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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-12-04 · 49 (4.12.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
49 (4.12.1931)
Date
1931-12-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 49 liefert, all der großstädtische Jude. Sie sind arm an Gütern, arm an Menschen, arm an Freude, arm an Trost geworden. Und zu Tausenden ist Ihnen die Statte der Andacht, die Zuflucht der Seele, verschlossen. Dieter Not ringender« vereinsamter Menschen, unvergleichlich bitterer alt unsere Not, dürfen wir nicht langer tatenlos gegenüberstehen. Wir müssen nicht nur begreifen, dafi ihr Kampf unser Kampf, ihr Untergang unser Untergang ist, sondern darnach handeln. Nur eine Gemeinschaft, die den Willen zum Leben hat und mit Tat und Opfer sich dafür einsetzt, kann in dieser Zeitwende sich behaupten." Zu Beginn seiner Ausführungen zitiert Max Hirnbaum die folgende Stelle aus dem Brief einer jüdischen Gemeinde aus dem äußersten W esten des Reiches: „Die hiesige jüdische Gemeinde besteht zur Zeit aus drei Familien, so da Ii schon jahrelang kein Gottesdienst mehr abgehalten werden kann. Die Synagoge ist dem Verfall nahe ... Hier im Ort herrscht schrecklicher Antisemitismus, die Fenster der Synagoge sind schoii längst zertrümmert, das Dach ist sehr beschädigt, vor einigen Tagen wurde die llukenkreuzfnhne auf das Dach aufgesteckt." Blitzartig, schreit)! Birnbaum, erhellt dieser Bericht die Lage, leigt er, wohin einstmals blühende Gemeinden steuern. Der Verfasser berichtet über die Hilfe, die der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden den Mitte!- und Kleingenieinden angedeihen läßt, und illustriert diese Hilfe an folgendem Beispiel: Während noch 1908 in der Provinz Pommern von insgesamt 47 Gemeinden 36 einen eigenen Religionslehrer und Kantor und sechs Gemeinden einen Rabbiner halten, waren — als der Landesverband mit seiner Arbeit einsetzte — nur noch zehn Gemeinden mit eigenein Kultusbeamten und drei Rabbinergemeinden vorhanden. In der gleichen Zeit war die Seelenzahl von insgesamt 9000 auf 6050 zurückgegangen. Trotzdem gelang es dein Landesverband, dafür zu sorgen, daß in den 28 lehrer- und rabbinerlosen Gemeinden dieser Provinz jedes jüdische Kind ausreichenden Religionsunterricht erhalten konnte, und daß von den noch tätigen Rabbinern in fast allen Gemeinden Veranstaltungen (Gottesdienste mit Predigt, Gemeindeversammlung, Vortrag) abgehalten wurden. In ähnlicher Weise lagen und entwickelten sich die Dinge in fast allen Provinzen. Im Regierungsbezirk Kassel, in der Provinz Hannover, in Westfalen und der Kbeinprovinz wurde besondere Aufmerksamkeit der Erhaltung des jüdischen Volksschulwesens geschenkt. Auch hier fand der Landesverband allerdings nur einen Torso des Gewesenen vor: gegenüber nahezu 250 öffentlichen jüdischen Volksschulen in Preußen zu Beginn des Jahrhunderts bestanden nur noch rund 95 solcher Schulen. Die wirtschaftlichen und politischen Geschehnisse der letzten zwei Jahre, fährt Birnbaum fort, haben die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Klein- und Mittelgemeinden im Sinne der Selbsterhaltung vernichtet. Schon 1929 zeigten sich die Anzeichen des unheilvollen Umschwünge. Sie äußerten sich am deutlichsten bei der Verteilung der Staatsmittel durch den Landesverband. Der Verband bemühte sich, durch die gewährten Zuschüsse eine möglichst gleichmäßige Entlastung der Gemeinden herbeizuführen. Als diese Entlastungsgrenze konnte er im Jahre 1928 noch 80% der Einkommensteuer festsetzen. 1929 mußte der Satz auf 35% hinaufgesetzt werden. 1930 verschärfte sieh die krisenhafte Entwicklung. Zahlreiche Gemeinden, die bislang auf eine Unterstützung nicht angewiesen waren, wurden bedürftig. Die Lage der schon früher bedachten Gemeinden verschlechterte sich katastrophal. Beamte wurden gekündigt oder in ihren ohnehin knappen Bezügen empfindlich gekürzt, Beiträge an Wohlfahrlsinstitutionen wurden gestrichen, die Regierungen strebten auf eine Auflösung jüdischer Volksschulen mit geringer SchUlerzahl hin, die Gemeinden, in denen die Volksschullehrer zugleich als Kultusbeamte tätig waren. - verwaisten. Von insgesamt rund 700 dem I^andesverliand angeschlossenen Synagogengemeinden waren im Jahre 1930 280 Gemeinden mit mehr als 40% der Einkommensteuer belastet: zahlreiche Gemeinden sogar mit 100%, 150% und über 150%. In dieser Verfassung traten die kleinen und mittleren Gemeinden in das Jahr 1931 ein. in das Jahr der Notverordnungen, Bankensperre und Rirsenkonkurse. Billige Stichproben: Eine Rabbinergemeinde im gefährdeten Qrenalend von über <i00 jüdischen Seelen hat einen Rückgang der Einkommentteuer von 181 000 Mark auf 122 000 Mark zu verzeichnen, eine andere von 87 000 Mark auf 88 000 Mark, eine Mittelgemeinde von 82000 Mark auf 18000 Mark. Zwei Rahbinergemeinden, nicht allzuweit von Berlin: die eine, 500 jüdische Seelen, hat einen Rückgang der Einkommensteuer von 84 IHK! Mark auf 44 500 Mark: die arider -. c;<7 einet imfang»*iehen BestrkarabbiMla, über 000 jüdische Seelen, sieht sich einem hleueiicirwVMPgtigenQber, dWUMBuVie letzten drei Jahre wie folgt verläuft: 127 000 Mark, 87000 Mark, 39000 Mark. Eine Kleingemeinde der Grenzmark, heute 105 Seelen, vor einem Jahrhundert noch 850 Seelen, kann ihre Lehrerstelle nicht mehr erhalten: die Steuerkraft ist von 9400 Mark auf 3000 Mark gesunken. Die Synagoge wird veröden, die Gemeinde verfallen. Eine Jahrhunderte alte Kehillah weniger! Die Fälle lassen sich um Dutzende vermehren. Der Vertater gibt einige Beispiele auch für den Westen, die zeigen, daß sich die Stcuerkraft auf die Hälfte, teilweise fast auf ein Drittel, verringert hat. Man kann nicht daran zweifeln, daß der drohende Zusammenbruch von Hunderten alter, traditionsreicher Gemeinden unaufhaltbar ist, — es sei denn, daß etwas ganz Außerordentliches, voraussetzungslos Großzügiges geschehe! Mit dein Fortfall des Religionsunterrichts und der Gemeindeeinrichtungen gehen die Menschen rettungslos dem Judentum verloren. Noch Immer waren die Dörfer und kleinen Städte die Bevölkerungsreservoire gegenüber den vernichtenden Wirkungen der Großstädte. Mit dem Zusammenbruch der Provinzgemeinden würde die preußische Judenheil ihre endgütige und restlose Auslieferung an den Mechanismus der großstädtischen bevölkerungspolitischen Entwicklungttendenien besiegeln. Es geht also, schließt Birnbaum, nicht um die Aufrechterhaltung einiger Provinzgemeinden, es geht um den Bestand des Judentums in Preußen! Sofortige durchgreifende Maßnahmen sind unerläßlich. Unsere Gemeinde Israelitischer Wohltätigkeit*verein. Das ('hanukka-Komitee des Isr. Wohltätigkeitsvereins zu Leipzig dankt allen denen, die zur Chanukka- Beschenkung im Kinderhort und in der Altersversorgung in Anbetracht der schweren Zeiten Geschenke und Barspenden gestiftet haben, aufs herzlichste für ihre große Güte. — Am Montag, dem 7. Dezember, von nachmittags 3 Uhr au, und am Dienstag, dem 8. Dezember, von 9 Uhr früh an. sind die Geschenke für die Hortkinder im Kinderhort Nordstr. 15 I zur Besichtigung ausgelegt. Der Vorstand würde sich sehr freuen, wenn recht viele Freunde der Wobltätigkeitsanstnlten sich diese Geschenke ansehen wollten. Anitta Müller-Cohen. Die erste Novemberwoebe stand für einen großen Kreis jüdischer Krauen und für die natioualjUdisrhe Jugend im Zeichen von Frau Anitta Müller-Cohen. Als günstiges und schönes Symbol wurde es bezeichnet, daß sie als erste in der Vortragsgemeinschaft der Leipziger Judischen Frauenverbände sprechen konnte, einer Gemeinschaft, welche nach der Interpretierung von F'rau Müller- Cohen die einzelnen Gruppen verbindet, ohne sie zu binden. Es waren sie besonders bewegende Gedanken, denen sie in ihrem Vortrag „Zweifel und Zuversicht" Ausdruck gab. Sie sagte viel Schönes und Wahres Uber all das Große und Kleine, das uns alle im Judentum verbindet, sie rief mit Macht jeden Funken jüdischen Emplindens wach, der in den Herzen schlummert, und versuchte, ihn mit der Kraft ihres judischen Pathos zur Flamme anzufachen, die das jüdische Haus erwärmen und erleuchten soll. Sie sprach von der großen Bedeutung der jüdischen Erziehung und damit für die Zukunft des Judentums, und sprach so warm davon, daß sie den Gedanken jüdischer Erneuerung in vielen Herzen neu verwurzelte. Am nächsten Abend sprach sie dann in einer internen Veranstaltung des Verbandes Jüdischer F'rauen für Palästinaarbeit über „Die jüdische Frau in Palästina und in der Galut h". —- Ein dritter Abend war der national jüdischen Jugend mit dem Thema „G e w o 111 e s und Erreichtes in sozialer Arbeit" gewidmet, wobei sie aus der reichen Fülle ihrer Tätigkeit und ihrer Pläne sowie ihrer vielen Erlebnisse mit vollen Händen spendete. — Es ist im Rahmen eines kurzen Berichtes auch nicht annähernd möglich, den reichen Inhalt der Reden von Anitta Müller-Cohen wiederzugeben. Die Wirkung ihrer Reden liegt auch nicht nur in dem Inhalt ihrer Worte als vielmehr in der Art, wie sie sie vorträgt, in der Art, aus der man fühlt, daß sie vom Herzen zum Herzen geben will, in der Wärme ihrer Erlebnisfähigkeit, die den Hörer in sofortigen Kontakt mit ihr bringt. Die Vereine, in denen Frau Anitta Müller-Cohen gesprochen hat, widmen ihr lebhaften Dank für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit und ihr liebevolles Eingehen auf die sie beschäftigenden Probleme. Konstituierung eines Srhul-Aussrhusses. In letzter Zeit mehren sich die Fälle, in denen Schüler und Schülerinnen aller Schulgattungen sich in der Schule durch Mitschüler oder durch Lehrer beleidigt oder auch benachteiligt fühlen. Nicht selten stellt sich bei näherer Prüfung heraus, daß hierbei eine falsche Empfindlichkeit einen harmlosen Anlaß in fudenfeindliehem Sinne gedeutet hat. In arideren Fallen hatten die betreffenden Schöler durch ein unangebrachte! Ver-

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