In den vier Kriegsjahren hat der Hilisverein trotz einer sehr intensiven Inanspruchnahme seitens seiner durch die Kriegserscheinungen besonders stark belrofienen Mitglieder gut Jurehgehalten. Daß er neben seiner eingreifenden Hilfsarbeit durch Unterstützung der Frauen und Kinder auch eine ausgedehnte Liebestätigkeit durch Versendung von Paketen an die im Felde Stehenden entwickelt hat, sei der Vollständigkeit halber betont Zahlreiche Briefe von der Front beweisen die tiefe Dankbarkeit der Bedachten. Der Krieg zu Ende. Der Zusammenbruch kam mit aüen seinen furchtbaren Erscheinungen, und damit sah sich der Hilfsverein vor eine Fülle von neuen Aufgaben gestellt. Zuerst galt es — wie bereiis erwähnt — tür die Heimkehrer zu sorgen, und noch im Jahre 1918 wurde das Unterstützungskomitee für heimkehrende jüdische Krieger Leipzigs gegründet. Viele Tau ende von Mark wurden in angestrengter Tätigkeit gesammelt, und der Ausschuß darf sich rühmen, eine große, segensreiche und produktive Arbeil gelei.-ttt zu haben. Die Nachkriegszeit zeichnet sieh -.'adurdi aus, daß neben den bereits bestehenden Institutionen, wie der D»r!ehnskasse, reue Aufgaben in den Kreis der Bemühungen gezogen wurden Schon bisher bemühte man sich stets, alle Hüie mit größter Vertraulichkeit zu leisten. U.n aber den Empfindungen der von der Not Betroffenen au! das Äußerste entgegenzukommen, wurde die a s wenigen Vorstandsmitglic dem bestehende Fürsorgekommission geschaffen, die in dazu geeigneten Fällen ganz im Oeheimen hilft, ohne daß die Namen der Unterstützten in den Büchern oder Protokollen erscheinen, Eine Reihe von Einzelakttonen, die aus den Bedürfnissen des Tages sich ergaben, wurden mit großem Eifer durchgeführt. Vor allein wurde ein in den Statuten nicht vorgesehener NichtmitgliederIonds gegründet, der sehr stark in Ansrruch genommen wurde. Durchreisende j Flüchtlinge, deren es damals in Leipzig eine besonders große Anzahl gab. wurden unterstützt und nach ihrem Be- Stimmungsziel befördert. Leipzigs Familien wurden in allergrößtem Ausmaße mit Lebensmitteln versorgt. Nachdem die Z e 11 n e r s t i f t u n g zur Ausstattung armer Bräute gegründet worden war, gab der Verein neben den Zinserträgen viele Tausende von Mark, die meist Nichtmilgliedern zugute kamen, auch für diesen Zweig jüdischer Wohlfahrtspflege aus. Am allermeisten aber kam der Drang, die Hilfe aul den weiten Kreis der N i c h t m i t g I i e d e r auszudehnen, bei der Fürsorge lür die Jugend zum Ausdruck. . . . Die wichtigste der in dieses Gebiet gehörenden Einrichtungen wurde im Jahre 1919 in der Kinderbeschenkung geschahen. Ursprünglich aus den Zinsen von Stiftungen gespeist, dann bei der stärker werdenden Inflation auf die Erträgnisse von Sammlungen in Mitgliederkreisen angewiesen, hat diese Seite der Vereinstätigkeit die erstaunlidisten Erfolge gezeitigt und geradezu vorbildliche Arbeit geleistet. Das gilt sowohl von der moralischen wie von der materiellen Seite. Entgegen dem Brauche früherer Zeit und anderer Vereinigungen legt der Hilfsverein Wert darauf, daß die Bescherung nicht zu einem öffentlichen Akte wird, sondern daß sie sich ganz im geheimen vollzieht. Dann aber war die wirkliche Leistung erstaunlich. Denn von Jahr zu Jahr wuchsen, trotz der immer rtärker werdenden finanziellen Schwierigkeiten, die Zahlen der Kinder, die mit guten, haltbaren Sadien von Kopf bis Fuß eingekleidet wurden, und im Jasre 1926 ist die gewaltige Zahl von 528 erreicht, und etwa 50000 Mark sind für diesen Zweck ausgegeben worden. Daß hier der größte Teil der Arbeit für Nichtmitglieder geleistet wird, ergibt sich aus der Natur der Sache. Seit 1919 veranstaltet der Verein im Anschluß an die Kinderbeschenkung auch Kinderfeste, und nur im letzten Jahre mußte davon Absland genommen werden, weil alle Kräfte restlos bei der Durchführung der wichtigeren Arbeiten für die Bescherung vonnölen waren. Diese Kinderfeste, die im größten Saale Leipzigs stattfinden, werden von etwa 1200— 1500 Kindern besucht. Ihr moralischer Wert ist außerordentlich groß, denn sie führen Kinder aus allen Ständen, Schichten und Richtungen der Gemeinde in Einmütigkeit zusammen. Und daß unseren kleinen Lieblingen durch die Bewirtung und die Darbietungen aufrichtige Freude bereitet wird, beweist die oft elementar hervorbrechende Dankbarkeit der Kinderherzen. Von großem Interesse ist naturgemäß die Finanzgebarung des Vereins in der Zeit nach dem Kriege, denn es ist klar, daß aus d:n Mitgliederbeiträgen allein die skizzierte Fülle der Aufgaben nicht erfüllt werden kann. So ist eine großzüge Spe n d en pro pagan d B entwickelt worden, die zumal in den ersten Nachkriegsjahren erstaunliche Ergebnisse zeitiglü. Insbesondere blühte das Stiftungswesen auf. Eine sehr große Menge von Stiftungen wurde errichtet, meistens zum Andenken an dahingegangene Mitglieder und deren Angehörige. Die Zahl der im Stiftungsbuch des Vereins eingetragenen Einzclstiftungen beträgt 234. Wenn auch die Kapitalien leider darch die Inflation allesamt entwertet worden sind, erfüllt der Verein getreulich die von ihm übernommenen Pflichten und hält insbesondere die J a h r z. e i t e n ab. Nach der Stabilisierung der Währung sind bereits einige Stiftungen aufgewertet worden, und erfreulicherweise hält dieser Prozeß an, so daß mit einem Neuaufleben des Stiftungswesens, wenn auch auf besdieidenerer Grundlage als früher, gerechnet werden kann. Ein Teil der Kapitalien ist insofern gerettet worden, als sie im Jahre 1923 zum Ankauf eines Hauses verwendet wurden, das später als Heim für die Invaliden verwendet werden soll. Für die V e r e i n s p o I i t i k bedeuten die Nachkriegsjahre eine Zeit der fortschreitenden Erstarkung des inneren Aufbaues. In der Generalversammlung des Jahres 1919 wurde der Beschluß gefaßt, Frauen aufzuneh men, und eine große Anzahl von ihnen — weniger freilich, als man angenommen halte — folgte dem Ruf. Der politischen Rechte jener Mitglieder, die nicht deutscher Staatsangehörigkeit sind, nahm sich der Verein an, und insbesondere in der Optionsfrage, die für die ehemaligen Österreicher im Jahre 1922 brennend wurde, hat er Nützliches gewirkt. Als in demselben Jahre innerhalb der Leipziger Gemeinde die Einigungsbestrebungen sich rührten, die auf eine Zusammenfassung aller Wohlfahrtsvereine hinausliefen, hat der Hilfsverein getreulich mitgearbeitet, obwohl ihm damit eine große Selbstverleugnung zugemutet wurde. Und der damals gegründeten Gentraiorganisation der Leipziger jüdischen Wohltätigkeitsvereine, die freilich bald wieder verfiel, hat er bis zuletzt angehört. Be-