Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-09-25 · 39 (25.9.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968779-5969270--4141-4878483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

25. September 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülüNSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seile 3 und er verbindet — den jüdischen Traditionen entsprechend — in glücklichster Weise seine Autgabe mit den Aufgaben der allgemeinen jüdischen Wohlfahrt. Der Verein FAMILIENSCHUTZ hat es sich zur Aufgabe gestellt, seinen Mitgliedern durch Leistung kleiner und kleinster Beitrage, deren Zahlung auch noch dem geschwächten judischen Mittelstand durchaus möglich Ist, eine kleine Lebensversicherung iu schaffen, die beim Tod des Versicherten fällig wird und dazu dient, die durch den Tod entstandenen Kosten zu decken und darüber hinaus der Familie die schwersten Tage überstehen SU helfen, ohne dafl fremde Hilfe in Anspruch genommen werden muß. Damit ist dem deutschen jüdischen Mittelstand endlich die Möglichkeit gegeben, seine Familie durch Selbsthilfe zu sichern, zu verhindern, dafl nach dem Tode des Ernährers die Hinterbliebenen geswun- Ken sind, den bitteren und schmerzhaften Wen zum Wohlfahrtsamt 'ii gehen. Auch die jüdischen Gemeinden sind aufs stärkste daran interessiert, dafl ihnen nicht durch Todesfälle plötzlich außerordentliche Kosten erwachsen. Schon ist der Kall nicht mehr selten, in dem jüdische Gemeinden, vor allem natürlich kleine Mittelgemeinden, in schwere finanzielle Bedrängnis geraten, weil die Zahl der kostenlosen Bestattungen außerordentlich gewachsen ist. Die Gemeindebudgets sind derart angespannt, dal! alles vermieden werden muß, was die Ausgaben erhöht. So ist es verständlich und begrüßenswert, daß bereits namhafte Gemeinden dem Verein FAMILIENSCHUTZ in corpore beigetreten sind, um für alle Gemeindemitglieder die Mitgliedschaft zu erwerben. Andere Gemeinden haben den Weg gewählt, ihren Mitgliedern den freiwilligen Heitritt zu empfehlen. Selbstverständlich ist der Verein so aufgebaut, daß die Rechte der Mitglieder vollauf gewahrt sind. Durch die Rückdeckung, die der Verein bei der großen Lebensversichenmgs-Gesellscbatt Phönix gefunden hat, ist die absolute Gewähr gegeben, dafl alle Verpflichtungen, die dem Verein erwachsen, jederzeit in vollem Umfang gedeckt werden. Die jüdischen Männer und Krauen, die den Verwaltungen! bilden und unter denen man die besten und bekanntesten Namen des deutschen Judentums findet, bürgen weiterhin für die Zuverlässigkeit des Vereins. Der Gedanke des Vereins FAMILIENSCHUTZ hat in außerordentlich kurzer Zeit großen Anklang gefunden, interessnnlerweise auch weit über die Kreise des kleineren Mittelstandes hinaus. Denn niemand weiß, ob die guten Positionen, über die er heute noch verfügt, in wenigen Jahren, Vielleicht in wenigen Monaten, ihm noch erhalten ist. Der kleine Betrag, den diese Versicherung erfordert, ist auch dann noch aufzubringen, wenn sich die Verhältnisse ändern sollten, bleibt man aber in der glücklichen Position, die man etwa heule noch innehat, so besitzt man eben noch eine kleine zusätzliche Lebensversicherung für seine Angehörigen, die auch alle Vorteile der großen Versicherung bietet. Doch es wäre dies kein jüdischer Verein, wenn er nur auf Schutz seiner Einzelmitglieder bedacht wäre. Kr will gleichzeitig, in einer Zeit, in der das jüdische Wohlfahrtswerk auf das stärkste bedroht ist, in der es kaum gelingen wird, die jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen, die in besserer Zeit aufgebaut wurden, zu erhalten, seine Dienste und seine Einnahmen der jüdischen Wohlfahrtspflege zur Verfügung stellen. Die Erträgnisse, die das Versicherungsgeschäft sonst den privaten Versicherungsgesellschaften abwirft und die Ueherschüsse, soweit sie nicht bestimmungsgemäß den Versicherten selbst zugute kommen, wird der Verein dein jüdischen Wohlfahrtszweck zur Verfügung stellen. Es ist für die Jüdische Wohlfahrtspflege von besonderer Bedeutung, daß dieser Weg hier zum erstenmal beschritten wird. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen .luden hat die Verpflichtung übernommen, die Ueherschüsse des Vereins zu kontrollieren und dafür Sorge zu tragen, daß diese Ueherschüsse den jüdischen Wohlfahrtsanstalten in Deutschland zugeführt werden. Die alte jüdische Idee vom Zusammenschluß der .luden zum Schutze der Einzelnen und zum Schutze der Gesamtheit fand im Verein KAMILIKNSCHUTZ eine für die heutige Zeit ausgezeichnete Anwendung. Der Einzelne soll an seine Pflicht erinnert werden, für schlechte Tage durch Einzahlung kleinster Beträge vorzusorgen und außerdem ohne geringste Mehrbelastung der Gesamtheit dazu zu verhelfen, das Wohlfahrtswerk, das unter großen Mühen aurgebaut wurde, zu erhalten. Im Interesse der jüdischen Gesamtheil und der jüdischen Familie ist die Tätigkeit des Vereins aufs wärmste zu begrüßen. Aus aller Welt Line neue Theorie über den Ursprung des Alphabets. Der Orientalist der Universität Chicago, Professor Martin Sprengling, hat soeben eine Monographie über die Sinai- I afein veröffentlicht, die im Jahre 1!K)4 von Sir Künders Petrie gelinden wurde. Auf Grund der Uebersetzung der Inschriften auf liesen Tafeln ist Professor Sprengling zur lleherzeugung gelangt, laß die Erfindung des Alphabets nicht, wie bisher allgemein angelommen wurde, auf die Phönizier, sondern auf einen beduinisrheu '.erg werksauf sehe r zurückzuführen ist, der ungefähr in der Zeit von «.VI is<Kl vor dem Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung in der inaiwüste für die Aegypter arbeitete. Professor Sprengling glaubt, lafl dieser Beduine ein einfaches System von '21 Lautsymholeu zur Mi f Zeichnung von Bergwerksvorfällen erfunden habe, um durch dieses SS ihm zu schwierig erscheinende ägyptische Hieroglyphensystcm 'i ersetzen. Bisher sind I I [nschrifttafeln vom Berg Sinai bekannt. Professor prengUng hat nachgewiesen, daß die meisten von ihnen der Baalat. •r weiblichen Form des Q Ott es Baal, gegen dessen Kult Moses und ie Israeliten gekämpft haben, geweiht sind. Es handelt sich teils ii Danksagungen, teils um Bitten an die Göttin. Es finden sich auch n weise OUl das östlich vom Sinai gelegene Land Se'ir. was den liluß zuläßt, daß die Leute, die diese Inschriften angefertigt haben ld unter ägyptischer Leitung iu den Bergwerken arbeiteten, aus sein Lande stammten. Auf einer der Tafeln hat Professor Sprengg folgende Inschrift entziffert: Ich bin der Bergmann Sahniilat. Aufer des Schachtes 4. Die Verbreitung des Alphabets stellt sich Professor Sprengling so r, daß das Wilstenvolk, das das Alphabet in der Sinaiwiiste erf iden hat, in einer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs aus den Berg' rken nach allen Richtungen fortgewandert sei. Er nimmt an, daß i eine (iruppe nach Palästina und Syrien gewandt und sich dort I den Volksstämmen der Kutmaniter und Phönizier entwickelt habe, d von den Israeliten 350 .fahre später in diesen Gebieten angell fen wurden, während eine (weite (iruppe nach Südarabien, eine (l de, aus der sich später die Aramäer entwickelten, nach Norden gewandert sei. Von dieser letzten (iruppe aus habe das Alphabet den Weg nach Indien gefunden, von wo es von den Arabern nach der Eroberung des Landes im Jahre (550 iu die Türkei und nach Europa gebracht worden sei. Jüdische Verbände und Gemeinden Die Bevölkerungsbewegung der Berliner Juden im 2. Halbjahr 11)30. In einem im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Berlin" erschienenen Aufsatz stellt Dr. Hubert Pol lack auf (irund zahlenmäßiger Beobachtungen, die seit dem 1. Juli 1!)3<) durch das statistische Büro der Jüdischen Gemeinde Berlin vorgenommen wurden, eine Untersuchung über die natürliche Bevölkerungsbewegung der Berliner Juden im 2. II a I b j a h r 11)30 an. Die statistischen Daten zeigen, daß die Geburtenziffer der Berliner jüdischen Bevölkerung ständig sinkt, und daß der Oeburtenausfall durch den Rückgang der Sterblichkeit nur teilweise wettgemacht wird. Aus rein jüdischen Ehen wurden in der Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember UKW) in Berlin HO Kinder (284 Knaben. 206 Mädchen) lebend. 13 Kinder (0 Knaben, 7 Mädchen) tot geboren. Dazu kommen noch 47 uneheliche Kinder jüdischer Mütter, darunter 40 lebend geborene. Aus Mischehen mit nichtjüdischer Mutter stammen 7(i. aus Mischehen mit jüdischer Mutler öl Kinder. Selbst unter der Annahme, daß im 1. Halbjahr die (iehurtenanzahl etwas größer war, steht fest, daß die noch nicht ermittelte (ichurtenzahl für das Gesamtjähr 1930 niedriger sein wird als für 15)21), und damit die niedrigste Geburtenaahl sein wird, die seit Bestehen der Stadtgemeinde Oroß- Berlin ermittelt worden ist. Unter den ehelich Lehendgeborenen befinden sich 54.9% erste, 28,18",, zweite, 8,.">4% dritte, 3,81% vierte Kinder. Bei den Kindern aus Mischehen mit jüdischer Mutter betrug die Zahl der Erstgeborenen 52,94%. bei den Kindern aus Mischehe mit nichtjüdischer Mutter (50,33%. Es überwiegt somit durchgängig das Einkindersysteiu, am stärksten in den gemischten Ehen von jüdischem Mann mit nichtjüdischer Frau. Die Zahl der reinjüdischen Bhesehlieflungen belief sich im 2. Halbjahr 19B0 auf 547. Von den männlichen Partnern waren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.