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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-09-25 · 39 (25.9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 3!» Vom Golem zum Flugzeug Von Dr. Hugo Spiegier. In diesem Monat jährt sich tum hundertsten Mal der Geburtstag des großen .luden S. Milieus, der das Automobil erfunden hat. Die Mechanikergenossenschaft von Wien, wo der geniale, aus Mecklenburg stammende Techniker seine letzte Ruhestätte gefunden hat. rüstet sich, sein (irali mit einem würdigen Denkmal zu schmükken. Für uns, seine Glaubensgenossen aber ist der Gedenktag «*in Anlaß, die technischen Großtaten von .luden zu registrieren und der Präge nachzugehen, Ob und inw iefern diese Taten im jüdischen Geiste verwurselt sind. Da ist in erster Linie der Wiener Philosoph und Techniker Popper-Lynkeus zu nennen, dem die Aeronautik die Erfindung des Luttkondensators, die Anwendung des Gyroskops, die Anregung zur Herstellung von Landungshiten und eine Verbesserung der Propellerschraube verdankt. Die Juden I) a V i da 0 h n und R u in ple r haben Flugmaschinon, David Schwarz., auf dessen Spuren Graf Zeppelin in die Unsterblichkeit einging, das lenkbare Luftschiff aus Aluminium erfunden. Schließlich seugt das Luftschiffmodel] eines Wiener — KOrschnermeisters namens Qoldschmid, das in Oesterreich patentiert wurde, wie weite jüdische Schichten von dem Interesse für das technische Problem erfaßt wurden. Auch der Automobüerflnder Marcus wollte zuerst den von ihm erfundenen Benzinmotor in den Dienst der Luftschiffahrt stellen, begnügte sich aber dann damit, den Verkehr auf der Erde zu revolutionieren... Diese, übrigens hier keineswegs vollständig namhaft gemachte (iruppc technischer Theoretiker wird ruhmvoll erginst durch die (iruppc jüdischer Männer der Tat. die seihst nichts erfunden haben, aber durch ihren Mut den Erfindungen anderer zur praktischen Erprobung verholten haben. Hier sind vor allem die jüdischen F'liegerhelden zu nennen, deren glorreiche Taten im Dienste des Vaterlandes während des Weltkriegs PelixTheil h S b e r in seinem bekannten Buche festgehalten hat. Ks gibt aber noch eine dritte jüdische Gruppe, die den theoretischen Schöpfergeist der ersten mit dem Mute und dem praktischen Tatendrang der zweiten aufs glücklichste in sich verbunden hat. Hierher gehört Levine, der den Oseanflug New-York—Kottbus nicht nur geistig inspiriert und finanziell ermöglicht, sondern auch personlich mitgemacht hat. Hierher zählen wir mit Stolz den jumien Wiener .luden Robert Kr o n f e I d . der als Pionier des Segelfluges wissenschaftlicher Wegbahner und lugleicfa heldenhafter Rekordtrüger im motorlosen Fliegen ist. Der Ingenieur Aldo Pontremoli, der den verhängnisvollen Nnrdpolflug Nobiles mitgemacht hat und bis heute verschollen ist. war Mitglied der Mailänder Judengemeinde. Und bekanntlich ist auch der mutige Retter Nobiles. der russische Professor Samoilowitsch Jude. Diese heldenhaften Wissenschaftler unserer Tage haben jüdische Vorgänger in längstvergessenen Zeiten. So ist es fast gewiß, daß auch der Entdecker Amerikas. Christoph Kolumbus, jüdischer Abstammung gewesen ist und zwar nicht nur er selbst, sondern auch die Gefährten seiner wagemutigen Fahrt. Seriöse spanische Historiker lieferten hierfür eine ganse Reiht" beachtenswerter Iteweise und setzten sich damit in Widerspruch zu den dilettantischen Theorien Houston Stewart Chamberlains, der den Kolumbus und seine Begleiter als typische Besitzer des „in arischen Langscbädeln unruhig hämmernden, stets vorwärts treibenden Gehirns" charakterisiert. Nun muß solch ein Gehirn doch wohl auch in den „semitischen Kurzschädeln" der Kronfeld, Levine, Pontremoli usw. wirksam gewesen sein. Aber wichtiger als die Widerlegung der physiologischen Phantasien Chamberlains und seiner Nachbeter erscheint uns die psychologische Krgründung des jüdischen Interesses für die technischen Probleme. Ist dieses Interesse eine Folge der Assimilation oder ist es zutiefst im Urgrund der jüdischen Seele verankert? Die geheimsten Sehnsüchte der Menschenseele offenbaren sich nach Professor Freuds Psychoanalyse im Wunschtraum. Die Wunschträume von Völkern und anderen typischen Gemeinschaften spiegeln sich in deren Mythen. Wir müssen also in den Horn der jüdischen Sagen- und Märchenwelt hinabtaucheu. um zu ergründen, ob und in welchem Rahmen die jüdische Seele von der allgemein-menschlichen Sehnsucht erfaßt erscheint, die rohe Materie zum Leben zu erwecken und sich dienstbar zu machen, so erst wahrhaftig zum Ebenbilde Gottes werdend. Und da stoßen wir auf die Saue vom Prager Golem, dieser Lehmflgur, die vom hohen Rabbi Low zur Abwehr der Juden- Verfolger geformt, lebendig gemacht und schließlich — wieder vernichtet wurde. Den Grund dieser Vernichtung enthüllt wohl am tiefsinnigsten das ..Golem'-Drnina des hebräischen Dichters Leiwik. das von der Habiiua überall in der Originalsprarho gespielt, in Warschau auch schon in polnischer Uebersetxung aufgeführt und jüngst auch als Oper gesungen worden ist. Diese Bühnendichtung zeigt, wie die zum Leben erweckte Materie ihren Beiebern zum Verderben wird, wenn sie sie zum Rachewerkseug, zum Instrument blutiger Vernichtungstriebe entwürdigen. Welch erschütterndes Symbol für den Mißbrauch der technischen Errungenschaften im Weltkrieg! Doch die jüdischen Techniker unserer Taue dienen nicht dem Geist des Hasses, sondern dem der Annäherun); der Länder und Menseben. Ein tiefer seelischer Abgrund liegt zwischen dem Schöpfer des Golems und dem des rekordreichen Segelflugzeuges Kronfelds und dem Fhl|!zcu|!. das Levine über den Ozean getragen hat. Freuen wir uns, daß das Judentum diesen Abgrund innerlich überwunden hat! Die ({rücke über ihn führte aus dein Ghetto in die Freiheit, aus dem seelenvergiftenden Pesthauch der Abgeschlossenheit in die lebensbejahende Gemeinschaft aller Menschen, in denen, bewußt oder unbewnl.lt, die messia nisrhe Sehnsucht unserer Propheten zur Schöpferischen Tat wird Ein Pfeiler dieser Krücke ist auch das Lebenswerk des Automobil erfinders Marcus, dessen Gedenktag wir in diesem Monat gemeinsau mit der ganzen Kulturmeiischheit, alter als Juden auch noch in einen ganz besonderen Sinne festlich begehen können. Familienschutz durch Selbsthilfe Von A. Rheinländer. Zwei Gesichtspunkte verdienen in diesen schweren Tagen besondere Ib-achtung. Zunächst die Erkenntnis der wirtschaftlichen Labilität. Wir erleben, daß angesehene Firmen plötzlich schwanken, jeder von uns kennt unzählige Familien, die wirtschaftlich anscheinend durchaus gesichert waren, bei denen es sich jedoch nach dem Tod des Familienoberhauptes herausstellt. dalS die gesamte wirtschaftliche Substanz geschwunden ist. Die Festigkeit, die Stabilität früherer Zeiten scheint auf lange hinaus gesehwunden, die Zuckungen und ununterbrochenen Veränderungen des Wirtschuftslebens im allgemeinen bedingen auch schnelle Veränderungen in der Wirtschaftssituation des einzelnen. Man darf sagen, da Ii diese Erkenntnis heute bereits Allgemeingut geworden ist. Nicht Allgemeingut ist jedoch der zweite Gesichtspunkt, daß es auch diesen Erscheinungen gegenüber im wesentlichen auf Selbsthilfe ankommt. Der Träger des jüdischen Lebens ist seit jeher die Familie. Zum ältesten jüdischen FIrbgut gehört die heilige Aufgabe, die Familie zu erhalten und für sie auch über die Tage des eigenen Lebens hinaus zu sorgen. Die F.rkennlnis muß sich wieder durchsetzen, daß dies auch heute nur auf dem Weg der Selbsthilfe möglich ist. Die jüdischen Gemeinden sind heute nicht mehr in der Lage, ihren laufenden Wohlfahrtsverpllirhtungeu nachzukommen und die dringende Nöte des Tages zu lindern. So gilt es. sich auf eigene Kräfte zu besinnen. Von größter Bedei lung ist dies für den jüdischen Mittelstand. Wer die zahllosen Bitb und Gesuche kennt, die sich in den jüdischen Wohlfahrtsämtern hä fen, der weiß, wie groß die Verwüstungen sind, die der jüdische M telstand in Deutschland erlitten hat. Weite Kreise des jüdischen M telstandes sind nicht mehr in der Lage, die Prämien für hohe Leiten Versicherungen aufzubringen. So häufen sich in allen Gemeinden d Fälle, in denen die Familien nach dem Tode des Versorgers nie einmal mehr imstande sind, Kosten für die Bestattung, die letz Pflicht, die sie dem Verstorheuen zu erweisen haben, zu tragen. D Zahl der Bestattungen, die auf Kosten der Gemeinden vorgenomni werden muß, wächst in beängstigendem Maße. Aul diesem Gebiet« versucht der Gemeinnützige Verein „FAMILIE SCHUTZ", auf dessen segensreiche Tätigkeit nicht genug hingewie» l werden kann, Abhilfe zu schaffen. Kr versucht, in jüdischen Kreis das einzuführen, was in nichtjüdischen Kreisen seit langem eingefOl 1 ist, nämlich eine Art Klein-Lebensversicherung einzurichten. Ab er geht Uber den Rahmen der iiiehtjUdischen Anstalten weit hin.;

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