Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 43 (21.10.1931)
- Date
- 1931-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DBB ISRAELITISCHEN RELlülüNSüEMEINÜE ZU LEIPZIG Nummer 43 Kaiser Friedrich (geb. 18. 10. 1831) Von Dr. M a \ II o f in a n n. Zum i.s. Oktober, dem loo. Geburtstag Kaiser Friedriehl, brachten alle Zeitungen und Zeitschriften Artikel über ihn. Wenn noch in der heutigen (ieneratiou, die ihn größtenteils ja nicht mehr persönlich gekannt hat, sein Andenken derartig hochgehalten wird, so ist dies nicht so sehr durch seine Leistungen veranlaßt wie durch die llottnungen, die sich an ihn knüpften. Wühl hat der „ewige Kronprinz" selbst militärisch Größeres vollbracht, als seine Tadlei wahr haben wollten; wohl hat er trotz der von Bismarck durchgeführten Fernhaltung von der Politik auch als Staatsmann in manchen Punkten seine Auffassung durchgesetzt: aber die Verdienste auf diesen Gebieten sind nur den Eingeweihten bekannt: war doch die Regierungsseit des totkranken Helden viel zu kurz, um noch irgendwelche Maßnahmen von größerer Tragweile durchzusetzen. Seine Bedeutung beruht vielmehr darauf, daß er die Ideale einer ganzen (Ieneratiou verkörperte, die nun nach dein bekannten Wort Gustav Kreytags „in der Geschichte ausiiel. weil sie auf dem Thron ausgefallen war". Auch das deutsche Judentum kann in ihm einen FQrsten beklagen, der seine vielfach nur auf dein Papier stehende Gleichberechtigung zu einer wirklichen gemacht hätte. Wenig bekannt ist es, dal.i der Prinz, der erst im 57. Lebensjahre, todkrank, für 89 Tage Kaiser werden sollte, beinahe die Möglichkeit gehabt hätte, schon mit 17 Jahren zur Regierung zu kommen. 1848 wurde in manchen Kreisen ernsthaft erwogen, König Friedrich Wilhelm IV. zum Rücktritt zu bewegen und unter Umgehung des eigentlich berechtigten Prinzen von Preußen dessen Sohn auf den Thron zu erheben. Aus diesem Plan wurde nichts; aber der Umstand, daß er von Führern der liberalen Bewegung ausging, läßt erkennen, was man schon dem Jüngling zutraute. Auch die Erziehung des Prinzen erscheint dadurch in einem bezeichnenden Lichte. Das Priuzenpuar von Preußen war liberaler, als man jetzt gewöhnlich unter dem Eindruck der Bismarckzeit annimmt. Die spätere Kaiserin Augusta w'ar in Weimar unter den Augen Goethes aufgewachsen, und der spätere Kaiser Wilhelm verkörperte den Typus des freiheitlich gesinnten preußischen Ofliziers von der Art von Männern wie Gneisenuu, ( lausewitz. Hoven und Grolman. Sie ließen ihren sämtlichen Kindern eine freisinnige Erziehung angedcihen. Der Leiter der Erziehung des Printen Friedrich war der bekannte Historiker Prof. Dr. Curtius. Wie sie selbst von religiöser Engherzigkeit frei waren (und z. B. jahrzehntelang ihre Gelder der Verwaltung eines jüdischen Bankiers, des späteren Baron v. Cohn, anvertrauten), so wollten sie diese Grundsätze auch bei ihrem Sohne zur Herrschaft gelangen lassen. Der Freisinn des Sohnes sollte allerdings später den der Eltern weit übertreffen. Als der Prinz von Preußen zur Regierung kam, berief er das sogenannte Ministerium der neuen Aera. mit dem er liberale Grundsätze zu verwirklichen suchte. Außenpolitisch bedeutele dies eine Annäherung an England, die darin zum Ausdruck kam. daß der Kronprinz das älteste Kind der Königin Viktoria, die spätere Kaiserin Viktoria, heiratete. Zeitlebens hat denn auch der Kronprinz eine Vorliebe für England und seine Regierungsgruudsätze besessen. Wieweit es richtig ist. daß er darin willenlos den Einllüssen seiner Gattin folgte, ist noch nicht aufgeklärt. Jedenfalls mußte er sofort in Konflikt mit Bismarck geraten, als dieser sein Ministerium mit einem Kampf gegen die Volksvertretung begann. Bekanntlich hat der Kronprinz seiner Abneigung gegen diese Politik öffentlich Ausdruck gegeben. Als Bismarck dann kurz vor dem Krieg von \Hl'Ai sich gleichfalls öffentlich zu liberalen Grundsätzen bekannt«', war die Möglichkeit für ein Zusammenarbeiten der beiden so verschiedenen Persönlichkeiten gegeben. Zum Ausdruck kam dies in dem Entwurf für die Vertassungsurkunde des Norddeutscheu Bundes, au dem neben anderen amtlich damit befaßten Personen auch der Kronprinz mitgearbeitet hat. Besonders sympathisch mußten ihn die darin ausgesprochenen Grundsätze der Gleichheit der Bürgerrechte für alle ohne Unterschied des Standes und der Konfession berühren. Für das Judentum be deutend sind die gemäß den Grundsätzen der Verfassung bald danach erlassenen Gesetze über die Freizügigkeit, die Gewerbeordnung und die Aufhebung aller noch etwa vorhandenen Einschränkungen der bürgerlichen Rechte aus irgendwelchen religiösen Gründen. Alle diese Gesetze wurden dann 1K71 vom neugegrundeten Deutschen Reich übernommen. Durch den Verkehr, den der Kronprini mit führenden Abgeordneten der liberalen Parteien, auch jüdischen Glaubens, pflegte, gewann er auch einigen Einfluß auf die Formulierung der Geset/.- anträge im Reichstag. Das zur Zeit des Norddeutschen Bundes und zu Beginn der 70er Jahre bestehende Einvernehmen mit Bismarck trübte sich aber wieder, je mehr Bismarck wieder Fühlung mit konservativen Kreisen nahm. Dies kam unter anderem auch dadurch zum Ausdruck, daß der Kronprinz mehr und mehr von der eigentlichen Politik ferngehalten wurde. Cm so mehr schloß er sich au die oppositionellen Abgeordneten an. Bekannt ist es, daß das Kronprinzenpaar z. B. zur Leichenfeier Eduard Laakers einen prachtvollen Kranz schickte, obwohl Bismarck dafür Sorge getragen hatte, daß alle offiziellen Kreise der Feier lernblieben. Aehnlich freundschaftlich war das Verhältnis zu Bamberger, den er sogar zu seinem späteren Fiuanziuinister ausersehen hatte. Die kürzlich veröffentlichten Tagebücher der Kaiserin Viktoria haben gezeigt, daß sich Kaiser Friedrich, der bekanntlich mit fortschrittlich gerichteten Abgeordneten, z. B. Monunsen und Virchow, verkehrte, während seiner Regierungszeil Tag für Tag von Raiuberger brieflich beraten ließ. Aus diesen Gedankenkreisen heraus entstand auch sein berühmtes Urteil Uber den Antisemitismus, das er Ende 1879 nach einein längeren Aufenthalt in Italien zu Stadtrat Magnus, dem Vorsitzenden der jüdischen Korporation von Berlin, aussprach: „Die antisemitlsc Ii e Agitation ist eine Schmach für Deutschland. Ich habe mich im Ausland den Ausländern g e g e n ü b e r dieser Agitation g e s c h ä in t." Besonders verletzend für die Gefühle des Kronprinzen war es, daß 1871) an Stelle des liberalen Falk zum Kultusminister Herr von Puttkaiuer ernannt worden war, der diese Agitation offen begünstigte. Infolge der Lahmlegung seines politischen Einllusses konnte der Kronprinz nichts weiter tun, als für seine Person sich von den bekämpften Richtungen fernzuhalten und ein gutes Beispiel zu geben, wie mau sich in seiner Lebensführung verhalten sollte. Soweit sein militärischer Einfluß reichte, sorgte er dafür, daß jüdische Soldaten sich nicht über Zurücksetzung zu beklagen halten. Allerdings konnte auch er es nicht hindern, daß man in der Friedenszeit den Juden die Beförderung zum Reserveoffizier vorenthielt, die man ihnen während des Krieges nicht hatte verweigern können. Als sein Sohn lS7(i und 1877 das Gymnasium zu Kussel besuchte, sorgte er dafür, daß dieser in derselben Weise mit seinen jüdischen Kameraden verkehrte wie mit den christlichen. An der Einweihung der neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin iiuhni er in voller Uniform teil. Als beim Kronprinzen dann im Jahre 188C> die lebensgefährliche Krankheit zum Ausbruch kam, war es natürlich keine leere Form, wenn die Juden mit genau derselben Inbrunst für die Genesung des Thronerben beteten wie die Christen. Wir wissen alle, daß die Gebete leider nichts halfen. Man kann es fast als ein Wunder bezeichnen, daß Kaiser Friedrich den Tod seines Vaters überhaupt noch erlebte. Nachdem der Kehlkopfschnilt vollzogen und er dadurch unfähig zum Sprechen geworden war, verboten sich öffentliche Kundgebungen für ihn von selbst, abgesehen davon, daß auch das rauhe Wetter der ungewöhnlich kalten März- und Apriltage des Jahres 1S8S ein Auftreten im Freien verhinderten. So konnte er seine Grundsätze nur in einer Anweisung an den Fürsten Bismarck und in einer Proklamation an sein Volk zusammenfassen, deren wichtigster Satz lautet: „Ich w 111, da.ß der se 11 Jahrhu n der I e n in meinem Hause heiliggehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner meinen Untertanen, w e I c h er R e I i g i o n s g e in einschalt und w e I c Ii e m B e - k e II u t II i s s e sie auch Hilf! e h ö reu, zu Iii Schutze gereiche. Ein jeglicher unter ihnen steht meinem Herzen g I e i c h n a h e — h a b e u d oeh alle g I e i c h mäßig in de n T a g e n der Gefahr i Ii r e voll e Hing e b u n g b e - w ä h rt!" Wer als Kind diese Zeiten miterlebt hat, wird sich erinnern, daß dieser Satz in schönem mehrfarbigem Druck, umrahmt von Bibel Sprüchen, zusammen mit einem Porträt des Kaisers als eine Art Haus sogen in zahlreichen jüdischen Familien aufgehängt wurde. Zu durchgreifenden Regierungsakten ist es während der!Kt Tage nicht gekommen. Doch bekam wenigstens der Minister von Pull kainer seinen Abschied, und der offizielle Führer der antisemitische! Bewegung, der Hofprediger Stöcker. durfte während dieser Zeil kein. AlllUhandlungen verrichten. Rs is müßig zu fragen, wie sich unser Geschicke gestaltet hätten, wenn Kaiser Friedrich in voller Gesund bell zur Regierung gekommen wäre und ihm ein längeres Leben besrhiedeu gewesen wäre. Ehre seinem Alldenken!