Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 46 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQI0NSQEME1NDE ZU LEIPZIG NUMITIHT 46 andere Bedeutung gehabt haben, all «Ii«' noch heute bei den Nicht- Juden testgehaltene Sitte aus uralter Zeit: Der Lärm des Feslgelages lockt unvermeidlich die Qotthelt herbei. Erkennt diese nun, daß das, was sie hört, der Jubel der Fröhlichen ist, dann erwacht ihr Neid und sie ruht nicht früher, als bis sich „die Freude in Leid verwandelt" hat (Nibelungenlied). Mischt sich aber in den Festtrubel das Klirren zerbrochenen Geschirrs, dann glaubt der unsichtbare Lauscher, dafi die Ereignisse einen katastrophalen Verlauf nehmen, und dafi sie, die Gottheit, sich nicht erst bemühen müsse, um ein Unglück herbeizuführen. Sie zieht also befriedigt wieder ab, das (ilück des Brautpaares nicht weiter bedrohend. Die Gedankenkelle, die den Brauch einst aufkommen lieft, ist bei den .luden vergessen und hat einen Wandel zu einem jüdischen Symbol erfahren. In der Bewahrung solcher Bräuche auch be.i tief religiös empfindenden Menschen liegt ein Beweis, wie tief in der menschlichen Seele die pessimistische Auffassung vom Weltgeschehen verwurzelt ist. Das ist frühzeitig als Uebel erkannt worden und schon die Bibel hat den höchst interessanten Versuch gemacht, der Krankheit mit demselben Mittel an den Leib zu rücken, dessen sich heute die psychoanalytische Heilmethode bedient. Diese Heilmethode besteht in der Erkennung der das Unterbewußtsein vergiftenden Müchte und deren Hervorzerrung ins helle Licht des Tages. Das biblische Produkt dieses Versuchs ist das Buch Hiob. in dem es zu einer offenen Aussprache zwischen dem bösen Geist, der Unschuldige leiden läßt. und dem gerechten Gott Israels kommt. Diese beiden Repräsentanten extremer, einander sonst ausschließender religiös-sittlicher Vorstellungen treten in dem merkwürdigen Buche als gleichberechtigte Partner auf. Das Problem, das hier tiefsinnig zur Diskussion gestellt wird, ist dasselbe wie das, das heute noch den Bekämpfer des Aberglaubens beschäftigt, nämlich die Frage, wie trotz der unleugbaren Beobachtung, die das reale Leben immer wieder bietet: daß auch der Gerechte und Fromme von Leid und Unglück heimgesucht wird, doch die optimistische Gottesauffassung zum Siege geführt werden kann. Das Buch Hiob löst dieses Problem leider nur theoretisch. Wie es in der Praxis des jüdischen Lebens heute noch aussieht, beleuchten die früher angeführten Gebräuche, vor allem die Beschwörungsformel „Unberufen!" gegen den „Neid der Götter" und in der ostjüdischen Furcht vor dem „bösen Blick". Dieser dem jüdischen Glauben wesensfremde Pessimismus kann nur bek3r.ipft werden, indem man die Geister immer wieder zu den klaren Quellen unseres Glaubens zurückführt. Der Glaubensborn des Judentums ist der Optimismus, der die Erlösung der Welt vom Uebel durch die sieghafte Moral erhofft. In dieser Religion hat der pessimistische Glaube an neidische und böswillige Gestalter unseres Schicksals keinen Platz. Er ist ein zersetzendes Element im Seelenleben der Menschheit, die nur in der Zuversicht auf das Walten eines sittlichen Prinzips ihren Halt findet. Einen Halt, dessen die heutige Generation dringender bedarf, als je eine zuvor. Sächsische Gemeinden Plauen i. V. Q emeinde ra t s i tsung v o in 29. Oktober 1931. Der Vorsteher eröffnet die Sitzung, und teilt mit, daß der langjährige Gemeindeverordnete Herr Markus Pohorylea sein Amt niedergelegt hat. Kr würdigte die von diesem angegebenen Gründe und sprach ihm für die verdienstvolle Tätigkeit um das Gemeindewohl den herzlichsten Dank aus. An seine Stelle tritt satzungsgemäß der bisherige Stellvertreter Herr Adolf Langgut. — Sodann gab der Vorsitzende die Richtlinien für die Winterhilfe bekannt, gemäß einer Anweisung der Zentralwnhlfahrtsstelle der Deutschen .luden. Die von der hiesigen Gemeinde der allgemeinen Winterhilfe Plauen zufließenden Beträge sollen zur Speisung von Arbeitslosen verwendet werden. Als Vertreter der Gemeinde in der Städtischen Nothille soll auch weiterhin Herr S. Wolfsberg fungieren. — Für Anfang kommenden .Jahres ist Herr Rabbiner Dr. Emil Bernhard- Cohn gebeten worden, im Rahmen unserer liberalen Gemeindeveranstaltung einen Vortrag zu halten. — Der Vorsitzende verlas sodann eine Ministerial-Verfügung, wonach es den sächsischen Rabbinern bis auf weiteres auf Grund von Vorstellungen der Tschechoslowakischen Regierung beim Auswärtigen Amt in Berlin untersagt wird, die tschecho-slowakischen Rabbiner anzuweisen, Trauungen von in Sachsen wohnhaften Brautpaaren vorzunehmen. Trauungen solcher Art sind in Zukunft nur noch gültig, wenn das betreffende Brautpaar tatsächlich auch innerhalb der vom tschechischen Gesetz vorgesehenen Frist seinen effektiven Wohnsitz in der Stadt nimmt, in der die Trauung stattfindet. — Satzungsgemäß scheiden mit Ende d. Ja, sieben Herren, darunter der Geineindevorsitzende Rechtsanwalt Dr. Goldberg, aus dem Kollegium aus. Wiederwahl ist zulässig. Die Wahl wird auf den 29. November 1931, von 11 Uhr früh bis 6 Uhr nachmittags, festgesetzt. — Nunmehr kam man zur Hauptsache des Abends: Feststellung des II a u s h a 11 p I a n e s 1982 und des Prozentsatzes der Gemeindesteuer 1932. In vielstündiger außerordentlich ernster und verantwortungsbewußter Rede und Gegenrede nahm der Gemeinden! Kenntnis von der katastrophalen Lage, in ">v< lebe die Gemeinde durch die Entwicklung der Wirtschaftsverhaltnis.se geraten ist. In dem llaushaltplan erscheinen nicht die für die Amortisation und den Zinsendienst des Synagogenbaues aufzubringenden Beträge, weil hierzu ein besonderer Plan nötig ist. der mit den Steuererträgnissen in der Gemeinde in keinerlei Verbindung steht. Die zurückgegangene Einkommensteuer der QemewdemitgUedcr bedingt eine starke Herabsetzung der Ausgabenaeite dea Hauahaltplanba, und to weist die Ausgab^nsejte eine Kürzung von über 20 Prozent aus. Zu diesem Zwecke mußten alle Vereinszuschüsse gestrichen werden, und alle anderen Ausgaben an Qebiltern und sonstigen Kosten wurden stark reduziert. Da uns leider in Sachsen als Steuern für die Jüdische Gemeinde nur die Reichseinkommensteuer zur Verfügung steht, bleibt uns nur die Erhöhung des bisherigen Zuschlages offen. Ein Gesetzentwurf, wonach auch andere Steuern, z. B. Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer usw. in Anspruch genommen werden dürfen, ist bisher vom Landtag noch nicht verabschiedet worden. Nach sehr langer Debatte wurde schließlich dio Erhebung eines Satzes von 28 Prozent zur Reichseinkoinmensteuer gegen 4 Stimmen angenommen. — Schluß der Sitzung 3/,2 Uhr nachts. Unsere Gemeinde Frcudenquelle in schwerer Zeit. Wer eine frohe Stunde verleben mochte, der gehe an einem Wochentag, am besten zwischen 10—1 Uhr, in die Leibnizstraße 30 II. Dort findet er — wenn nicht die letzten Herbstsonnenstrahlen sie in den Garten locken — eine Schar munterer, vergnügter kleiner Kinder, die sichs beim Spiel oder gerade beim Mittagessen, manche vielleicht beim Baden oder unter der Höhensonne, wohl sein lassen. Dort oben in den lustig-bunten, sonnigen Räumen des Israelitischen Kindergartens scheint es wirklich nur Spiel, Freude und Sorglosigkeit zu geben, denn nicht nur einige 70 Kinderchen sind vergnügt, sondern Leiterin, Kindergärtnerinnen, Helferin, ja selbst die Hausangestellte scheinen bei dieser freundlich-dankbaren Aufgabe, die sie hingebungsvoll erfüllen, froh und unbeschwert. Nicht ganz so unbeschwert ist nur der Vorstand! Er sorgt und bangt und .... rechnet: Wie lange noch? Daß dieses Dorado für die Kleinsten unserer werktätigen (oder teilweise erwerbslosen) jüdischen Mitbürger erhalten bleibe, daß es auch in diesem schweren Winter gelinge, alle diese kleinen Mädelrhen und Jungen mit der dringend nötigen Kleidung zu Chanukka zu beschenken, sie weiter mit gutem Essen, mit Lebertran, Höhensonne, ärztlicher Betreuung zu versorgen, das ist Sorge — Wunsch — Bill«' des Vorstands. Jeder komme und sehe selbst. Kr wird dort im Kindergarten Freude emplangen und dann um so lieber Freude spenden. Gaben werden auf Postscheckkonto Nr. 609 93 oder an die Vorstandsmitglieder erbeten. Die Jüdisrhe Volksküche, Leipzig, Moritzstr. 23 Erdg., ist nunmehr am Dienstag, den 10. Nov. eröffnet worden. Die Ausgabe des Essens erfolgt für Abholer in mitgebrachten Gefäßen von 13—Kl Uhr, ab 1 Uhr bis KS Uhr kann dort jeden Tag gegessen werden. Das kräftige Essen, koscher zubereitet, kostet mit Fleisch pro Portion (ca. % Liter) 10 Pfg. Ausstellung und Verkauf von Handarbeiten jiidisrher Fraueu Leipzigs. Die Ausstellung ist von Sonntag, den 15. bis Donnerstag, den 19. November täglich von 16—19 Uhr, ebenso Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag früh von 11—13 Uhr geöffnet. An den Nachmittagen