Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 46 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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h$\ 11 i\w cMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNGB HUMMER 46 / JAHRGAN6 7 Das Gemelndeblatt endleint |eden Freitag und wird drn^MItglledern der Rellgtonagemetnde unentgeltlich (:emeüiderabbuierU(furtaTtCohn, Leipzig, Löhr8traße*Ö | FREITAG II* NOVEMBER lOtl Anzeigen Verwaltung und Druck: Budidruckerel August Fries, Leipzig, BrOdentr. SO - Fernruf 700 06 - Poatsebrek Leipzig 53020 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfaaten gestattet Aberglaube Von Dr. Hugo Spiegler. Der Aberglaube, gleichviel in welchen Formen er sich iiußert, ist im (! runde nichts anderes, als der im Unterbewußtsein weiter dominierende Verdrüngungskomplex äußerlich überwundener und aus dein Bewußtsein des Menschen entschwundener Weltanschauungen. Die Weltanschauung der jungen Menschheit auf der primitivsten Stufe kaum erst erwachender Kultur war begreiflicherweise pessimistisch. Von der Natur nur sehr stiefmütterlich mit physischen Abwehr- und Angriffswaffen ausgerüstet, sah sich homo sapiens in eine Welt des Grauens versetzt, das unbarmherzig von allen Seiten auf ihn einstürmte; zunächst ganz realistisch: in der Gestalt der wilden Tiere. Außerstande, sich deren Angriff zu erwehren, war er schlau darauf bedacht, sie wenigstens in geregelte Formen zu lenken, nach seinem Willen zu rationieren. Dabei half ihm die Beobachtung, daß die Bestien nicht anzugreifen pflegen, wenn sie satt sind. Was lag näher, als der Gedanke, für ihre Sättigung zu sorgen, bevor sie zum Angriff übergingen? Der Mensch beeilte sich daher, ihnen freiwillig Opfer zum Fräße zuzutreiben, bevor sie ihm seitist in der Tobsucht des Hungers gefährlich wurden. Der so entstandene Gebrauch des regelmäßigen Opferns wirkte sich aber nicht bloß nach außen hin in der gewünschten Weise aus, sondern hatte auch im Innern des Menschen Folgen moralischer Natur. Indem der Mensch sich anderen Wesen tributpflichtig machte, erkannte er diese Wesen als höhere, ihm übergeordnete, an. Darauf basiert die göttliche Verehrung, die primitive Naturvölker gerade abscheulichen Bestien zuteil werden lassen (die alten Aegypter den Krokodilen, heute noch Kannibalen den Schlangen usw.). Frühzeitig erkannte der Mensch, daß es außer den höchst sinnfällig wahrnehmbaren Tieren auch noch andere Naturgewalten gab, die sich nur durch ihre Wirkungen bemerkbar machten, sich selbst aber in rätselhaftes Dunkel hüllten. Die Sucht, dieses Dunkel zu ergründen, erhob den menschlichen Blick ins Transzendentale. Dabei bediente mau sich des Analogieschlusses und folgerte aus dem Vorhandensein sichtbarer Bestien auf das von unsichtbaren Gewalten, mit denen man sich Wald und Flur, später auch den Himmel bevölkert dachte. Auch diese feindlichen Mächte suchte man sich durch Opfer vom Leibe zu halten. So entstanden die Naturreligionen. Diese erlebten eine Entwicklung, die mit dem allgemeinen Aufstieg der menschlichen Kultur von den primitivsten zu den höchst durchgeistigten Daseinsformen parallel ging. Aber geblieben ist der pessimistische Grundzug in der Auffassung des Göttlichen. Dämmerte in den Menschen im Laufe der Zeit, besonders seit dem Beginn des Ackerbaus, auch allmählich die Ahnung, daß nicht bloß böse, zerstörende Dämonen, sondern auch freundliche, schöplerisch wirkende Kräfte di:s Weltgeschehen heelnfluewm, die Oberhand behielten doch dii Miditc den L';;!v;l-,~<J"- +Xrl elgeWeT*! (^Nibelungen." rJw Aeut-, sehen Mythos). Und selbst auf der höchsten Stufe, die eine Naturreligiuu erklommen hat, in der hellenischen Mythologie, bleibt die dominierende Charaktereigenschaft der Götter: verderblicher Neid. Ks ist das Verdienst des Judentums, diese Anschauung vom göttlichen Wesen fundamental revolutioniert zu haben. Das Verhältnis der Menschen zur Gottheit sollte nicht mehr Angst vor einem dämonischen Vernichtungswillen bestimmen, sondern Dankbarkeit gegen den Schöpfer. Zwar haften auch diesem Schöpfer noch manche Züge an, die etwas wie Furcht hervorrufen können: er ist ein „strafender Gott"; aber was er bestraft, ist nicht Auflehnung gegen seine subjektive Willkür, sondern gegen das objektive Moralgesetz, dessen Hüter er ist. Der Glaubenshorn der monotheistischen Religionen ist der sittliche Optimismus, der die messianische Erlösung der Welt vom (Jabel durch die sieghafte Moral verkündet und im Triumph des Guten den Sinn des Weltgeschehens erblickt. Aber diesem Optimismus stehen häufig Beobachtungen des täglichen Lebens entgegen: auch der Gerechte und Gute wird von Leiden verfolgt. Und so ist der Pessimismus, der von dem neuen Weltbild aus dem Bewußtsein verdrängt wurde, um so beharrlicher im Unterbewußtsein der scheinbar bekehrten Menschheit haften geblieben. Aus diesem Widerspruch quillt der Aberglaube. Sucht man den Sinn abergläubischer Uebungen zu erfassen, so findet man Gedankengänge, die mit der gleichzeitig vertretenen höheren Religionsanschauung in krassestem Widerspruch stehen. Beispielsweise: Abergläubische speien ein erworbenes Geldstück an. Der Brauch entstammt einer Zeit, in der man der Gottheit neidischen Charakter beimaß; daher wollte man diesen Neid von seinem Schatze ablenken und der Bosheit des Gottes eine falsche Richtung geben. Die Dämonen sollen glauben: „Aha, dem Manne ist es nicht recht, daß er ein Geldstück bekommen hat; er ärgert sich darüber und mißhandelt es. — Gerade erst recht lassen wir ihm noch Geldstücke zukommen und nicht zu knapp." Auf diese Weise hofft der Betreffende, schlauer als die einstigen Besitzer des fluchbeladenen Nibelungenhorts, aus der Tücke der Dämonen sogar noch Vorteil zu ziehen. Gleich widerspruchsvoll handeln auch zahlreiche fromme Juden, die jederzeit bereit sind, die 18 erhabenen Eigenschaften Gottes zu beschwören, und trotzdem, so oft sie von sich oder einem Nahestehennen einen Glücksumsland erzählen, ein fürsorgliches „Unberufen" beifügen. Dazu klopfen sie auf den Tisch: der unsichtbare Lenker der menschlichen Geschicke soll es nicht hören, wenn Gutes berichtet wird. Ks könnte sonst sein Neid erwachen und ihn auf schlechte Gedanken bringen. Auch der Brauch, bei Verlobungen und Hochzeiten Gläser oder Tel- 'er zu zerbrechen, geh. auf all ähnliches Motiv zurück, wenn er auch in opltarcr. Teil eine spezifisch jüüi.-üit- Deutung bekommen hat: auch in der schönsten Freude soll der Zerstörung des Teni[>els gedacht werden. Ursprünglich aber dürfte dieser Brauch keine Ii