Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4876568-5968785-5968945--0914-4878622- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 OEM K JNDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEirZIG 3. Jahrgang der um seines Glaubens willen Zurücksetzung; erfährt und schweifend Lntsagung übt, bekundet diesen Idealismus noch heute. Die jüdische Religion aber war es, die in ihren Bekennern diesen Idealismus geweckt und gefördert hat. Das Judentum hat in seinen religiösen Legenden das Martyrium verherrlicht und in seinen religiösen Lehren das Dulden und Entsagen als heilige l'ilicht hingestellt. „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzer Seele", dieses Gebot bedeutete, man .-olle für Gott seine Seele, sein Leben hinopfern. In der Zeit der Verfolgung galt als religiöse Pflicht eines jeden Juden, lieber zu sterben, als seine Religion zu verleugnen. In seinem Sendschreiben an die Juden in Jemen schreibt Moses Maimonides. ein Wegweiser im Judentum: Unsere Pflicht ist es, uns über alles zu Ireuen, was wir erlragen und an Leiden, Veraiögensverlust, Vertreibungen und jeglichem Schaden erdulden, denn dies alles gereicht uns zum Ruhme und zur Ehre vor unserem Schöpfer. — Von den deutschen Juden sagt Rabbi Meir aus Rothenburg: Daß sie lür Gott ihr Leben opfern, ist ihre Pflicht; daß sie es aber so freudig tun, ist w underbar. — Wer die unsäglichen Verfolgungen früherer Zeilen und die Beispiele heldenhafter Glaubenstreue vor seinem Geiste vorüberziehen läßt, wer die jüdischen Martyrologien lies:, die Verzeichnisse der Dulder, die in den Tod gingen, um den Namen Gottes zu heiligen, muß von der Dulderkrafl und Entsagungsfreudigkeit, die die Juden erfüllt hat, im Innersten ergriffen werden. A!s Billroth das Wort lallen ließ: „Den unbegabten Juden fehlt die eigentliche Freude an der Romantik des Martyriums", verfaßte Mathias Schleiden, ein Unparteiischer, den sein Rechtsgefühl und seine Wahrheitsliebe dazu getrieben, eine Schrift über „die Romantik des Martyriums bei den Juden" und schilderte „das ungeheure Trauerspiel" där judischen Leidensgeschichte, „wogegen alles, was wir vom Martyrium der Christen unter den Heiden wissen, fast wie ein Kinderspiel erscheint". Das Martyrium der Juden, ihre Entsagungsfreudigkeit spricht nicht dafür, daß sie nur Materialisten waren. Lür den Idealismus der Juden zeugt auch ihre Liebe zum Lichte und ihre Hochschätzung des Wissens. Iis war aber wieder die jüdische Religion, die das Lernen und Lorschen an sich verherrlichte unu das S'.udium der Tnora jedem zur religiösen Pflicht machte. Die höchste Weihe der Festtage bestand im Studium der Lehre. Die Frommen sollten bei jedem Mahle Worte der Lehre sprechen, damit „dei Tisch zum Altar Gottes geweiht werde". Auch „wenn du ajf dem Wege gehest", sollst da über die Worte der Lehre nachdenken. Nicht die Armen im Geiste hat das Judentum selig gepriesen, sondern die Suchenden und Forschenden. „Arm ist nur, wer kein Wissen hat." Der jüdische Gaube war nie ein Feind des Wissens: im jüdischen Gotteshause wird bald 2000 Jahre täglich das Gebet verrichtet: Gelobt ist der Ewige, der den Menschen mit Erkenntnis begnadet Lin Lehrer des Judentums verschenkte seine Acker und Gärten, um, von irdischen Sorgen ungestört, sein Leben der Lehre weihen zu können. So aber haben viele im Judentum gehandelt und Wissen und Wahrheit mit Opfern erkauft. Unzählige Jünglinge verließen das Elternhaus und zogen in die Fremde, um im Lehrhau ie eines berühmten Lehrers unter Lntbehrungen lernen zu können. Ein Sohn des Judentums brachte in früheren Zeiten seine Jugend im Lehrhause zu, und bei vielen im Judentum blieb auch nach der Verheiratung der Broterwerb Nebensache, während das Thorastudium zum Lebensinhalt erhoben wurde. Tausende machten die Nachte zu Ta^en, um den Wissensdrang zu befriedigen und der religiösen Pflicht zu genügen. Man darf dabei nicht vergessen, daß es sich beim Studium nicht immer um Probleme und Fragen handelte, die für die religiöse Praxis irgendwie von Wert gewesen wären. Das Lernen und Forschen an sich war den Juden zur seelischen Freude geworden. In tiner zweiten Schrift „über die Bedeutung der Juden im Mittelalter" hat Mathias Schleiden diesen jüdischen Wissenstrieb geschildert und erzählt, wie die |uden auch in dunklen Zeiten die Wissenschaft gepflegt haben und wie sich die Seele des Judentums immer zur Sonne und zum Lichte hingeneigt hat. Der Behauptung, den Juden fehle jeder Idealismus, widersprechen die Klagen unserer Gegner über die große Zahl jüdischer Jünglinge, die die gelehrten Schulen fUllen und zu den Wissenschaften sich drängen. Eine Wandlung zwar ist eingetreten: Die Juden der Vergangenheit gingen im religiösen Wissen auf, in den Juden der Gegenwart lebt das Streben nach allgemeinem Wissen. Aber der jüdische Idealismus, der sich in der Liebe zum Lichte und in der Verehrung des Wissens an sich kundgab, ist auch in der Gegenwart nicht minder stark als in der Vergangenheit. Wer von dem Gute, das er durdi Arbeit erworben hat, opfert, um Menschenelend zu lindern, bekundet soziales Mitgefühl und betätigt Idealismus. Die jüdische Religion hat in das Herz ihrer Bekenner soziales Mitgefühl gepflanzt und ihnen das Helfen und Geben zur religiösen Pflicht gemacht. Die Gerechtigkeit aber muß es anerkennen, daß die Juden diese religiöse Pilicht immer erfüllt haben. Die Mildtätigkeit ist eine jüdische Tugend geworden. Bei der Geburt eines Kindes, bei dem Tode eines Verwandten, bei der Genesung eines Kranken, bei der Errettung aus einer Gefahr gedachte der Jude der Armen. An jedem Freudenfeste wurde der Arme zum Hausgenossen erhoben. Die Freude wurde durch Wohltun verdoppelt und das eigene Leid durch Linderung fremder Not vermindert Die Juden in Frankreich ließen aus den Tischen, an denen sie die Armen speisten, ihre Särge zimmern. Die Juden in Nordafrika pflegten am Hochzeitstage ihrer Kinder ein armes Waisenpaar zu verheiraten, dem sie zur Begründung eines Hausstandes verhalfen. Nur die Urteile unserer Gegner über die jüdische Mildtätigkeit sollen hier angeführt werden. In seiner bekannten gehässigen Schilderung der Juden kann Tacitus, der römische Historiker, nicht umhin, den innigen Familiensinn, die todesverachtende Tapferkeit und die hilfreiche Mildtätigkeit der Juden anzuerkennen. Der Kirdienvater Aristides, der über die Religion der Juden abfällig urteilt, schreibt Uber ihre Wohltätigneit: Sie ahmen Gott nach durch Menschenliebe, indem sie sich der Armen erbarmen, die Gefangenen loskaufen und die Toten begraben und ähnliche Dinge tun, die Gott annehmbar und den Menschen trefflich sind und die sie von ihren Vorfahren empfangen haben. Der Kaiser Julian, der das griechische Heidentum zu neuem Leben erwecken wollte, befiehlt dem Oberpriester Arsacius, jüdisdie und christliche Liebestätigkeit den Griechen als Beispiel zur Nachahmung vorzuführen, „denn es ist schändlich, wenn bei den Juden kein Bettler gefunden wird und die gottlosen Galiläer zu den Ihrigen auch noch die ünsrigen ernähren". Der Philosoph Eduard von Hartmann hat dem Judentum keine besondere Liebe entgegengebracht und doch folgendes Urteil fällen müssen: „Das Mitgefühl als tröstende Teilnahme und hilfsbereiter Liebeswille tritt in den Mittelpunkt der jüdischen Moral, und Freundschaft, Wohltätigkeit, Familiensinn, Arbeitsamkeit und Streben nach Bildung und Wahrung der Erkenntnis bilden sich als die schönsten Züge des Judentums heraus, die ihm auch für die Folge treu geblieben sind und durch die es noch heute den Völkern, unter denen es wohnt, als Muster und Vorbild nützlich werden kann". Mindestens ebenso stark wie der Erwerbssinn der Juden war auch ihr soziales Mitgefühl, und ihre opferfreudige Mildtätigkeit zeugt gewiß nicht für ihre materialistische Denkungsart. :M Es ist ein Paradoxon in der Weltgeschichte, daß die Juden, die in der Welt so viel gelitten haben, die weltfrohesten Optimisten geworden sind. Außer dem Verfasser des Buches Koheleth und ganz vereinzelten Dichtern des Mittelalters vernehmen wir im Judentum keine Stimme des Weltschmerzes und der Weltverachtung. Das Judentum hat im Gegenteil den messianischen Gedanken geschaffen und den weltfreudigen Glauben an ein Aufwärtsschreiten der Menschheit ausgebildet und an diesem Glauben festgehalten, obgleich es aus seiner Leidensgeschichte eine entgegengesetzte Erkenntnis hätte schöpfen müssen. Das Judentum hat ein Reich von Gedanken an