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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-03-04 · 9 (4.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
9 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Der Jude als :"":m Rahmen der „Montagsvorlesungen" behandelte in der Iii Berliner „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" :1 j der Chefredakteur der „Vossischen Zeitung", Georg Bern hard, das Thema ,.Der Jude als Journalist". Er fühlte etwa aus: Die B;hauptung von det „Verjudung der Presse" ist völlig abwegig. Juden treten als Journalisten nur in Berlin und wenigen anderen Großstädten hervor, und auch hier nur bei wenigen Zeitungsverlagen (Mosse, Ullstein, Frankfurter Zeitung, bis zu einem gewissen Grade auch Scherl). Das Schwergewicht Hir die Beeinflussung der öffentlichen Meinung in Deutschland lie^t aber in der Provinz, und diese ist abhängig von den großen Nachrichtenbüros und „Maternkorrespondenz"-Fabriken in Berlin. Hier sin J Juden fast ganz ausgeadialtet. So bedeutsam auch die Weltstadtpresse sein mag, der Wähler steht unter dein beherrschenden Einfluß jener im besten FaMe nicht direkt antisemitischen Quellen. In Berlin und Frankfurt a. M sind von 350 Journalisten 108 Juden bezw. gekaufte Juden oder doeh Personen jüdischer | Abstammung. In Deutschland gibt es aber ca. 4000 Journalisten, die His auf die allerdings durchweg bedeutenden etwas mehr als 100 jüdischen Redakteure, Nichtjuden, zum größten Teil sogar Antisemiten sind. Welche Rolle spielt nun der Jude in der Journalistik? Er ist sicher in erster Linie uich! als Organ eines „jüdischen Geistes", sondern als Sachwalter deutscher und nur deutscher | Interessen tätig, ebenso wie selbst für den nationaljüdischen deutschen Staatsbeamten ein Konflikt zwischen deutschen und jüdischen Interessen ausgeschlossen is! und — wenn doch einmal vorhanden — sicher nicht in letzterem Sinne entschieden wird. Sr.t Entstehung der Journalistik gehörten | 'den zu ihren größten Vertretern. Journalisten wie Heine, Börne u. a.. war es sogar vergönnt, über den Tag hinaus zu wirken. Die relativ große Zs'il der Journalisten unter den Juden ergibt sich Journalist wie bei der Advokatur aus der Tatsache, daß ihnen andere intellektuelle Berufe, wie Dozentur, Richteramt, Staatsanwaltschaft und höherer Verwaltungsdienst, verschlossen sind. Der Umschwung der Revolutionsjahre wird jetzt auch hier wie Uberall radikal rückgängig gemacht. Welche spezifische Eignung führt nun den Juden zur Journalistik? Journalismus ist Tagesarbeit, er nähert sich der Kunst, wie sie Zola definiert hat: „Ein Stück Leben, gesehen durch ein Temperament". Der Journalist muß herausfühlen, was wirklich aktuell ist, und die Stimmung der Lesergemeinde erfassen. Diese beiden Faktoren muß er gestaltend zum Zusammenklänge führen. Diese Begabung weisen nun besonders die Juden auf. Wie es keinen ..jüdischen Geist" im Gegensatz zum „deutschen Geist' gibt, so gibt es aber wohl jüdische Begabungen und Fähigkeiten, Tugenden und Untugenden. Die erklären sich aber nicht aus der R:nse, die zum Teil ebenso gemischt ist wie bei den anderen Deutschen, sondern soziologisch und historisch. Wie nun alle deutschen Stämme ihre Abstammungslinie, so müssen auch wir Juden unsere Abstammungslinie stolz betonen als einen wichtigen Faktor im Spiegel der deutschen Gesamtkultur. England und die Vereinigten Staaten haben sehr zu ihrem Nutzen diesen Faktor voli cewürdigt. Der Jude, dessen Vorfahren in allen Ländern herumgestoßen waren, sieht über die Grenzpfähle und ahnt die Bedeutung fremder Mentalität. Er weiß um Menschenleid und Unrecht - All diese Eigenschaften prädestinieren den Juden zum Journalisten und Advokaten. Er verkörpert als Journalist die notwendige Mischung von Altruismus und Egoismus, die Synthese von Gemeinschafts und Weltgefühl als Ergebnis eines 400jährigen Leidensweges. Sein Beruf ei fordert Demut und Entsagung in dem Bewußtsein, an Bleibendem mitzusdhatfen, also etwas davon, was dem jüdischen Prophetismus eignet. Nur der Jude, in dem ein ErbteildesjüdischenProphetismussteckt.sollJonrnalist werden Aus unserer Gemeinde I mmimmm—~~m~~—,m~-*mm^—-rwm>^^,~*.~mm*~m—~*^m^—M^^—^^mm Vortragsreihe des Herrn Dr. (ioldmann Der letzte Vortrag findet nicht wie angekündigt am 9. Marz, sondern erst am 16. März statt. Judenheil und Umwelt In einer großen Öffentlichen Versannnluns; wird am Dienstag, 9, Marz 1927, abends 8 Uhr, im Theatersaal des Krystallpalasies Herr Oberrabbinci Prof. Dr. Chajes über das durch die Gründung des Pro Palästina-Komitees besonders aktuelle Problem .judenheit und Umwelt" spreche.i. Die Ausführungen einer s.j hervorragenden Persönlichkeit, wie Herrn Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes über dieser. Thema werden für d:e gesamte Gemeinde von höchstem Interesse sein. „Soziales Denken und soziales Tun" Am Montag, 21. Februar, fand die diesjährige Generalversammlung des Jüdischen Frauenb indes, Ortsgruppe Leipzig, statt. Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles, in welchem die zweite Vorsitzende, Frau Anna Neumann, Uber die Arbeit des letzten Jahres berichtete referierte Frau Else Cohn über .Soziales Denken und soziales Tun". Sie führte ungefähr Folgendes aus: Der Begriff „soziale Arbeil" wird gegenwärtig aüzu olt im Munde geführt und ist dadurch vielfach zu einem großen Wort lür eine oft sehr kleine Tat geworden. Man sollte daher, bevor auch dieser Beyr.lf durch allzu häufigen Gebrauch ar Wert einbüßt, sieh seiner vollen Bedeutung bewußt bleiben Soziale Arbeit setzt vor allem soziales Denken voraus. Soziales Denken ist die Erkenntnis der Daseinsberechtigung aller Mens±en, ferner die Erkenntnis von der Verbundenheit und vor allem von der Abhängigkeit aller Menschen untereinander. Alles, was ein Mensch tut, geschieht bewußt oder unbewußt für den Mitmenschen mit. Der Mensch will zunächst für sich arbeiten, für seinen eigenen Erwerb, und! arbeitet doch, ohne daß es ihm immer zum Bewußtsein gelangt, für andere mit, durch das Erzeugnis seiner Arbeit, durch den Verdienst, den er anderen als Brotgeber gibt, und sogar durch seinen eigenen Verbrauch. Wenn der Mansch nun das, wozu ihn eherne Gesetze zwingen, nämlich für den Mitmenschen mitzusorgen, zu bewußtem Handeln steigert und vor allem in seiner ganzen Lebensauffassung zum Ausdruck bringt, erzieht er sich zu sozialem Denken. Das soziale Denken eines Menschen tritt weniger in seiner Wohlfahrtsarbeit, als in dem Sichgehenlassen seines Alltagslebens, wo sich die wahre Natur zeigt, in die Erscheinung, Der sozial denkende Mensch kann nicht Angestellte ausnützen. Preise und Löhne unberechtigt drücken, die Notlage seiner Mitmenschen sich zunutze machen und mit Menschenschicksalen verantwortungslos umspringen. I Der sozial denkende Mensch hat vielmehr einen offenen Blick für das. was seinen Mitmenschen not tut, eine innere Hflfsbe- \ reitschaft, die ihn überall ßeiätigungsgebiete finden läßt. Dieses an Menschenliebe gewachsene Verständnis für die Mit- I menschen ist die naturgegebene Voraussetzung für soziale Hilfstätigkeit. Auch in der organisierten sozialen Hilfstätigkeit \ bricht sich die Erkenntnis immer mehr Bahn, daß Verständnis für die Psyche des Hilfesuchenden vorhanden sein muß. Wirt- 1 schaftliche Not hat ihre Ursache nicht nur in äußeren Schwie , rigkeiten, sondern auch in Hemmungen, die im Wesen des Hilfesuchenden liegen. Diese Hemmungen, die sich in mangelndem Selbstvertrauen, Verbitterung, Resignation, geringer Anpassungsfähigkeit und ähnlichem äußern, zu erkennen und zu beheben zu suchen, ist Aufgabe moderner sozialer Arbeit. Es ist die sinnvolle Ergänzung der materiellen Hilfe. Diese Arbeit bedarf aber nicht immer der Organisation. Es kann sie auch jeder sozial denkende Mensch innerhalb seines Lebenskreises leisten. — An der Diskussion beteiligten sich die Damen Chamizer, Schindler, Recha Carlebach, Felsenstein, Lampel, Krause, Ludwig, Abugow.

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