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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-10-10 · 44 (10.10.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
44 (10.10.1931)
Date
1931-10-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DBB ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 44 tonischen Darstellung phantastischer Stidtebauten beschäftigt und woraus sich letxtlicfa das weltanschauliche und im weiteren Sinne sogar polltische Bekenntnis des Autors ergibt, demzufolge jeder Versuch einer erdachten und konstruierten Welt notwendig scheitern muß und n u r dle organis c h e r wa c hsene, aus t«ott hervor« gegangene Welt (trotz des in ihr herrschenden Elends des Krieges, der Armut und der Ungerechtigkeit) moralische Daseinsberechtigung hat. Diese, die reale Welt, ist aber die elnsige, die dem farbenfrohen Künstler in jenem regenbogenforbenen, überirdischen Licht auch einer höheren ästhetischen Schönheit zu erstrahlen vermag und wovon die gottlosen Aestheten, die Nur-Aestheten sich nicht einmal eine entfernte Vorstellung machen könnt 11. In seiner hinreißend temperamentvollen Broschüre „Gläubige Kunst" hat Birnbaum diesen Anschauungen auch polemischen Ausdruck verliehen und laßt sie in einem entschiedeneu Ausspruch gipfeln, der folgendermaßen lautet: „So unwichtig die Kunst an sich auch ist: An (iott sich aufrichtend, vermag sie wichtig zu werden, in Gottes Licht vermag sie Wert zu erlangen: (iott dienend, vermag sie groß zu sein. Dies ist wohl die entschiedenste Absage an jene Kunstrichtung, die im vorigen Jahrhundert unter dem Schlagwort einer „art pour Part" europäische Geltung gewonnen hat: sie widerspricht aber ebenso den modernen Kunstrichtungen des Expressionismus und des Impressionismus. Sie greift vielmehr auf die alttestamentarische Auffassung des Lebens und der Kunst zurück, die alle AeuUetuug des Daseins (iott unterwirft. Man glaube aber nicht, daß dies eine Einschränkung der künstlerischen Bewegungsfreiheit bedeute. Keineswegs, Denn die fie- Ligion ist. wie schon gesagt, kein besonderes Gebiet, dein sich dieser Künstler vielleicht aus bloßer Neigung zugewendet hat. Sie ist vielmehr das Element seiner (iesamtpersönlichkeit, das, bewußt oder Unbewußt, immer und überall als Substrat seiner Schöpfungen zu strahlendem Ausdruck gelangt. Sie ist schlechthin die Bedingung seines Lehens, des Lehens überhaupt. Sie bedingt die Moral, die Politik, die Kunst und das (iesellschaftsleben. So stehen auch alle diese Gebiete in ihrer ganzen Breite, ja die ganze Welt und das gesamte Weltall seinem künstlerischen Bestreben zur Verfügung, und er beute! sie auch, allerdings vom archimedischen Punkt religiösen Wissens, gehörig aus. Da aber Birnbaum überzeugter, gläubiger Jude ist, sehen wir in ihm, nach Jahrtausenden fast, wieder eine Persönlichkeit erstehen, die Kunstwerke bildet, wie ein Bezalel, Poesien schafft wie der königliche Sänger David und die Politik von jenem Standpunkt aus erfaßt, der der Standpunkt unserei großen Propheten war. Damit aber bewirkt er auch eine Neuerung gegenüber den religiös bewußten Massen des jüdischen Volkes der Gegenwart, das sich nur allzu lange damit begnügt hat, passiv religiös zu sein. Denn in Uriel Birnbaum ist eine Persönlichkeit erstanden von unerhört vitaler Krafl und einer ständig bereiten, kämpferischen Aktivität. Während nämlich die religiöse Judenheit bis dahin sich damit begnügt hat. auf „den Messias zu warten" hat Birnbaum die Parole erlassen, derzufolge die Judenheit sich „den Messias erarbeiten" müsse. Eine Kämpfernatur also und eine gottbegnadete Persönlichkeit im buchstäblichen Sinne des Wortes, ist er zweifellos dazu berufen, unserer verworrenen Zeit im allgemeinen, insbesondere aber dem heutigen Judentum, das in zahlreiche Parteiungen gespalten, gegenwärtig ein Bild trauriger Zerrissenheit bietet, die Zauberformel einigender Synthese zu verkünden — im Namen Gottes. Unsere Gemeinde Anitta Müller-Cohen. Scharen jüdischer Flüchtlinge, die durch die Kriegswirren 1!M4 aus ihrer Heimat verlrieben wurden, strömten nach Wien. WO sie ohne Mittel aul fremde Hilfe angewiesen waren. Anitta Müller, damals erst 24 Jahre alt, organisierte das gewaltige Hilfswerk und verschallte die großen Mittel hierzu, indem sie weite Kreise des österreichischen Judentums, der neutralen Länder und Deutschlands dafür zu gewinnen verstand. Sie baute eine großzügige Hilfstätigkeit auf. die eine vereinsmäUige Organisation in der „Sozialen llilfsgemeinschaft Anitta Müller" fand. So groß war ihr persönlicher Anteil an der Arbeit, so sehr war alles, was iieschah. von dieser großen Persönlichkeit abhängig, daß der Verein, wollte er wahr sein, ihren .Namen führen mußte. Anitta Müller ist Jüdin: sie bringt nicht nur aus allgemein menschlichem, aus sozialem Gefühl heraus Hilfe: sie läßt sich von dem Bewußtsein leiten, daß Juden zuerst für Juden zu sorgen haben, da sie nur selten von anderen aktive Hilfe erfahren, und da die Judennol in ihrer spezifischen, soziologischen und kulturellen Struktur das Maß der allgemeinen Not weil übersteigt. Auch für die kulturell,- jüdische Not hat diese vielseitige Krau ein überaus tiefes Verständnis, und es ist kein Zufall, daß der Weltverband Jüdischer Krauen, der Verband, der die Jüdischen Frauenorganisationen aller Parteien und aller Länder umfaßt, sie neben Krau Rebekka Kohut zur zweiten Vorsitzenden gewihll hat. Ihr jüdisch-kulturelles Streben, das sie insbesondere den jüdischen Brsiehungsfragen zuwandte, hat sie jetzt in den Misrachi geführt, wo sie gleichfalls eine leitende Bolle einnimmt. Wir werden die Freude haben, von dem Gedankenreichtum, der Herzens wanne, von dem starken jüdischen Empfinden und Wissen dieser Krau etwas auf uns überströmen zu lassen. Am :t. November veranstaltet die Vortragsgemeinsrhafl der Leipziger IQdischcn Frauenbünde einen Abend, an «lern Krau Anitta Müller- ( oben über ..'/. w e i f e I ii ii d Z Ii v e r s i c h t" sprechen wird, und zu dem auch Herren und Jugendliche willkommen sind. (Näheres siehe Inserat.) Ausstellung und Verkauf ton Handarbeiten jüdischer Krauen Leipii*-. Wie alljährlich veranstaltet der Schwesternbund der Leipzig-Loge auch in diesem Jahre eine II a n d a r b e i t s m esse, die von S o n n - I^ . dem 1". November bis Donnerstag, dem Hl. November, in den Blumen der Leipzig-Loge, Arndtstraße l. stattfindet. Schon Jetzt werden alle GemeindemitgÜeder herzlich gebeten, ihren Bedarf an praktischen und preiswerten Geschenkartikeln für Cbanuckab hier eindecken zu wollen. Es ist dafür Sorge getragen, daß jeder Besucher der Ausstellung etwas Praktisches linden und so zu dem Erfolg des guten Hilfswerkes beitragen kann. Haiispflege, ein neuer Frauenberuf. Die Hauspflege, die von der Ortsgruppe Leipzig des Jüdischen Frauenbundes in Erkenntnis ihrer Notwendigkeit schon seil Monaten ausgeübt ist. wird jetzt allerorten in jüdischen und nicht jüdischen Kreisen ebenfalls propagiert. Damit ist der Beweis gegeben, wie zeitgemäß diese neue Erwerbsquelle ist. Die llauspllege ist für alle die Fülle gedacht, in denen die Hausfrau, durch Krank heil oder Weisen behindert, eine zuverlässige Vertretung braucht. Auch die jüdische llauspllege übernimm! alle vorkommenden Arbeiten: Kochen. Beaufsichtigung der Kinder. Instandhalten der Wohnung, und ist bereit, auch Krankenpflege in solchen Fällen zu übernehmen, in denen eine geprüfte Krankenpflegerin nicht benötig) wird. Kür Hauspflegerinnen sind am besten geeignet Krauen «les Mittelstandes, die gesund und kräflig und hauswirlschafllich erfahren sind, und die vor allem jederzeit über ihre Zeit verfügen können. Die Einrichtung der llauspllege kann sich nur dann zum Nutzen aller Teile auswirken, wenn sie von unseren jüdischen Hausfrauen stark in Anspruch genommen wird, denn nur dann kann sie anderen Krauen zur Erwerbsquelle werden. Andererseits muß eine genügende Zahl von Hauspflegerinnen vorhanden sein, damit bei Bedarf jederzeit eine Auswahl an Kräften zur Verfügung steht. — Meldungen von Krauen, die Hauspflegen übernehmen würden, sowie Aufragen nach ilauspflegerinnen, werden an folgende Anschriften erbeten: Gemeindeamt, Löhrstr. 10, Tel. 21882. Krau Anna Schieß, Luisenslr. 26, Tel. TM (IN. Krau Lenl Emmerich. Fritzschestr, 10. Tel. 12298. Jugend und Gemeinde. Die mit Kurt London. Berlin, vom Jüdischen Jngendbund „Kranz Bosensweig" veranstaltete Versammlung vom 21. Oktober über Jugend und Gemeinde gab Gelegenheit, den Standpunkt der unter Wirtschaftsnol und Antisemitismus leidenden jüdischen Jugend darzulegen. Diese Jugend fordere eine völlige Umgestaltung der jüdischen Kultusgemeinde zu einer lebendigen sozialen Gemeinschaft. Das Wahlrecht müsse geändert werden und auch der Jugend die Möglichkeit der Arbeit in der Gemeinde geben. Nach einer Diskussion, in der Fritz Fraenkel. B. Seiinger und Dr. Lehrfreund sprachen, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: Die zu eioei Versammlung des Jüdisch!'» Jugendbundes „Franz Roscii/.wcig" Leipzig am 21. Oktober 1881 im Saale des Jüdischen Jugendheimes Leipzig anwesenden Jugendbflnde richten nach

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