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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-10-09 · 41 (9.10.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
41 (9.10.1931)
Date
1931-10-09
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 OEMBINDEBLATT DBB ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 41 er im Westen lebte, den Stoff zu seiner bekannten Skizze „Im Cheder" Benommen? Wie hätte er den Schmutz des Lehrers, die dumpfe1 Luft des Raumes, die Mißhandlung der Knaben so treu schildern können".1 Nur die Erinnerung an den eigenen Besuch dieses (.'heders machte ihm dies möglich. Franzos war seit seiner Kindheit von der stärkeren Willenskraft, dem trotzigen Stolz seiner Ahnen erfüllt, er war ein Abkomme spanischer .luden. Sonnenschein erzählte mir folgendes ..Als wir an einem herrlichen Sommernachmiltag auf einer Wiese außerhalb der Stadt spielten, erschien ein polnischer Schüler und begann uns ohne Anlaß zu schlagen. Ich lief davon und versteckte mich hinler einem Heuachober. Franzos setzte sich zur Wehr, und bald horte ich das wilde Schreien des besiegten Angreifers. Nun bekam auch ich Mut. kroch aus dem Versleck und eilte Franzos zu Hilfe. F.rhost darüber. dal.i ich ihn vorher im Stiche ließ, wies er mich mit den Worten ab: .Ein Sieger pfeift auf Beistand!' Der von ihm verprügelte Gegner rief indessen in polnischer Sprache: ,Warle du .lud!" und lief davon. Wir holten ihn ein. Franzos ergriff den Erschrockenen: .Wollte dir nur sagen, dal.t es mir eine Ehr»1 ist Jude zu sein!' Franzos blieb, trotz der assimilatorischen Einflüsse des Vaterhauses, dem Judentum treu. Einmal suchte er um ein Stipendium nach. „Ihre Eignung sieht außer jedem Zweifel", erklärte ihm der Landeschef der Bukowina, „aber . . ." Franzos blieb unbeugsam und hat das Stipendium auch nicht erhalten. Er hatte in Graz ein Liebesverhältnis. Das Mädchen sagte: „Mir bricht das Herz, aber Sie sind Jude!" Franzos wendete sich stolz ah. Er wollte Richter werden, das Judentum stand ihm im Wege. Rührend ist sein Bekenntnis: „Ich wurde kein Frommer im Lande, aber mein Interesse für das Judentum, das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden wurde ungleich stärker als bisher." Er liebte diese Kaftanjuden, die er in seinen Werken so streng behandelte. Durch das Hinscheiden seines Jugendgeiiossen erinnerte ich mich, daß in Wien die Witwe des Dichters noch lebt, und entschloß mich, ihr einen Besuch abzustatten. Ein Patrisierhaua an der Wieden. Man muii nicht hochsteigen, um zu der Wohnung von Ottilie Franzos zu gelangen. An der ersten Treppe schon liest man auf einein Türschild den Namen „Franzos". Eine hohe, weißhaarige Frau, von deren Gesicht man den geistigen Adel abliest, reicht mir mit echt wienerischer Anmut die Hand zum Gruß. Die heule vierundsiebzigjährige Dichterwitwe war eine treue Arbeitsgefährtin ihres Mannes, hat an seiner Zeitschrift „Deutsche Dichtung" mitgearbeitet und auch in anderen deutschen Blättern Beiträge veröffentlicht. Lieber diese Frau schrieb Geheimrat Ludwig Geiger, der bekannte deutsche Literaturhistoriker, im Nachruf, den er Karl Kmil Franzos widmete, folgendes: „Fr hatte eine Perle des weiblichen Geschlechtes als Gefährtin gefunden, einen Enge] des Lichtes, sie war dem Gatten wirklich eine Glücksgöttin." Nun sitze ich. ein Kind des Ghettos, in tiefer Rührung der Witwe des Dichters des Ghettos gegenüber. Ich leitete das Gespräch durch ein Talmudwort ein. wonach der Gattin eines Gelehrten die gleiche Verehrung wie dem Gatten gebührt (Aboda zara :t!)a). Diese Ansicht über die Stellung der Frau eines bedeutenden Mannes im Judentum gefiel der auf ihren Mann ungemein stolzen Witwe. Ich bat sie, mir einiges aus ihrem Leben zu erzählen, besonders wie es zu ihrer Verbindung mit dem jungen Dichter aus dein Osten gekommen sei. Ottilie Franzos scheint wohl wortkarg zu sein, aber ihre Art, über den Dichter zu sprechen, ist bezaubernd. Mir kam es vor, als wenn sie zu mir, dem einzigen Ostjuden, der mit ihr seit dem Hinscheiden ihres abgöttisch geliebten Mannet sprach, besonderes Vertrauen halle. Ottilie Franzos erzählte mir viel Schönes aus ihrer Vergangenheil (die Gegenwart sieht leider auch für sie nicht rosig aus). Sie ist eine geborene Benedickt. Zwei ihrer Brüder, Dr. Edmund Benedickt und Prof. Dr. Rudolf Benedickt, beide Manner von überragender Bedeutung, der erste als Verteidiger, der zweite als Chemiker, sind bereits gestorben. Ob als Juden? Ottilie Franzos und ihre zufällig anwesende Schwester sehen sich verlegen an und weichen einer Antwort aus. Schließlich wird die Frage von der Schwester verneint. Mütterlicherseits stammt Frau Franzos von der Familie Mauthner. Der Urgroßvater Isaak Mauthner, dessen Bild mir gezeigt wird, starb im Alter von 111 Jahren. Einer seiner Enkel, Fritz Mauthner, erzählt in seinen Erinnerungen ausführlich Uber ihn. Ottilie erinnert sich seiner, als er, 100 Jahre alt, aus der böhmischen Kleinstadt Hostiz nach Wien kam, und sie fürchtet beinahe, daß auch sie so lange die Bürde des Lebens werde tragen müssen. Ihre Mutter hatte vier Brüder, die alle im alten Oesterreich Rang und Namen hatten, darunter Josel Mauthner, der Lyriker, der im Jahre 1S4S neben dem Dichter Moritz Hartmami auf der Barrikade stand. Ferner Philipp Ritter von Mauthner, der bedeutende Wiener Advokat. Max F'reiherr von Mauthner, Herrenhausmitglied und Präsident dei Handelskammer. Schließlich der berühmte Wiener Augenarzt Dr. Ludwig Mauthner. Wie es zu Frau Ottilies ehelicher Verbindung mit dem Dichter kam'.' Es war der Dichter Ludwig August Frankel, dein Franzos während eines Soinmeraufenthaltes in Gmunden nahetrat, der ihn in das Haus ihres Vaters, des Kaufmannes Benedickt, eingeführt hat. Die beiden lernten sich kennen und lieben. Am 29. September 1870 fand ihre Verlobung statt und am 28. Jänner 1877 folgte sie ihm beglückt zum Traualtar. Ludwig August Frankel und seine Gattin stunden an Franzos' Seite als Trauzeugen, Adolf Jellinek vollzog die Trauung Zuerst lebten sie in Wien, Schulhof 4; Franzos hat wiederholt in seinen Skizzen diesen stillen Winkel reinen Glückes geschildert. Dann übersiedelten sie nach Berlin, wo ihr Mann Anerkennung fand Siebenundzwanzig Jahre lebten sie in vollem Glück ihrer Ehe, bis ei ihr durch den Tod an ihrem Hochzeitstag entrissen wurde. Sie lebt seither ununterbrochen in Wien. Materielle Verhältnisse'? Nun, wie es heutzutage den meisten Menschen dieses Landes ergeht. Cotta, der Verleger ihres Mannes, hält in Treue zu ihr. Den literarischen Nachlaß des Dichters ließ sie den Sammlungen der Stadt Wien ein verleiben. Nach dem Tode von Karl Emil Franzos wurde gemunkelt, daß ei getauft gewesen sei. Später entfesselte diese Frage sogar eine Dis kussion in der Presse. „Kein Wort ist daran wahr", sagte Ottilie Franzos erregt und erho sich von ihrem Sitze. „Hätte mein Mann diesen Schritt begangen, e hätte viel größere Erfolge verzeichnen dürfen. Er lebte als Jude un starb als solcher." In der gedruckten Gedenkrede von Geh.-Rat Dr. Ludwig Geiger, d< Dichters besten Freundes, heißt es: „Er war ein Schilderer jüdische Lebens, weil er ein treuer Jude war." Gemeindesitzung vom 5. Oktober 1931 (Nach der amtlichen Niederschrift) Der Vorsitzende, ib-rr Gemeindevorsteher Qoldschmidt, eröffnet die Sitiung um 18 Uhr IM) Minuten. 1. Es liegt ein Antrag der liberalen Fraktion der Gemeindevertretung vor. die satzungsgemäß am Ende dieses Jahres vorzunehmende Wahl zur Gemeindevertretung um ein Jahr zu vertagen und die Amtsdauer der gegenwärtigen Qemeirjdevertreter um ein Jahr zu verlängern. Herr Dr. Conrad Qoldschmidl teilt mit. daß Besprechungen mit der Volkspartei stattgefunden haben, die zwar zu Verhandlungen bereit sei. aber auf der Wahl Ende dieses Jahres bestehe. Redner hält eine Wahl unter den jetzigen Zeitumständen sowohl wegen der wirtschaftlichen als auch politischen Lage für sehr unerwünscht und bittet deshalb um Annahme des A nt r!*(,e«. Herr Stein spricht gegen den Antrag im Interesse der Beiriedung der Gemeinde. Das zahlenmäßige Ergebnis der letzten Wahl zeige, daß mindestens die Hälfte der Gemeindemitglieder gegen den Vorschlag sei. Die liberalen Vertreter sollten in heutiger Zeit Diel allein die Verantwortung für die Führung der Gemeindegesrhäl! tragen. Redner verweist auf einen auf der Tagesordnung stehend' i Antrag auf Aenderung des Wahlrechtes der vereinigten demokra sehen und orthodoxen Partei. Mau möge eine Kommission ei - setzen zur gemeinsamen Beratung über eine Aenderung des Wa' rechtes. Zu erwägen sei eine Verknüpfung dieses Antrages mit d< i Antrag der liberalen Fraktion. Herr Kodes teilt mit, daß seine Partei mit Ausnahme des Hei i Stein im Hinblick auf die gesamten Verhältnisse der Jetztzeit geg eine Wahl sei. Herr Stein würde dem Antrag auf Verschiebung der Wahl unl r gewissen Voraussetzungen zustimmen. Herr Dr. Conrad Goldschmidt glaubt, daß hierüber eine Verstauigung möglich ist. Er schlägt vor, daß zum Antrag der liberal a Fraktion der Zusatz hinzukommt, daß eine Kommission eingese t

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