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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 3. Jahrgang späteren Entwicklung sich abzeichnet: Er fordert, daß zu der praktischen Palästinaarbeit eine geistige Erneuerung des Judentums treten müsse. Es gelingt ihm, eine Reihe wertvoller Anhänger für seine Oedanken zu gewinnen, Lilicnblum, Tschlenow, Ussisehkiu u a., die sich in Gemeinschaft mit ihm dieser Arbeit an der geistigen Wiedererweckung des Judentums widmelen. Ihr dient auch die Herausgabe der hebräischen Zeitschrift „llaschiloach", die er 1896 beginnt und in der er eine Fülle von Abhandlungen über Juden und Judentum veröffentlicht. Gegen Ende des Jahrhunderts leitet er in dieser seiner Zeitschrift eine Polemik gegen den sich festigenden Herzi'schen politischen Zionismus ein. Als Evolutionist konnte Achad haam den Weg, den Herzl gehen wollte, nicht als gangbar anerkennen. Er erachtete es als aussiehrsl ,s. die Judenheitslrage ohne die Judentumsfrage zu lösen. Auch Herzl hatte, nachdem die Idee des Zionismus durchgebildet war. die Formel igeprägt: Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland: aber ihm bedeutete Judentum mehr allgemein die jüdische Gemeinschaft. Achad haam hingegen forderte eine geistige Wiedergeburt: Judentum als geistigsittliches Sein solle wieder als seelisches Bedürfnis des Juden etkarnt und gepflegt werden, L'rst dann, wenn die Juden wieder für solches Judentum gewonnen seien und dieses Judentum wieder eine kulturell hochwertige Erscheinung geworden sei, könne auch die äußere Beireiung glücken. Durch diese Gedankengänge wurde Achad haam zum befruchtenden Anreger für den Zionismus. Wenn heute auf die Bestimmung Palästinas hingewiesen wird, ein geistig kulturelles Zentrum für das Judentum zu werden, wenn als Symbole dieser Bestimmung die hebräische Universität und die jüdische Nationalbibüothek in Jerusalem genannt werden, wenn allerorten als eine wesentliche Aufgabe der zionistischen Bewegung die Renaissance jüdischen Denkens und Wissens gepflegt wird: die Macht der Idee, für die Achad haam mit mutvoller Bestimmtheit und roiner Wahrhaftigkeit einen Jahrelangen heftigen Kamp! führen mußte, hat der Bewegung diese Richtung gewiesen. Achad haams Bedeutung erschöpft sich jedoch — und das ist das wahrhaft Große an ihm — nicht in den Grenzen der nationalen Bewegung. Sie ist ihm nicht Letztes und Höchstes, sondern selbst wieder nur c'nes der Mittel für sein letztes Ziel: das neue Leben jüdisch kulturellen Seins. Ghetto und Verfolgungen auf der einen Seite, die große Wandlung im jüdischen Lebe.i des 19. Jahrhunderls auf der anderen haben in vielen Schichten der jüdischen Gemeinschaft mannigfache Fehler Wurzel schlagen lassen; bei vielen Versteinerung und Erstarrung des Jüdischen, bei anderen Lossagung vom lebendigen Judentum, und bei großen Teilen der jüdischen Masse rein-menschliche Mängel. Es muß eine Neuwerdung angebahnt und durchgeführt werden durch geistige und moralische Hebung des Rein Menschlichen im Juden, um dem Echt-jüdischen im Juden zur höchsten Entfaltung zu verhelfen. Unter diesen hohen Gedanken stellt er seine Arbeit. Darum gibt es nicht eine ernste Frage von irgendwelcher, selbst noch so fernen Beziehung zum Judentum, zu deren Lösung er nicht beigetragen hätte. In seinen zahlreichen Essays klärt er mit scharfer Logik und eindringendem Geiste die mannigfachen Probleme. Immer voller Treffsicherheit, ob er von dem Wahrheitsgehalt der jüdischen Lehre, vom Begriff des Heiligen, vom sittlichen Bewußtsein, vom jüdischen Gesetz handelt, oder ob er sich zu der Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum äußert; er untersucht die bürgerlich-politischen Beziehungen der Juden zu den Nationen, in denen die Juden frei leben, er spricht über jüdische Kunst und ihren Wert im allgemein-menschlichen und im jüdischen Sinne. Und er beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Hebräischen zum Jiddischen und und mit der hebräischen Sprache als einer für das moderne jüdische Denken neu zu formenden. So entsteht ein umfangreiches Werk. Ursprünglich an zahlreichen Stellen verstreut, dann aber von ihm selbst noch in einer vielbändigen Gesamtausgabe gesammelt, geordnet unter den Gesichtspunkten: Fragen des Zionismus, der hebräischen Literatur, des Judentums und der jüdischen Philosophie. Von einer deutschen Gesamtausgabe sind bisher nur zwei Bände erschienen; es steht zu holfen, daß auch die beiden weiteren den Lesern, die des Hebräischen nicht mächtig sind, recht bald zugänglich werden. — — Achad haam — „Einer aus dem Volke" nannte sich dieser kluge geistvolle Führer. Durch sein Werk zieht sich die Liebe für sein Volk, die Begeisterung für das Judentum. Als „Einer aus dem Volke" wollte er, daß kein Glied unserer Gemeinschaft geringere Liebe, mattere Begeisterung empfinde. Unter dem Namen des Achad haam wird sein Werk fortwirken. Rabbiner Gustav Cohn. Die rechtliche Stellung israelitischen Rellgionsgesellschafti Von Rechtsanwalt Dr. Wienskowitz, Dresden Wie die einzelnen Juden sich in Deutschland erst im Laufe der Jahrhunderte ihre Gleichberechtigung erkämpfen mußten, so ist auch die Gleichstellung ihrer Religionsgemeinschaft mit anderen Religionsgesellschaften erst das Endergebnis einer längeren Entwicklung. Von der vollkommenen Rechtlosigkeit im Mittelalter hat diese Entwicklung bis zur vollständigen Gleich Stellung mit den anderen Religionsgesellschaften in der jüngsten Vergangenheit geführi. In Sachsen z. B. wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Lage der bis dahin völlig rechtlosen Juden eine bessere. In Osterreich war bereits 178t und in Preußen 1787 der Leibzoll abgeschafft worden. In den Teilen Deutschlands, die unter die Herrschaft Napoleons I. gekommen waren, war die Emanzipation der Juden 1808 erfolgt, in Baden 1807, während in Preußen durch ein Edikt vom 11. März 1812 die bürgerliche Gleichstellung der Juden mit den Christen erfolgte. Sachsen und andere Staaten waren dem noch nicht gefolgt. Auf dem Wiener Kongreß 1815 hatte kein Geringerer als Wil heim von Humboldt in den von ihm ausgearbeiteten Verfassungsentwurf für Deutschland eine Bestimmung aufgenommen, wonach den Bekennern des jüdischen Glaubens, insofern sie sich der Leistung aller bürgerlichen Pflichten unterziehen, die denselben entsprechenden Bürgerrechte eingeräumt werden sollen. Für diese Verfassungsbestimmung erklärten sich aber nur Preußen und Österreich alle anderen Staaten stimmten dagegen, und es verblieb deshalb bei der Rechtlosidkeit der Juden in den Staaten, in denen ihre Emanzipation noch nicht durchgeführt war. Im Jahre 1829 wurde in Dresden von dem Schriftsteller Dr. Bernhard Beer der Mendelssohn-Verein gegründet, der es sich zur Aufgabe mach e, die Gleichberechtigung der Juden in Sachsen zu erreichen. Die Veröffentlichungen Beers, mit denen er die gegen die Juden herrschenden Vorurteile widerlegte und sich für deren Gleichberechtigung einsetzte, erregten großes Aufsehen uni brachten die Frage der Judenemanzipation in Sachsen wieder in Fluß. Als im Jahre 1830 infolge Übergreifens der Juli Revolution auf Sachsen der Minister von Einsiedel, der erklärt hatte, es werde, solange er an der Spitze der Regierung stehe, eine Änderung der Verhältnisse der Juden

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