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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-12-18 · 51 (18.12.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
51 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-M&INDE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNfrB Da» Gemrlndeblatt erechelnt |edcn Freitaft und wird den Mitgliedern der KeUglontgemelnde unentgeltlich durch die Pott zugestellt - Schriftleitung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Lohrstraflc 10 NUMMER 51 / JAHRGANG 7 FREITAG 18» DEZEMBER IOI1 Anzeigen Verwaltung und Druck: Buchdruckcrcl August Pries, Leipzig, Brüdemtr. SO - Fernruf 70008 - Postacheck Leipzig SM SO - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verlader» gestattet Eine Geschichte der Juden Josef Kastein ist im Vorjahre hervorgetreten durch eine groß angelegte Monographie des falschen Messias „Sabbathai Zewi", die, auf gründlichen Studien beruhend, scheinbar aus den verborgensten Quellen geschöpft, doch mit tler belletristischen Diktion eines Romans geschrieben war und den Leser kaum einen Augenblick aus der atemproMonden Spannung der zwar historisch durchbluteten, aber doch rein künstlerischen Darstellung entließ. Diese Geschichte des „Sabbathai Zewi" war Auftakt und Legitimation zugleich für seine nunmehr erschienene „Geschichte der .luden". Die .luden sind an Dokumenten dieser Art relativ arm. Als geradezu klassischer Histonograph der Julien gilt eigentlich immer noch Heinrich Graetz, dessen vielbändiges Werk aber doch einer wissenschaftlichen Kritik nicht immer bedingungslos standhält. Es ist zuviel Anekdote, zuviel Kleinlichkeit, zuviel Detail darin enthalten, um von einer voraussetzungsvollen Wissenschaft rechtens gewürdigt zu werden. Hin Gegenstück zu Graetz bildet hinwieder Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes", die vielleicht schon wieder zu wissenschaftlich, zu tiefgründig, zu umfangreich ist und sich zu sehr in Einzelheiten verliert, um als gemeinverständlich gelten zu dürfen. Als ein Mittelstück, das trotz seiner lockeren, erzählenden, eigentlich nicht wissenschaftlich anmutenden Form doch belehrender und aufklärender wirkt als die vorgenannten Arbeiten, darf heute die Schöpfung von Josef Kastein (Eine Geschichte der Juden. Herlin 19H1. Emst Rowohlt Verlag) rühmliche Erwähnung finden. Josef Kastein. der auf ungefähr (>7() Seiten das Jahrtausende alte Wesen und Werden eines Volkes zu umschließen trachtet, nennt sein Werk wohl nicht ohne Absicht nur „E i n e Geschichte der Juden". Wohl verstanden, nicht wie seine Vorgänger „D i e Geschichte tler Juden". (Ihne sich in fundamentalen Kragen des Jüdischen und tles Judentums jemals parteipolitisch festzulegen, gibt er doch fast immer Analyst; und Synthese einer Entwicklungsgeschichte, die ihren Weg durch Erdteile und Jahrtausende macht, und der gegenüber die landläufigen Begriffe Nation oder Religion wegen ihres zu geringen Formates versagen müssen. Kasteiii schreibt eine Geschichte der Juden im Sinne des Geschehens, das zu überlebensgroßem Schicksal wird. Und er schreibt tliese Geschichte nach tler üoetheschen Forderung so, daß sie „mit Bedeutung auch gefällig sei". Er zeigt es auf, jenes seltsame, einmalige und einzigartige mixtum compositum von Wunderbarem und Grauenhaftem, von Notwendigem und Zufälligem, von Zeitlichem und Ewigem. Und es ist ganz gleich, wo man dieses Werk aufschlägt, ob etwa dort, WO er die Theokratie bis zur Herrschaft des Gesetzes behandelt, ob er in den Begegnungen des Judentums mit Griechenland bis zur Begegnung mit dein Christentum vielleicht Rom und Judüii oder die Makkabiier-Kriege. Jesus von Nazareth oder Saul von Tarsus erörtert, ob er von der Vertreibung aus Palästina bis zur Besiedlung des Abendlandes Obei christliche Politik, Talmud Islam unr! anH*pt Probleme diskutiert, ob er von der spanischen Aera bis zur Vertreibung aus dem Westen über Martyrium und Mystik spricht, ob er die Flucht in den Osten und den Messianismus zu veranschaulichen trachtet und schließlich von dem Kampf um die Gleichberechtigung bis zu einer, von den einen geleugneten, von den anderen anerkannten, jüdischen Renaissance redet: immer versucht er es, aus drei Jahrtausenden einer Volksgeschichte den Kern herauszuschälen, wie er sich seinem Wissen und seinen Ahnungen verkörpert. Er selbst besitzt in höchster Vervollkommnung den Sinn für tlas Wesentliche. Aber - und tlas ist charakteristisch für ihn -- wesentlich ist ihm niemals tler Zustand, sondern immer die Bewegung, jene Bewegung, die sich im geistigen und im weltlichen Räume vollzieht. Sein Wille ist es. in allen Epochen des Judentums eine Verantwortung und demnach einen Sinn durch die Existenz des jüdischen Volkes sichtbar und greifbar zu machen. Sein Ziel ist nicht etwa bedingungslose Apologie des Judentums, wohl aber Sinngebung der Geschichte des Judentums. Jede Ueberliefer u n g wird von ihm mit dein Maßstab tler Forschung gemessen, und diesem Dualismus der Auffassung dankt er es, zu einem begnadeten Deuter der tiefsten und erhabensten Geheimnisse in den Revolutionen und Evolutionen der Geschichte tles großen Märtyrervolkes tler luden zu werden. Kin einziger Band wir sagten es schon. Menscbheilsschicksal von Jahrtausenden umspannend, geschrieben in einem einfachen und herrlichen Deutsch, daß man unwillkürlich fürchtet, eine Zeile überschlagen zu können. Man würde selbstverständlich sich einer Blasphemie schuldig machen, wenn man sagen wollte, daß Kasteins „Geschichte der Juden" sich lese wie ein von Rhythmus und Dynamik nahezu gesprengter Roman. Aber vielleicht ist dem immer so, wo tlas Leben eben überlebensgroße Gestalt annimmt und mithin selbst tler exakte Historiker zu einem blendenden Erzähler werden muß. Kastein jedenfalls, der dabei Daten und Namen nach Möglichkeit vermeidet und die fine fleur der Geschichte, die Anekdote, verächtlich am Wege welken läßt, ist unter allen Umstünden beides geworden. Er ist Geschichtsschreiber und Poet, tler trotz persönlicher Leidenschaftslosigkeit die große Passion einer einmaligen und unteilbaren Jahrtausendgetueiuschaft, ihrer Wandlungen, ihrer erschütternden Leiden, ihrer Mission, ihrer eigentümlichen Anlagen und ihrer geistigen Macht mit tler Bravour großer Epiker erzählt. Kein Jude, gleichviel zu welchem persönlichen Standpunkt er sich bekennen mag. sollte darum versäumen, tlieses Werk, das sich mit Fug nicht „d i e" Geschichte tler Juden, sondern nur „0 i n e" Geschichte tler Juden betitelt, zu lesen. Km nüchternes Buch, das begeistert. Bin Buch des Oksidents, aus dem tler Orient in tausenderlei Farben und Flammen erblüht und erglüht. ..Das Leben in Reinheit gefaßt, getragen vom Zauber der Sprache." Doris W i 11 n e r.

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