Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülüNSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 45 Unter überaus zahlreicher Beteiligung weiter Kreise von Kunst und Gesellschaft wurde der große Meister in einem Ehrenamt) der Jüdischen Gemeinde aul dein Friedhof In Weitiensee beigesetzt. Neben Mitgliedern <les V orstandes und der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde waren Berliner Künstler und Kunstkritiker in großer Zahl erschienen, um von dein toten Meister Alischied zu nehmen Die Natlonal-Galerie hatte ihren Direktor, (leh.-Kat Dr. Ludwig .lusti und den Kustos Dr. Thormneleu, entsandt; der Vorstand der Sezession war mit Eugen Spiro au der Spitze erschienen. Von den Führern der Jüdischen Gemeinde sah man u. a. Direktor Heinrich Stahl, Direktor Georg Kareski, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee und Carl Fuchs. Rabbiner Dr. Joseph Lehmann zeichnete ein Hild von Lesser Ury, dem Menschen und Künstler, dein er nahegestanden hat, er schilderte seine Einsamkeit, seine Verbitterung, die sein Künstlertum noch gestählt habe, und sein künstlerisches Erleben der Bibel. Für den Vorstand der Jüdischen Gemeinde widmete Heinrich Stahl dem verstorbenen Meister Worte höchster Anerkennung und zeichnete den grollen Künstler, Menschen und Juden. Eugen Spiro sprach für die Berliner Sezession, deren Ehrenmitglied Ury war. Er pries Ury8 Kunst als einen Markstein in der Geschichte der modernen deutschen Malerei. Für die Jüdische Volkspartei und die zionistische Bewegung dankte Rechtsanwalt Dr. Klee dein Verstorbenen, dessen gewaltige Gemälde „Jeremias" und „Mose auf dem Nebo" der gegenwärtigen und künftigen jüdischen Jugend ein Symbol des Schmerzes über den Verlust des jüdischen Landes undder Hoffnung auf den Aufbau sei. Er gedachte mit besonderer Wärme der Treue, die der Verklärte dem Ideal eines jüdischen Palästina allzeit entgegengebracht habe. Der liesang ,,1'eber allen Wipfeln ist Rull'*, vom Chore vorgetragen, beschloß die Feier. Arthur Schnitzler Arthur Sehnitsler, der große Dichter, Hauptrepräsentant der modernen deutschen Literatur in Oesterreich, ist am Mittwoch, kdem 21. Oktober, abends, au den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Der Dichter, der sich seit einiger Zeit nicht ganz wohl fühlte, hatte am Mittwoch seinen gewohnten Morgenspasiergang unternommen Um die Mittagszeit kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück, brach al)er an seinem Schreibtisch bewußtlos zusammen. Die herbeigerufenen Aerzte konnten ihn aus der tiefen Bewußtlosigkeit nicht mehr erwecken, um 8,15 Uhr abends trat der Tod ein. Arthur Sehnitsler, der im Mai ISO-.' in Wien geboren wurde, hätte im Mai 1982 seinen 7(1. Geburtstag feiern können. Die literarische Welt rüstete sieb bereits zu dieser F'eier. Das tragische Schicksal Lesser l'rys wiederholte sieh bei Arthur Schnitzler: Auch er stirbt vor Vollendung der Siebzig, und die vorbereiteten festlichen Ehrungen werden zu Trauerfeiern. Arthur Schnitzlers Vater war der bekannte Internist und Professor Johann Schnitzler. Arthur Sehnitsler ergriff zuerst den Beruf seines Vaters, den Beruf des Arztes, der auch in mehreren seiner Werke eine Rolle spielt. Seine ersten literarischen Erfolge errang er mit den vielgespielten Dramen „Anatol", „Liebelei", „Der grüne Kakadu", denen zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Der einsame Weg". „Zwischenspiel", „Das weite Land" folgten. In seinem 1912 herausgekommenen großen Drama „Professor Bernhardi" tiehandelte er das jüdische Problem im alten Oesterreich; das Drama stellt auf Grund eines wahren Geschehnisses den Konflikt eines treidenkenden jüdischen Arztes mit einem katholischen Priester und die anschließende politische Hetze dar. Schon früher, ltKKS, hatte er in seinem großen Roman, „Der Weg ins Freie" die Judenfrage breit erörtert und eine Fülle von Gestalten aus dem Milieu des Wiener jüdischen Bürgertums gezeichnet. Aber auch seine anderen erzählenden Werke zeigen, daß Schnitzlers Eigenart aufs engste verknüpft ist mit seinem Judentum und seinem Wieiiertum. Von seinen Novellen und Humanen sind die bekanntesten „Leutnant Gustl", „Frau Berta Garlau", „Dämmerseelen", „Frau Beate und ihr Sohn", „Dr. Graesler", „Casanovas Heimfahrt", „Fräulein Else", „Spiel im Morgengrauen". Einen Tag vor seinem Ableben erschien im Verlag S. Fischer, Berlin, sein letztes Werk, der Roman „Flucht in die Finsternis". Ein Bruder Arthur Schnitzlers ist der bekannte Wiener Arzt Julius Schnitzler, ao. Professor au der Wiener Universität. Sein Sohn ist Heinrich Sehnitsler, Mitglied de» Staatstheaters in Berlin. Die österreichische und die deutsche Presse gibt in längeren Würdigungen des Dichters der liefen Trauer über das Ableben des repräsentativsten Dichters der „Wiener Schule" Ausdruck, dessen Schaffen noch keine Alterszeieheu anhafteten und von dem noch Werke von QröSe zu erwarten waren. Die Zeitungen heben hervor, daß Arthur Sehnitsler ein Dichter auch im Leben und ein edler Mensch auch in seiner Dichtung war. Die Kunde vom Hinscheiden Schnitslers hat in Wien überall den tiefsten Eindruck erweckt. Die Vorstellungen in allen Wiener Theatern standen am Mittwochabend unter dem Zeichen dieses traurigen Ereignisses. Aus spontanen Kundgebungen der Trauer in allen Kreisen konnte mau ersehen, welch große Verehrung mau dem Dichter und dem Menschen Sehnitsler entgegengebracht hatte. Man plant, in allen Wiener Theatern Gedenkfeiern für Schuitzler zu veranstalten. Georg Engel In seiuer Wohnung in der Bayreuther Straße zu Berlin ist am Montag, dem Iii. Oktober, morgens, der Schriftsteller Georg Engel au einer Lungenlähinung, wenige Tage vor Vollendung seines (iö. Lebensjahres, verstorben. Erst vor wenigen Tagen erschien .sein neuer großer Roman „Das Gerieht", eine Fortsetzung seiner volkstümlichen Romanwerke „Hann Klüth" und „Der Reiter auf dem Regenbogen", Werke, die in mehr als öd Auflagen erschienen sind. Nicht weniger populär wurde sein Seeroinan „Klaus Störtebecker", der Roman „Die verirrte Magd" und die Fi.schernovellen „Die Leute von Moorluke", (iroßeu Bühnenerfolg hatte sein Drama „lieber den Wassern", in dein Agnes Sorma oft gastierte. Georg Engel schrieb auch ein jüdisches Drama „lladassa". Georg Engel, der lK(i(i in Greifswald geboren wurde und bis zuletzt in Berlin gelebt hat, studierte Philosophie und Geschichte und war eine Zeitlang Kritiker am „Berliner Tageblatt". Er war Vorsitzender des Verbandes deutscher Ersähler, Gründer und Vorsitzender des Verbundes des deutschen Schrifttums und seiner Notgemeinschaft. Er hat sich in den letzten Jahren sehr viel um die Linderung der Not der deutschen Schriftsteller durch Veranstaltung von Vorlesungen und durch Heranziehung von Staat und Stadt bemüht. Aus aller Welt Die Schmach der FricdhofsM-häiiduiiKeii in Deutschland l!i2:i lli.il. Die politische und kulturelle Verwilderung der Zeit wird durch ein Dokument beleuchtet, das der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens soeben auf Grand sorgfältigster Unterlagen festgelegt hat: Eine Zusammenstellung der — inzwischen durch neuere hülle schon überholten — 102 Friedhofsschändungeu. Es hat stets als Beweis rohester (iesinnung gegolten, wenn Menschen, die in ihre ewige Ruhe eingegangen und der Mutter Erde zurückgegeben sind, durch Schändung der (iräber in ihrer Ruhe gestört wurden. In IrQheren Jahrhunderten wurde der Friedhotssrhänder nirht selten mit d< in Tode bestraft: so groß war der Abscheu vor solchem Verbrechen. Mit Recht nennt darum der Centralverein die Zusammenstellung der in der Zeit von \\ri:i Ins zum 25. August 1881 registrierten Fälle von böswilliger Schändung jüdischer Friedhöfe „ein Dokument der politischen und kulturellen V e r w Ilderu n gunserer Zeit". Bei der Zusammenstellung blieben alle diejenigen Fälle unberücksichtigt, bei denen Verwüstungen nicht nachweislich aus Judenfeindlichen Gründen vorliegen, bei denen vielmehr auch nur eine Möglichkeit angenommen werden kann, dali die Zerstörung auf die Wirkung von Verwitterung, von Unwetter, oder auch vielleicht auf aus unbedachtem Uebermut Unfug übende Kinder oder Jugendliebe zurückgeführt werden könnte. Nichts berührt vielleicht so erschütternd an dieser Zusammenstellung wie die Tatsache, daß es nur bei einer verhältnismäßig kleinen Zahl der Fälle gelungen ist, die Täter ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen: und am erschütterndsten die Feststellung, daß auch in den Fällen, in denen gerichtliche Strafen verhängt wurden, eine wenig verständliche Milde waltete, die sicherlich nicht dazu angetan ist, vor gleichartigen Verbreche!!, -.tby.•aufrecken, lvs mußte gewiß schwer hallen, in Jedem Falle den Nachweis zu erbringen, welche Kreise für die taten veTnutwörtlich gemacht werden dürfen: in 7 Fällen ist dieser Nachweis