Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 UEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 47 Dunkel über der Zukunft der Deutschen Juden Der Central-Vert'in deutscher Staatsbüryor jüdischen Glaubens hat »Iii' Vertreter der jüdischen Tresse zu einer Ausspruche eingeladen aus der Erkenntnii heraus, dafl die jüdische Oeffentlichkelt ein Recht hat zu erfahren, in welcher Weise der Ceulral-Vereln im Interesse der Gesamtheit der deutschen .luden gearbeitet und seine schwere Aufgabe zu erfüllen versucht hat. Die Aussprache wurde von Dr, Alfred Wiener geleitet, der zusammen mit Dr. Hans Reichiii a n m über das Thema „Der C.V. im Kampf gegen den Judenhaß" n lri irrte. Dr. Hans Lazarus berichtete über die Kcchtsschutzarbeit des C'.Y.: Dr. Alfred II i r s c h b e r g sprach über die Zustände im Relebe, Ks kamen auch Mitglieder des Haupt Vorstandes des C.V. zu Worte. Der Niederschlag dieser Aussprache war der. dafl die Zukunft des deutschen Judentums angesichts der gegenwärtig vor sich gehenden Entwicklung zwar noch im Dunkeln liege, daß aber kein Anlaß sei zu v e r I w e i f e 1 u; die Aufklärungsarbeit, die auch in dieser erbarmungslosen Zeit erfreuliche Resultate erzielt, wird in verstärktem Mat.ie fortgesetzt. Das deutsche Judentum, in unentwegter Treue zur Heimat, von reinem Wollen beseelt, gibt den Kampf, der auch ein Kampf um Deutschland ist, nicht auf und wird sich nicht niederringen lassen. Man erhielt im Verlauf der Aussprache Aufklärung über den Umfang der Uechtsschutzarbeit des CA'., die nicht nur den Mitgliedern des C.V. zugute kommt, sondern auch im Interesse der Gesamtheit geführt wird. In Angelegenheiten der Religionabeacbimpfung, der Gotteslästerung und der Kollektivbeleidigung versagen leider die Gerichte, weil sich der Richter meist an den Gesetzestext klammert, der keine ausreichende Handhabe bietet. In der diesbezüglichen Jurisdiktion des Beichsgorichts ist sogar ein Rückschritt zu verzeichnen. Die Notverordnungen brachten keine Besserung. Die Rechtssachverständigen dea C.V. bearbeiten diesen Fragenkomplex; eine Denkschrift zum neuen Strafgeselzentwurf wurde den kompetenten Stellen übergeben. In der Frage der Ablehnung jüdischer Richter nimmt das Reichsgericht eine günstigere Stellung ein, indem es auch in Prozessen gegen Nationalsozialisten eine Befangenheit des jüdischen Richters nicht annimmt. Leider steht die Praxis mancher Gerichte im Gegensatz zu dieser höchstgerichtlicheu Auffassung. Auch gibt es gegen solche Entscheidungen einzelner Gerichte keine Appellation. Den Gerichten wurde aber der Standpunkt des Reichsgerichts in Erinnerung gerufen. El kommt vor, daß Jüdische Richter ein Martyrium auszustehen haben, indem sie von ihren nichtjüdischen Richterkoliegeu verfolgt werden. Wichtig bei der Verfolgung von Pressedelikten ist, daß Drucker und Verleger für Schäden, die durch Pressehetze entstehen, haftbar gemacht werden können. Das Zivilrecht schützt den Verfolgten besser. Reim Boykott von jüdiichen Aersten, Warenhäusern. Rechtsanwälten usw. nehmen die Gerichte eine günstige Stellung ein. Hier hat der Rechtsschutz des ('.V. juristisches Neuland betreten, auf dem er große Erfolge erzielt bat. Der C.V. bat eine Sammlung von Gerichtsentscheidungen betreffend Roykott herausgegeben, die eine gute Handhabe für ein weiteres Arbeiten auf diesem Gebiete gibt. Ein furchtbares Erlebnis auf dem Rechtsschutzgehiete war der sogenannte ..Nürnberger TalinudprozeU", in welchem der Redakteur des .Stürmer". Holz, der die jüdische Religion. Talmud und Schulchnn aruch in der unflätigsten Weise beschimpft hat, freigesprochen wurde. Der Antisemit Dr. Rischof durfte als Sachverständiger unglaubliche Behauptungen über den Inhalt von Talmud und .Schulchan aruch auf stellen, wiche das (iericht zur (irundlage für sein Urteil und dessen Begründung nahm, während Kahhiner Dr. Eschellmcher wegen seiner Zugehörigkeit zum C.V. als Sachverständiger abgelehnt und nur als Zeuge vernommen wurde, wobei er in seinen Aussagen behindert war. Auch der neutrale Sachverständige Dr. (ioetsberger war infolge der Nürnberger rerroratmosphlre in seinen Aussagen unfrei. Ueherhaupt lehnen es jetzt nichtjüdische Gelehrte ab, in Religionsprozessen ein Sachveratindigenaml zu übernehmen, aus Furcht, es könnte sie ihre amtliche und gesellschaftliche Stellung kosten. Der Fall Dehn in Halle sagt genug. Der Kampf gegen die Schächtverbotspropaganda wird ungeschwacht weitergeführt. Lieber die Aufklärungsarbeit des C.V. erfuhr man unter anderem, dafl die < V. Monatschrift an (HHMM) Nichtjuden. z.H. an Hochschullehrer, Geistliche, Lehrer u. B. in. versandt wird: die Wirkung ist Spürbar. Es wird eine mühevolle Arbeit im Ringen von Mensch zu Mensch geleistet, große Kreise sind gegen das antisemitische <• ifl immun gemacht worden. Der Kampf w ird nicht nur zur Abwehr antisemitischer Angriffe, sondern auch zur Verhinderung der inneren Zermürbung des Judentums geführt. Mau erhielt in der Aussprache Aufschluß über Umfang, Ideologie und Taktik der nationalsozialistischen Bewegung, Mögen auch die Mitteilungen der nationalsozialistischen Presse über die Mitgliedenahl der Partei und die der SA. übertrieben sein, so wäre es doch falsch, von Zersetzungserscheinungen zu sprechen. Hitler strebt nach Macht, weil er Taten sehen lassen muß. Seinen l.egalitätsbeteuerungeu könne man bis zu einem gewissen Grade Glauben schenken. Denn wenn die Partei in der Regierung sitzt, eröffnen sich ihr ja legale Möglichkeiten zur Verwirklichung ihrer Ziele. Diesem Wollen werden in der Linie des Willens und der Interessen der anderen Parteien und Volksschichten (1 lenzen gezogen werden; wie weil die Partei sich in ihren ant.jüdischen Zielen wird Qranien ziehen lassen, bleibe der Zukunft vorbehalten. Iiis jetzt bewegte sich die antisemitische Agitation der NSDAP, wellenartig. Als Hitler sich der Auslandspresse empfehlen zu müssen glaubte, zog er den Diplomateiirock au und die Tagesparole lautete: über die Judenfrage ist zu schweigen. Jetzt, wo die Parteileitung die Koalition mit den Bürgerparteien zwecks Ergreifung der Macht anstrebt, ist merkwürdigerweise eine solche Weisung nicht gegeben worden. Im Gegenteil: der Antisemitismus wird angekurbelt. Es wäre übereilt, anzunehmen, daß durch die bekannten Erklärungen des Reichskanzlers Brüning und anderer Zentrumsführer der Gedanke der Koalition begraben ist. Die Koalitionsgespräche sind nur vertagt und werden wieder anfangen, wenn sich die Rasis der Regierung, etwa durch Zerbrdckelung der Wirtschaftspartei, noch weiter verschmälert. Es gibt Zentrumspolitiker. die meinen, in einer solchen Koalition würden die jüdischen Interessen gewahrt. Mag dem sein, wie es wolle: Es gilt die politische Widerstnndsfront zu stärken, und der C.V. reiht sich in diese Front ein. Die Parteien, die früher trotz der Warnungen des C.V. die Hitler-Bewegung nicht sehr ernst nahmen, sehen jetzt ihren Irrtum ein. Täglich und stündlich treten an den C.V. neue Aufgaben heran. Eine Gefahr besteht darin, daß die Parteimassen sich von der Machtergreifung durch Hitler Wunder versprechen und die Parteileitung glauben wird, daß eine Verwirklichung ihres antisemitischen Programms in der Linie des geringsten Widerstands liegt. Auch sind Entladungen im Ueberschwang des Machtgefühls durchaus möglich. Der Widerstand wird in Würde geschehen müssen. Dies gilt auch für die Möglichkeit, das Judentum auf dem Gesetzeswege bedrängen zu wollen. Man erhielt einen tiefereu Einblick in die politische Tätigkeit des C.V., in das ungeheure Archiv, die Arbeit des Philo-Verlages usw. Die politische Arbeit des C.V. beschränkt sich nicht auf die Bekämpfung des Antisemitismus, sondern sie wirkt sich positiv aus in der Schaffung einer „Front der Anständigen". Auch das Programm dieses Winters sieht eine umfangreiche Tätigkeit durch das gesprochene Wort vor. Zum Schlüsse richtete der Vorsitzende des C.V., Justizrat Dr. Julius Broda Iii, einen Appell an die Presse, durch ihre Arbeit dahin zu wirken, daß die Nervosität nicht erhöht, sondern gemeistert wird. Der Jude wird auch diese grausame Zeit überstehen, wenn er ruhige Würde bewahrt. Ks ist dies eine Schicksalsfrage des Judentums. Jüdische Verbände und Gemeinden Auflösung der Baronin v. ('ohn-Oppcuheiin-Kassr. Ein deutliches /.eichen für den Umschwung der Verhältnisse ist der jüngst beim Anhalt!- sehen Staatsmiiiisterium gestellte Antrag auf Genehmigung des Beschlusses, nach dem die Baronin v. Cohn-Oppenheim-Kassc für die Anhaltischen israelitischen Kultusbeomten aufgelost und das noch bestehende Vermögen in die Baronin v. Cohn-Qppenheim-Stiftung der israelitischen Kultusgemeinde zu Dessau übergeleitet wird. Als die Kusse, hauptsächlich mit Mitteln der nach dein Tode der Baronin v. Cohn-Oppenheim im Jahre 1!to:t errichteten Stiftung, begründet wurde, hatte sie für die Anhaltischen israelitischen Kultusbeamten eine wichtige Aufgabe übernommen; noch heute betragen die Leistungen, die eigentlich die Kasse zu erfüllen hätte, jährlich für ausgeschiedene Mitglieder 4.VMI Mark, für Witwen ausgeschiedener Mitglieder (I7H0 Mark. Da das Vermögen der Kasse auf ein Neuntel seines früheren Bestandes susammengeschmolaen ist. der an die Kasse von der Baronin v. Cohn-Oppenheim-Stittung bestimmungsgemäß zu leistende Beitrag heute nur <HH> Mark betragen würde, ist die Kasse nicht mehr leistungsfähig geblieben. Ks kommt hinzu, daß