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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-03-04 · 9 (4.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
9 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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3. üabraan«, i)r. 9 4 märz 1927 m der Jsr&elltiscken Am-Hichzä HdxhrichieH ^dtr tienieiMdeverw&ltHrt kzliqiongqz ttizinde ^tmt^i CiKtAA %\ Du Gemeindeblatt erscheint wöchentlich am Freitag. Dan Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post 2ugestellt. Bezugspreis für Nichtmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher, Glockenstraße 11, Telephon 14449. r.g: tjcme'nderahb. Gustav Cohn, Leipzio. Löhrstr, 10, Telephon 79641. :: Für den Inseiatenteil: Siegmund Cohn, Le'pzia. Ottostraße 24, Tel. 42945. Druck u, Verlag; W. Teicher, Leipzig, Glockenstr. II, Teleph. 14449. Anieicenprelse; Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Ffg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Pia. Umschlagseiten und Textinserate nach besond. Tai it. Die Schriftleitung übelnimmt für ii> untet Jen.'. Nansr» des Verfassers erscheinenden Beltrlge;ad die Vercinsnachrichtcn nur die preßrjeseuliche W-antwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. Vorträge Die Rechtsnot der «luden In Deutschland m 16. Februar abends fand in den Musikerfestsälen in | 7\ : Berlin eine demonstrative Veranstaltung des Reichs- JT\: bundes jüdischer Frontsoldaten statt, in der der Senatspräsident am Kammergeridt, Creßmann, über „Rechtsnot in Deutschland" und Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee über „Die Rechtsnot der Juden in Deutschland" referierten. Saal und Galerien waren gedrängt voll, zahlreiche Besucher konnten nicht mehr eingelassen werden. Im Auditorium waren Rechtsanwaltschaft und Richterschalt stark vertreten. Senatspräsident Großmann schilderte in eindringlicher und zwingender Form die zahlreichen Rechtsbeugungen der letzten Jahre in Deutschland und sprach von einer erschütternden Rechtsnot. Er kam zu dem Schluß, daß es sich um eine typische Erscheinurg handle; ein großer Teil der Richterschaft sei trotz tedster Ehrldkeit infolge Erziehung von eirer erschreckenden Einseitigkeit. Wie ist zu helfen? Die Absetzbarkeit der Richter wäre nicht das richtige Mittel Die Justiz Verwaltung müßte von eben her eingreifen. Das Disziplinarwesen müsse öffentlich sein. Aulklärungskurse für Richter wären zu erwägen. Weileste Öffentliche Kritik das Beste. „Wir alle," rief der Redner aus, „sind mitverantwortlich, wenn die Zustände fortdauern. Darum, Freunde, hellt!" Dr. Klee sprach über Rechtsnot der Juden in Politik, Justiz und Verwaltung. Er kenre, so sagte er, Hunderte und Aber hunderte Richter, die sich die grüßte Mühe geben, Recht zu sprechen. Allein sie sind dech Produkte von Milieu und Erziehung. Sie rekrutieren sich aus Kreisen, in denen gesellschaftlich mit Juden nicht verkehrt wird. Der Jude ist ihm eine fremde Sache, die er nur vor dem Richtertisch zu sehen bekommt. Das ganze deutsche Gesellschaltsleben im alten Reich war antisemitisch. Da der Jude als Wähler meist links eingestellt ist, weil er dech judenfeindliche Parteien nicht stützen könne, so sieht man in dem Juden den Träger der Linksanschauung. Hier ist die Lösung des tragischen Rätsels. Der Redner brachte zahlreiches zwingendes Material vor und verweilte besonders bei dem Fall Barmat, der der typische Fall des ausländischen Juden ist, gegen den man, ohne ihn zn hören, spricht. Wäre das Federbad Urteil denkbar, wenn es sich nicht um einen Juden handeln würde? Wäre anders der Fall Haas in Magdeburg dtikbar? Der Redner schilderte dif tragischen Seh cksale vieler Osljuden, die mit deutschen Gerichten zu tun hatten, und fragte, ob man in Deutschland vergessen habe, daß die Juden in Galizien Schulter an Schuller mit den deutschen Soldaten gekämpft haben, und d?ß die Juden in den tstlid.cn Randstaaten den deutschen Soldaten Gastfreundsdaft gewährt haben. Ncd vor der Urteilsfällung wird der Ostjude vom Ridter gedemütigt ur.d in eine ängstliche Stellung gedrängt. Dt r Redner besprrd ausführlich die Verwaltungspraxis gegen Juden, insbesondere die sehr grausame Ausweisungspraxis. Das sehr klige und geredle Regime des früheren Ministers Severing ur.d seines jetzigen Nadfolgers hat das Sdlirrnste verhindert. Aber tSglid konmen aus der Provinz Nechrichten Ober rücksidtslose Ausweisung jüdisder Ausländer. Aud bei der Einbürgerung müssen sid die Juden eine Ausnahmebehandlung gefallen lassen. Dies empfinden aber aud die deulsden Juden als Kränkung. „Wir körnen dies," sdlcß Dr. Klee, „nidt ändern, nur mildern. Aber die ölfenllidkeit kann hier viel tun. Sdließlid wird die Freiheit siegen". Als erster Diskussionsredner sprich Amtsger.dtsrat Dr. Goldsdmidt, ein jüdisder Ridter, der erklärte, die Redtsnot der Juden sei eine Not des deutsden Redls. Auslührlid besprrd er das bekannte Urteil des Reidsgeridts, wetdes „)udenrepubIik"-Sdimpfer straifrei ausgehen ließ und dies damit begründete, daß die Republik mit Hilfe auslärdisder Juden entstanden sei, und daß in ihr die Juden eine vorherrsd ende Stellung innehaben. Nad Dr. Brandt und Dr. Seligsohn sprad Herr RA. Dr. Wertheim, der das Fazit aus den Ausführungen der Vorredner zog und sagte, „man sdlägt die Juden und meint die Republik. Je mehr sid die Demokratie befestigt, umso eher wird die erschütternde Redtsnot der Vergangenheit angehören. Man soll sid nidt in Verbitterung hüllen, man soll nidt mehr als nötig von jüdisder Redtsnot spredea. Bei der Ziviljustiz kommen derartige Klagen nidt vor. M».b soll in jedem Einzelfall der Redtsbeugung das Gewissen des Volkes anrufen und an der Volksgesundung mitarbeiten." — Der Vorsitzende Dr. London sdloß die Versammlung Mit Dank an die treffliden Ausführungen der Redner.

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