Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SL avvh ©emcitiö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemeindeblatt erscheint |eden Freitag und wird den Mitgliedern der Keilglonsgemeinde unentgeltlich durdi die Post zugestellt - Schriftleitung: Gemclnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrst raße 10 NUMMER 47 / JAHRGANG 7 FREITAG 20» NOVEMBER Anzclgcnvcrwaltung und Druck: Buchdrudti'rcl August Pries, Leipzig, BrOderstr. 59 - Fernrul 700 06 - Postscheck Leipzig 53920 - Nadidrudt nur mit Quellenangabc und mit Genehmigung des Verfassen gestattet Hundertfünfzig Jahre Gewandhaus Von Dr. Sali; R a b i n ow i t z. A in 26. November feiert das Leipziger Gewandhaus den Tag seines ZA löOjthrigen Bestehens. Die Bedeutung dieses Taues liegt wen!- A. iL "'er darin, daß die runde Zahl der Jahre dem ehrwürdigen, in Weltgeltung und Bestand fest verankerten Institut Anla!) zu einem feierlich betonten Abschnitt gibt, sondern es illustriert am besten das Verbindende und (iemeinschaftsliildende wahrer Kunst, daß, dieses Jubiläum eine große Schar von Lebenden mit Freude und Stolz, erfüllt, dafi es in Tausenden von Herzen kostbares Erinnerungsgui wach werden läßt an Weihestunden, die den Alltag versinken ließen, und dafi für jeden .einzelnen dieser Gemeinde der Geburtstag des Gewandhauses Anlaß ist. sich selbst zu beglückwünschen, dafür, daß es ein Gewandhaus gibt. Treue Hut der Tradition ist eine der Säulen, auf denen das jüdische Sittengesets ruht. Das kunstsinnige jüdische Publikum unserer Stadt kann darum mit besonderem Verständnis die ethische Kraft des Traditionellen würdigen, das sich im Begriff „Gewandhaus" verkörpert. Kin Spruch des allen Seilern ziert den Giebel des Konzertgebäudes: „Reg Bevern verum gaudium". gemeinhin übersetzt: Eine ernste Sache ist eine wahre Freude; er hat bei Generationen höherer Schüler tiefe Aufsatsweisheil entfesselt. Mir aber will die landläufige Lieberselzung dieser Worte allzu hillig erscheinen: die Deutung „Wahre Freude bereiten zu wollen, ist ein ernsthaft Ding" ist als Leitspruch fürs Gewandhaus viel zutreffender. Mit einer Unbeirrtheil und einem sittlichen Ernst haben die Männer, die die Geschicke des Institutes leiteten und leiten, an diesem Motto (estgehalten, haben den Tempel gehütet nicht nur in den Zeiten satter Sicherheit, sondern ihn umhegt und gefriedet gegen Krlegsgeanhrei und innere Wirren, die so Vieles an Kulturgut vernichtet haben. Mag auch eine oft berechtigte Kritik zuzeiten dem <iewandhaus das starre Festhalten au dieser Tradition vorgeworfen halten, mag sie festgestellt haben, daß es zu einer nicht mehr zeitgemäßen Exklusivität neigte, oder daß die Programmgestaltung gelegentlich «■ine zögernde Zurückhaltung gegenüber neuer Musik verriet — diese Beanstandungen Schrumpfen zu einem Nichts zusammen gegenüber der gewalligen Summe an positiven Werten, die das Institut schallt, indem es jeden Winter eine Auslese von Meisterwerken der schönsten und erhebendsten Kunst in vollendeter Wiedergabe einem großen Kreise zugänglich macht So erleben wir. daß in einer Zeit, in der Pessimismus und minier Fatalismus schwer auf den Seelen lastet, in unserer Mille Monsalval. die klingende Burg steht, darin der heilige Gral der Musik jedem, der ihm naht, neue Kraft und hohe Weihe gibt. Und so erleben wir jeden Donnerstag mit neuer Freude, welch überwältigenden Widerhall der Aufruf der Kontert* direktion, das Institut in diesen abgleitenden Zeiten nicht fallen zu lassen, hatte, wie trotz mißlicher Gegenwart wieder Tausende hingegebener Hörer den schönen Saal füllen, und wir sind stolz darauf, auch daran teilzuhaben. Für ein jüdisches Blatt liegl die Versuchung die große Schar der Künstler. Komponisten sowohl als Ausführende, die im Laufe der Dezennien im Gewandhaus zu Gehör gekommen sind, auf ihre Zugehörigkeit zu jüdischem Stamme zu mustern. Alter wir wollen dieser Versuchung widerstehen, aus der Erkenntnis heraus, dafi eine derartige Autstellung nicht das geringste mit Kunst und Kunstwerk zu tun hat. Ks liegt uns fern, eine Anzahl von schaffenden und nachschatfenden Künstlern, die eine spielerische Statistik aus einer Gruppe herauszieht, etwa ..für uns" zu reklamieren. Die Kunst ist interkonfessionell; und daß seit den Tauen der Emanzipation in den Künsten und Wissenschaften die Juden gleichberechtigt und gleichwertig in den Fronten stehen, ist eine Tatsache, die hetzerischer Rassenhaß vergeblich zu verkleinern sucht. Aber das Gewandhaus hat noch keinem Komponisten oder Künstler, dem es Heimrechl bot. die Frage vorgelegt: Wie hältst du's mit der Religion'.', und ein garstig, ein politisch Lied ist nie auf seinem Podium erklungen. Wir haben also keine Veranlassung. Beziehungen konstruieren zu wollen, die in Wirklichkeit nicht bestellen. Wohl aber soll an dieser Stelle mit Stolz und Freude der tätige Anteil unserer Glaubensgenossen am Gewandhaus erwähnt werden. In vielen jüdischen Häusern ist das Gewandhausanrechl werlvoller Besitz, der sich von den Eltern auf die Kinder vererbt. Und unter den hochherzigen Stiftern, die durch namhafte Zuwendungen ihrer Liebe zum Institut Ausdruck gaben, fehlen die jüdischen Bürger nicht. Auf den Tafeln, die die Wandelgänge rechts und links vom großen Saal schmücken und auf denen die Stifter verzeichne! sind, linden wir u.a. die folgenden Namen: Otto Goldschmidt, Heinr. Gustav Halberslailt, Ludwig Hersberg, Luise Hirsch gel» Wittgenstein. Hermann Aron Meyer, Ignaz Moscheies. Hermann Samson. Sigismund Thalberg, Amalie Wolf. Namen, die zum Teil auch in der Geschichte der Leipziger jüdischen Gemeinde auf den Tafeln der Ehre stehen, lind dafi unsere Generation, die Alten wie die Jungen, daß wir Lebenden, aus deren Heimatstadt die künstlerische und gesellschaftliche Bedeutung des Gewandhauses nicht wegzudenken ist. w issen, was wir au ihm haben, bedarf keiner besonderen Versicherung. In diesem Sinne grüßen und beglückwünschen wir «las jubilierende Institut. Wir haben erlebt, wie unser Gewandhaus unter dem unvergessenen Artur Nikisch ZU Weltruhm gelaugte, wir wissen es in den Händen Bruno Wallers, dieses wundervollen Künstlers und Menschen, in guter treuer Hut. Wir lieben es und danken ihm, weil es uns erhebt und uns „verum gaudium", wahre Freuden, schenkt, und wir sagen ihm Qlückaul zu gutem Werk bis ans Ende der Zeiten, im Sinne allumschlingeuder und verklärender Kunst und wahrer Humanität. An Künstlerperaönlichkeiten jüdischer Abstammung, die mit ihrer Kunst dem Gewandhaus gedient haben, seien unter anderem genannt: Felix Mcndelssohn-Bartholdy (Gewandhaus-Kapellmeister). Kerdinand Hilter (Gewandhaus-Kapellmeister). Ferdinand David (Geiger, Konzertmeister am Qcwandlitns). Joseph Joachim (Qelgcr, Konzertmeister Gerrandhnw). Carl Davidow (Cellist, BoloceUlsl am Gewandhaus).