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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-12-18 · 51 (18.12.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
51 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 UE.V1EINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQI0NSGEME1NDE ZU LEIPZIG Nummer öl Drei Jahre jüdischer Emigration Seit dem Jahre 1920 haben Oü'J 740 Juden ihren Heimatort vertanen und sich auf Wanderschaft nach Ueberseeländern begeben müssen. Zahlt man zu dieser Zahl noch die der jüdischen Binnenwanderung in Buropa! insbesondere die der Wanderung aus Osteuropa in mittel- und westeuropäische Länder hinzu, so ergibt sich eiue Zahl von etwa '4 .Million Juden, die während der letzten 10 Jahre zur Auswanderung gezwungen waren. Diese Zahl wäre bei weitem größer, wäre nicht die Kiiiwaiiderungssperre, die in letzter Zeit von fast allen Ländern des Kontinents und der Uebersee eingeführt worden ist. So z. B. emigrierten während der Jahre 1027—1929 aus Polen. Rumänien und Litauen Hauptemigrattonattnder) nur 77 000 Juden! während die Zahl der zur Auswanderung Registrierten fast das Doppelte (140 741) und die der Emigrationsbewerber fast das Dreifache betrug. Für die Jahre 1927—1930 berichtet die Emigrationsvereinigung Hias-Ica-Eiuigdirect (Paris 1930) folgendes: Der Drang der Juden zur Emigration, trotz aller Versuche, eine Besserung der Lage der jüdischen Bevölkerung in ihren Wohuländern herbeizuführen, ist auf ihre immer mehr fortschreitende Verdrängung aus den wirtschaftlichen Positionen und die daraus resultierende Dekiassierung zurückzuführen. Ein besonders starkes Auswanderungsbedürfnis herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Polens, wo die Not einen erschreckenden Umfang angenommen hat. Während der letzten drei Jahre emigrierten allein mit Hilfe kostenloser Emigrantenpässe etwa 00000 Juden; außerdem verlieUen noch viele tausend Juden mit gewöhnlichen Auslandspässen, sowie auf andere Weise das Land. Auch in Rumänien, und insbesondere in Bettarabien, hat die jüdische Emigration während der letzten Jahre um etwa 50% zugenommen. In Litauen, wo die Juden etwa 5.0% der allgemeinen Bevölkerung bilden, beträgt ihre Beteiligung an der Auswanderung etwa 80%. Ueber die Kinigrationsbewegung der Juden in der Sowjetunion liegen keine Angaben vor. und zwar resultiert dies aus der Tatsache, daß eine Auswanderung aus Rußland — gleich welcher Art — so gut wie unmöglich ist. Jedoch stellt wohl nach alledem, was man über das jüdische Leben in Sowjelrußland erfährt, außer Zweifel, daß auch hier das AusWanderungsbedürfnis der Juden außerordentlich stark ist. Das Haupteinwanderungszentrum der jüdischen Wanderung bildeten die Vereinigten Staaten: mehr als die Hälfte aller jüdischen Emigranten der letzten 10 Jahre wandten sich nach U. S. A.. und auch jetzt noch wandern hier jährlich 12 (KM) -13 000 Juden ein. Die zweite Stelle nahm Palästina ein. wo während der letzten 10 Jahre etwa 1H3 000 Juden immigrierten. Auch Argentinien nahm durchschnittlich etwa 0000 jüdische Wanderer jährlich auf. Neuerdings gewinnt Brasilien wachsende Bedeutung für das i.'idische Wanderuugsweseu. Hier ist die jüdische Eiuwundcrungsbewcgung noch ziemlich neuen Datum.-, (etwa seit 1925); sie umfaßt zur Zeit mehr als 4000—5000 Personen jährlich. Dagegen sinkt die Einwanderung nach Kanada von Jahr zu Jahr mehr. Diese Erscheinung erklärt sich aus der Tatsache, daß die seinerzeit der Ica erteilte Konzession zur Einführung jüdischer Einwanderer im Jahre 1920 erloschen ist und es den jüdischen Emigratiousorgunisationeu keinesfalls gelingen will, eine neue Konzession von der kanadischen Regierung zu erlangen. Dem Wanderbedürfiiis der Juden stellen sich, wie erwähn), immer mehr neue Einwanderungseinschränkungeii entgegen. Länder wie Australien und Südafrika, die jährlich 2000—3000 jüdische Wanderer aufgenommen haben, haben ihre Tore für die jüdische Immigration völlig geschlossen; Kanada und U.S. A. führten neue einschränkende Einwanderungsbestiininuiigen ein und zwangen die jüdischen Emigratlonageeellachaften, auf die Suche nach neuen Wegen für die jüdische Wanderung zu gehen. Hicem versucht nunmehr, seine Tätigkeit in den weniger bekannten südamerikanischen Staaten wie Chile, Paraguay, Columbien, Venezuela u. a. in. auszudehnen und neue Eiuwanderungsliiöglichkeiten zu erschließen. Interessant ist die berufliche (iliederung der jüdischen Wanderer. Leider gibt hierauf der Bericht des Hicem nur teilweise Antwort: nur die in Polen während der letzten drei Jahre registrierten jüdischen Auswanderer finden wir nach ihren Berufen eingeteilt vor. Von der Gesamtzahl 03 025 jüdischer Emigranten in Polen für die Jahre 1927 bis 1929 waren 19 215 Handwerker, 0020 Händler und kaufmännische Angestellte, 3271 ungelernte Arbeiter, 4003 landwirtschaftliche Arbeiter und 18 845 Berufslose (darunter 9002 Krauen), der Rest verteilte sich auf Angehörige der freien Berufe (1014 Personen) und Angehörige sonstiger Berufe. Das will sagen: etwa ein Drittel der Auswanderer beherrschte einen Beruf, der Aussicht auf eine Krwerbsmöglichkeit im einzuwandernden Staate bieten konnte, während die große Mehrheit entweder gar keinen Beruf erlernt hatte oder bestenfalls einen solchen, den sie im Einwanderungsland nicht ausüben konnte. Es ist daher von größter Wichtigkeit, daß „Hicem" in allen Aus- und Einwanderungsländerii neben seinem eigentlichen Arbeitsgebiet der Wanderung auch für die Berufsausbildung und sprachliche Vorbereitung der von ihm betreuten Wanderer Sorge trügt. Der erwähnte Bericht von Hicem gibt leider keinen Aufschluß über Ein Interview unseres Mitarbeiters n.r. Es ist Donnerstag Abend. Kurz hinter dem Hans der Jüdischen Gemeinde in der Lührstraße geht diu Keilstraßc ab. In dem zweiten Haus in dar Keilst ralio — unten ist eine Synagoge nneli orthodoxem KitUI - hingt dai BchiM: Jüdische Lesehalle und Bibliothek. I<-Ii steige die Treppe herauf, betrachte vermindert die übereil auf die Wände hingekritzelten Hakenkreuze, Bcbmlhworta auf .luden und obsaftnen Inschriften (Lieber Herr Wirt! Lassen sie doch bitte die Wände einmal weißen!) und bin angenehm überrascht, oben m einem groUen. angenehmen Kauino etwa 40 oder Sil Personen vorzufinden, die über die Zeitungen gebeugt, verfolgen, was in der Welt los ist. leb bemerke. ilaU es vor allem die jiddischen Zeitungen mit dem grollen Format sind, die neben den eifri gen Lesern ungeduldige Anwärter haben. Aber aueli die deutschen Zeitungen, das Berliner Tageblatt, der Vorwärts, drei LelpsigSr Tageszeitungen, die Berliner Illustrierte, die Jüdische Kundsehau. das Hallil'Uigcr Israelitische Kamilicnhlatt. werden gelesen, und sin Zoitungslaarder. der so unsozial Ist, drei Zeitungen für sich unter seinen Kilon bogen zu requirieren, wird von dem ltibliothekar. an den sieh ein Leser gewandt hat. kräftig zureeht gewiesen. Wieviel Zeitungen and Zeitschriften hier ausliegeii? Ich frage den ltibliothekar. .."II" ist die Antwort, und »ls ich meine Kreude darüber zu erkennen gebe. daß alle wichtigen jüdischen Zeitungen ohne t'nterschied der ParteirichtUng zu linden sind, ist er sin wenig ärgerlich: „Ks ist ■elbstverstlndlichi dali in einer indischen VolkslenehaHe, die der jüdischen (lesamtheit dient, jeder Mensch seine Zeitung finden soll. Jeder indische Mensch ist biei In rsllch willkommen," Der Bibliothekar zeigt mir dann die- Zeitschriften. Ich habe mir notiert, daß u. a. der ..Morgen", die ..Auslese", die „Menorah". ..Palästina", die Jiddische ..Zukunft" dahin gen, aber auch die ..Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums**, die ..Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutachland**, Von den Zeitschriften des allgemeinen politischen Lebens waren die ..Weltbühne", das ..Tagebuch" und ■he ..Deutsche Republik" vorhanden. ..Meinen Sie, ilaU ihre Leser viel Zeit Hilgen vermissen?" — „Von den jüdischen bestimmt nicht, jetzt kommen auch die Berliner Jüdische Zeitung und ilie aus Breslau, ebenso einige (icuiciiidchlüttcr und Jüdische VereinszeitiinKen", erhalte ich zur Antwort: ..bei den auswärtigen jüdischen Zeitungen konnte man sieh nur auf die allergröLlten und Wichtigsten, wie den Xew-Yorker „Vorwärts", den „Haint", „Moment", die „Jiddische Stimme" beschränken, und bei den nicht jüdischen Zeitungen wurde Buch nur auf die bedeutendsten und von Juden besonders stark gelesenen Hlätter Rücksicht genommen. Ich glaube, dal] ilie Lesehalle den Bedürfnissen unserer Jüdischen Leser im allgemeinen entspricht," Ich gestatte mir die etwas heikle Krage, ob oft Zeitungen entwendet werden. „Leider ja. das jüdische Publikum hat oft noch keine Disziplin, doch ha! sieh das schon viel gebessert. Dal) es sich um regelrechten Diebstahl handelt, kommt dem. der sieh eine Zeitung einsteckt, oft gar nicht zum Bewußtsein, auch nicht, dali er damit sehr unrecht an den anderen Lesern handelt. Die Leitung der Leseballe ist daher dazu übergegangen, solchen Lesern die Benutaung der Lesehalle zu verbieten, sie behält sich aber auch vor. durch ihren Rechtsanwall in jedem Kall Ton Zeitungsräuberei vorzugehen." „Versprechen Bio sieh etwas davon?" wende ich ein. „Jawohl, die Leipziger Polizei z. It. hat es durch die 2-Mark Strafe für das Kortwerfen von Papier fertiggebracht. daD «las Stadtbild jetzt viel sauberer ist. Ich glaube daran, dali auch das jüdische Publikum au Ordnung zu gewöhnen ist. und wenn nicht anders, dann durch Strafe." „Sind ilie Lesaatnnden Bichl zu spät?" — „Im Gegenteil, alle diejenigen, die im Gosthlflnk l-eii stehen, können erst abends kom.....n. und die Studenten spielen in unserer I halle zahlenmäßig eine kleinere Rolle." Ich danke dem Jtibliothekar sehr herzlich, und Will »v+t Wic'iwinden. werde alier eingeladen, auch die Bibliothek zu besichtigen. leh

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