Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 43 (21.10.1931)
- Date
- 1931-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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29. Oktober 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 *%i:^°Stdff'Suige " « M1tet-1><wtstManJs! Neue Abteilungen: ^V^V9 ***** «tt* v** Aussprache zwischen judischen and christlichen Frauen Uber Antisemitismus Der .Iii dis che Frauenbund, der sieh auf seiner Gesamtvorslandssltaung am 11. Oktober in Leipiig auch mit der Präge der Ii e k ä in p f u n g des A n t i s e m i 1 i s m u s beschäftigte, hatte zu einer internen Aussprache Ober dieses Thema eine Reihe christlicher Frauen, vor allem Führe rinnen und Vertreterinnen interkonfessioneller und christlicher Frauonverbändo geladen. — Die Vorsitzende des JFB.. F r a u Bettina llren n e r, Leipzig, legte einleitend dar, daß der JFB., der durch seine gesamte Arbeit auf kulturellem, pädagogischem, sozialem und religiösem Gebiet seit jeher eine indirekte und vorbeugende „Bekämpfung des Antisemitismus" erstrebt, sich in dieser Zeit schwerster Bedrängnis gezwungen sieht, auch direkt zur Abwehr des Antisemitismus aufzurufen. Neben anderen jüdischen und interkonfessionellen Organisationen, die sich speziell dieser Arbeil widmen, und deren große Verdienste voll anerkannt werden, will der JFB. als überparteiliche, umfassende Organisation der jüdischen Frauen und Mütter die besonderen Kräfte der Frauen aktivieren. Kr sucht zu diesem Zweck eine Brücke der Verständigung und eine Basis der Zusammenarbeit mit Frauen anderer Konfessionen, denen er sich in sozialer Arbeit verbunden weifi. Die Begründerin und langjährige Vorsitzende des JFB., Bertha Pappen he im, Neu-Isenburg, wies darauf hin. da(.t die deutschen Frauen die Wirkung des Antisemitismus gegenwärtig besonders tief nachfühlen könnten, weil die Haltung des Auslandes zu Deutschland in vielem ähnlich sei der Haltung der Christen zu den .luden. Sie kennzeichnete den Antisemitismus als Ungerechtigkeit und Mißbrauch einer Macht gegenüber einer Minorität, als Undankbarkeit gegen eine Gemeinschaft, der die gesamte Kulturwelt große geistige Persönlichkeiten zu verdanken habe, und schließlich als Unklugheil in der Situation, in der sich das deutsche Volk heute befindet. Der tiefe Brual dieser Worte, die unbeugsame sittliche Persönlichkeit, die für ihre Gemeinschaft nicht Toleranz, sondern Recht fordert, hinterließen auf alle Teilnehmer den stärksten Eindruck. Die 2. Vorsitzende des JFB., Frau Paula Ollendorff, Breslau, legte Wege der Verständigung dar, die sie vor allem in der gründlichen Kenntnis des Allen Testaments, der jüdischen Ethik und der jüdischen Geschichte sieht. Daß das Wort „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst" im Alten Testament (8. Buch Mose. Kapitel 1!). Vers IS) steht, daß ein Jesaja das Friedensideal aufstellte, ist auch wohlmeinenden Christen oft unbekannt. Rechtsanwalt Dr. Margarete B e r e n t, Berlin, wies auf die verwandten Schicksalszüge der Frauenbewegung und des Judentums hin. Während der Französischen Revolution besann man sich darauf, daß vielleicht auch die .luden Menschenrechte besäßen, und es tauchte auch der Gedanke der Gleichberechtigung der Frau auf. der allerdings erst lange nach der Emanzipation der Juden seine Verwirklichung fand. In Zeiten wirtschaftlicher und politischer Schwierig keilen werden Frauen und Juden zuerst bedroht und ihre mühsam erkämpften Rechte werden wieder eingeengt. Frati Df, Agnes von Z a h u - H a r n a c k . Berlin, bekannte. «Iffi ifor gjiniw Kuist der Situation, in drin r.irh die jüdische Bevölkerung tiefindet, nicht aus Büchern begriffen werden könne, sondern einem erst aufsteige, wenn man Worte wie die der ersten Referentin höre. Mit Fräulein Pappenheim ist sie der Ansicht, daß der Antisemitismus für Deutschland unwürdig und unklug sei. Sie betonte, daß sie den Bund Deutscher Frauenvereine — zu dessen Vorsitzender sie am Tage vorher gewählt worden war — im Sinne der Gerechtigkeit führen und jeden Verstoß zurückweisen werde. Frau Anna v. Gierke, Berlin, bezeichnete den Antisemitismus als Geisteskrankheit. Sie zeigte besonderes Verstehen für die jüdische Situation, warnte aber auf jüdischer Seite vor Uebereinplindlichkeit. Es sei notwendig, gemeinsame Wege zu linden, um den Antisemitismus zu bekämpfen, aber auch um gewisse Auswüchse, die ihn begünstigen, einzudämmen. Frau L a n d I a g s a b g e o r d n e t e M a r t h a I) 0 n h o f f dankte für die Möglichkeit einer offenen Aussprache, in der man ehrlich seine Meinung sagen dürfe. Sie sieht in der einseitigen Berufssrhichtung der Juden e i n e n Anlaß zu antisemitischem Vorgehen und rät zur Zurückhaltung auf bestimmten Gebieten des öffentlichen Lebens. Frau Lanka von Körber. Leipzig, sprach die Befürchtung aus. daß diese Versammlung um einige Jahre zu spät veranstaltet sei. Der Antisemitismus in den Schulen habe jetzt schon allzu sehr Platz gegriffen; ihn zu bekämpfen wäre vor allem nötig. Sie ermahnt die jüdische Gemeinschaft zu innerer Geschlossenheit und Einigkeit, um den Angriffen von außen besser gewachsen zu sein. Frau Hilde von Gierke. Berlin, betonte die Notwendigkeil, unter jungen Menschen, z. B. in den sozialen Schulen, dafür zu sorgen, daß man einander kennenlernt und respektiert. I Iir soll diese Aussprache ein Hinweis sein, noch stärker als bisher in Kreisen, auf die sie Eiulluß hat. dafür Sorge zu tragen, daß Jüdinnen aus Gedankenlosigkeit keinerlei Zurücksetzung erfahren — ein Grundsatz, der ihr persönlich immer ganz selbstverständlich war. Frau Dr. Edelheim, Berlin, erwthnte die jahrzehntelange Arbeit des Centraivereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf dem Gebiet der Bekämpfung des Antisemitismus und begrüßte WirmstenS das Vorgehen des JFB. Frau Prof. Schulze, Königsberg, sieht neben der Aufklärungsarbeit in den Schulen den wichtigsten Faktor für die Bekämpfung des Antisemitismus im Elternhaus, das die Kinder zur Achtung und zum Verstehen Anderer zu erziehen hat. Sie hob hervor, daß man in christlichen Kreisen mehr Verständnis für Juden hat. die bewußt für ihr Judentum eintreten, als für solche, die es verbergen. Sie versteht es besonders, daß überzeugungstreue Juden von denen, die ihr Judentum verleugnen, abrücken. Frau I s a Gruner. Berlin, sprach als Vertreterin der jüngeren Frauengeneration und bekannte, daß sie durch persönlichen Umgang mit Jüdinnen, durch gemeinsames Erarbeiten jüdischer Schriften, dem Verständnis des Judentums nahegekommen sei. Sie hellt hervor, daß man sich durch Erschließen der geistigen Welt einer fremden Religion auch menschliches Verstehen erwirbt. Frau Schön ewald, Bochum, faßte die Anregungen des Abends zusammen und gab der Erwartung Ausdruck, daß diesem ersten Schritt weitere gemeinsame Arbeil folgen möge. Nachdem ein Vorschlag von Frau Brenner, in einer gemischten Kommission, der christliche und jüdische Frauen zu gleichen Teilen angeboren sollen, weitere Maßnahmen »u beraten einstimmig angenommen wurde, schloß Frau Brenner diese Ausspräche, die von wirklichem gegenseitigem Vertrauen 'jetragen war.